Der Ritterschlag

Wunderbar. Jetzt schreibe ich Kolumnen. Das ist die Königsdisziplin des Journalismus, ein bisschen wie der Ritterschlag der Queen. Um die Kunst zu beherrschen, lohnt es sich, von den Granden des Genres zu lernen. Naheliegenderweise am ehesten von Kurt W. Zimmermann, dem Medienkolumnisten par excellence.

Er erklärt wöchentlich, wie viel besser die Schweizer Publizistik doch wäre, wenn er wieder Verlagschef sein dürfte, nicht von einem Blatt versteht sich, sondern am besten von dreien: «<Tages-Anzeiger>, <Blick> und <NZZ> sind nach klassischen Kriterien die drei am schlechtesten gemachten Zeitungen der Schweiz. Bei <Tages-Anzeiger> und <Blick> ist es eine linksetatistische Brille, durch die man die Welt betrachtet, bei der <NZZ> ist die Brille rechtsliberal.» Zimmermann konstatiert dies ausgerechnet in der «Weltwoche», einem Blatt, das den Kampf um die ideologische Ausgewogenheit nicht jede Woche gleichermassen souverän gewinnt.

Damit sind wir bei der ersten Erkenntnis. Der Kolumnist darf schreiben, was er will. Wahr oder nicht wahr spielt keine Rolle – wer ihm glaubt, ist selber schuld.

Übertrieben? Mitnichten. «Der Islam ist eine totalitäre Weltanschauung. Koran und Scharia liefern ihm die Gesetze für eine Gesellschaft ohne Demokratie und Rechtsstaat», heisst es andernorts. Herrlich. Man muss diese Worte auf der Zunge zerfliessen lassen wie bräunlich-klebrige Zuckermasse.

Ach ja, sie stammen von Frank A. Meyer, das ist der Vater aller Schweizer Kolumnisten, jetzt also auch meiner.

Okay, okay, es ist billig, sich am Populisten im «Sonntagsblick» zu orientieren. Die intellektuelle Herausforderung ist anspruchsvoller: «Der Spielraum des Wahlbedarfs hat stetig und massiv zugenommen», lese ich in einer profunden Analyse über den steigenden Energiebrauch. Hä?

Schwurbel, schwurbel. Keine Sau kommt daraus, aber gescheit tönt die Erkenntnis von Beat Kappeler in der «NZZ am Sonntag». Sie bringt uns zur zweiten Erkenntnis: Der Kolumnist darf so unverständlich schreiben, wie er will. Es glaubt ihm ja ohnehin keiner.

Oder vielleicht doch? Wenn auch nur im Ausnahmefall, und der Schreiber längst kein professioneller Journalist mehr ist, sondern gesellschaftliche Anerkennung geniesst wie der Ostschweizer Unternehmer Edgar Oehler. Der ehemalige Chefredaktor der «Ostschweiz» hält im «Cash Daily» tiefsinnig fest: «Wir müssen den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wir haben die Schwachen zu stärken und die anderen davon zu überzeugen, dass das notwendig ist.» Wie klar. Und wahr.

Rolf Hürzeler, vormals Medien- und Kulturredaktor bei «Facts», ist derzeit als Kulturchef beim Pendlerblatt «News» tätig.

von Rolf Hürzeler | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Der Ritterschlag»

  1. Pascal:

    Sowas kann man eben auch nur bloggen. In der Zeitung hiesse es wieder „wir ziehen nicht über Kollegen her“. Mühsam sowas…

  2. @Pascal
    Genau, weil in einem Blog liest es ja niemand ;-)
    Oder doch? Huch, woher kommen auf einmal all die Leute. Guten Tag Herr Zimmermann! Hat ihnen die Kolumne gefallen? Ich zieh dann gerne auch mal über Sie her, abwarten…

  3. Nana… nicht so sarkastisch. Die Zeitungen sind allesamt politisch unabhängig, damit auch die Kolumnisten. Wobei mir hier ein Wortspielchen einfällt. Nehmt mal bei Kolumnist das n raus… ;)

    Christian

  4. N31789V:

    Eine Meta-Kolumne über das Kolumnenschreiben.

    Sen
    sa
    tio
    nell
    !

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