Medienpopulismus

(Die nachfolgenden Überlegungen wurden von Prof. Kurt Imhof als Kommentar zu Edgar Schulers Kolumne «Rudeljournalismus» gepostet. Zur besseren Lesbarkeit seien sie hier noch einmal wiedergegeben.)

Von Kurt Imhof

Nico Luchsinger hat Recht. Es handelt sich um eine wichtige und – wie auch Bobby California meint – spannende Diskussion. Wir verdanken sie Edgar Schuler, der sich hier mit dem offensichtlich irritierenden Begriff «Rudeljournalismus» auseinandergesetzt hat.

Ich möchte nun die Diskussion um einen Aspekt erweitern, der weit über die journalistische Betroffenheit bezüglich Rudeljournalismus hinausgeht aber direkt damit zusammenhängt. Ich reite auf der gleichförmigen Berichterstattung der Fälle Rhäzüns, Steffisburg, Seebach und Schulklasse Borrweg deshalb herum, weil es sich bei diesen Kommunikationsereignissen um diejenigen handelte, an denen die SVP ihre Wahlkampagne gegen die Delinquenz ausländischer Jugendlicher mitsamt ihrer Ausschaffungsinitiative «aufhängte». Damit stellen Rhäzüns, Steffisburg, Seebach und die Schulklasse Borrweg die Wiederholung das Falles Pascal Brumann in Zollikon bzw. des Messerstecherinserats 1993 und der entsprechenden Kampagne bis hin zur Verwahrungsinitiative dar.

Interessant an dieser Eventisierung des Politischen ist, dass sie Kennzeichen des Erfolgs links- wie rechtspopulistischer Bewegungen bei weitem nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa ist. Der politische Populismus gedeiht nur in einem medienpopulistischen Kontext, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Ereignisse mit möglichst hohem Moralgefälle, also maximalem Empörungspotential und Nachrichtenwert, gleichförmig, also ohne politisch-publizistischen Konflikt, aufgeheizt werden.

Die Gleichförmigkeit der Berichterstattung liess sich nun in diesen Fällen und zwar von den Gratiszeitungen bis zur «NZZ» und von den News von Tele Züri bis zur «Tagesschau» kaum mehr überbieten. Die dadurch geschaffenen, moralisch aufgeladenen Aufmerksamkeitsfenster wurden dann systematisch politisch instrumentalisiert. Gleichzeitig vergrösserte diese politische Instrumentalisierung den Nachrichtenwert der Ereignisse. Im Masse also, wie die Gleichförmigkeit der Empörungsbewirtschaftung zunimmt, verbessern sich die Opportunitätsstrukturen populistischer Akteure und damit verändern sich die Agenda des politischen Systems und die Wahrnehmungsstrukturen der Bürgerinnen und Bürger.

Anhand der hier diskutierten Fälle lässt sich nun erstens zeigen, dass über sie massgeblich die Debatte über die Delinquenz ausländischer Jugendlicher lanciert worden ist; zweitens lässt sich zeigen, dass der medienvermittelte Wahlkampf durch dieses Thema massgeblich geprägt war, drittens lässt sich zeigen, dass der CS-Sorgenbarometer, der just im August 2007 erhoben worden ist, hinsichtlich der «Sorgen» Kriminalität und Ausländer den höchsten je gemessenen Wert anzeigte, viertens ist evident, dass die SVP mit diesem Thema ihren Wahlerfolg buchte und fünftens lässt sich schliesslich zeigen, dass die medienvermittelten Wahlanalysen nach den Wahlen weitgehend darauf hinausliefen, dass die SVP in der Lage sei, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger am besten zu thematisieren.

Wenn nun eine solche Eventisierung des Politischen die Urteilsfähigkeit dermassen prägt, dann stellen sich Fragen journalistischer Professionalität auf völlig neue Weise in mindestens zwei Dimensionen:

Zum einen bezieht sich diese journalistische Professionalität auf die Sorgfalt der Berichterstattung. Diese Sorgfalt wurde in den Fällen Steffisburg, Seebach und Borrweg krass, es hilft wirklich nichts, krass missachtet.

Zum zweiten stellt sich die journalistische Frage der Bedeutung des dadurch im Zentrum stehenden politischen Problems. Nun findet aber ausgerechnet bezüglich der Delinquenzraten (ausländischer) Jugendlicher seit einiger Zeit ein recht hoch stehender, auf langjähriger Forschung beruhender Expertendiskurs von Kriminologen statt, der hinsichtlich der Veränderung der Delinquenzraten Jugendlicher in den letzten zwei Legislaturperioden mehrheitlich kaum Unterschiede feststellt. Dieser Expertendiskurs fand nur kaum Resonanz in den Medien. Über die falsch wiedergegebenen Einzellfälle hinaus fand also kein Diskurs über die Bedeutung des sozialen Problems an sich statt.

Mit anderen Worten: Der politische Populismus führte zusammen mit dem Medienpopulismus zu einer Wahrnehmungsverzerrung im demokratischen Entscheidungsfindungsprozess. Das Augenmass geht verloren und mit ihm immerhin der Geltungsanspruch der Vernunft, den wir mit demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen verbinden (müssen). Um vorschnellen Aburteilungen vorzubeugen: Es geht mir hier weder darum, soziale Probleme zu relativieren, noch um eine politische Stellungnahme. Es geht mir um die Veränderungen demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse, die wir der Wahlverwandtschaft von politischem Populismus und Medienpopulismus verdanken.

Kurt Imhof ist Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie und leitet seit 1997 den «fög – Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft» des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung und des Instituts für Soziologie der Universität Zürich.

von Kurt Imhof | Kategorie: Medienschau

5 Bemerkungen zu «Medienpopulismus»

  1. [Anmerkung der Redaktion: Nun wird’s etwas kompliziert: Edgar Schuler hat auf Kurt Imhofs Kommentar reagiert, allerdings als Bemerkung zum Ausgangstext. Damit die Diskussion an dieser Stelle weitergeführt werden kann, hier noch einmal Schulers Reaktion:]

    „Auch ich bin natürlich mit Bobby California einverstanden, dass das eine interessante Diskussion ist. Sie berührt wesentliche Probleme. Und ich bin auch froh und dankbar um die Klärungen von ras, Nico Luchsinger und vor allem Kurt Imhof. Einverstanden bin ich mit ihm deswegen aber noch lange nicht.

    Kurt Imhof setzt den Standard politischer und gesellschaftlicher Berichterstattung so hoch an, dass er von unserem Mediensystem gar nicht zu erreichen, und nicht einmal wünschbar ist. Unsere Medien sind schlicht nicht in der Lage, die Wirklichkeit so abzubilden “wie sie ist”. Und wenn sie es täten, würden sie schlicht nicht wahrgenommen. Das berühmte Beispiel dafür ist der Zeitungsleser, der den Bericht von einem Flugzeugabsturz liest und seufzt: “Warum schreiben die über diesen einen Unfall und nicht über die Tausenden von Flügen, die heute sicher und pünktlich angekommen sind?” Medien, mindestens die tagesaktuellen, berichten über die Abweichungen von der Regel, über Normverstösse und Aussergewöhnliches. Das Regelmässige, die Norm und das Gewöhnliche interessiert nicht – weder die Journalisten noch ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer. Und das mit gutem Grund: Niemand will darüber informiert werden, was er ohnehin weiss und was sich nicht ändert. Wichtig und interessant sind dagegen die Abweichungen, weil sie uns zum Beispiel vor neuen Gefahren warnen und darum unmittelbar nützlich sind, uns zu einem unter Umständen sogar lebensrettend sein können.

    Die Evolution (oder der liebe Gott) hat uns mit einer Wahrnehmung ausgestattet, die auf das Aussergewöhnliche und damit potentiell Gefährliche ausgerichtet ist. Zahlreiche sozialpsychologische Studien belegen das. Und die Medien bedienen diese Tendenz unserer Wahrnehmung. John Zaller, ein Politologe mit Spezialgebiet öffentliche Meinung, spricht in diesem Zusammenhang vom «Einbrecheralarm-Journalismus». Die Medien funktionieren als Alarmglocke, machen damit ihre Konsumenten auf drohende Gefahren aufmerksam: BSE, Subprime-Krise, Hochwasser, Terrorismus. Und hier kommt dann Luhmann ins Spiel: Um Aufmerksamkeit buhlen viele unterschiedliche drohende Katastrophen. Ohne durch Medien – viele Medien – geschaffenes Aufmerksamkeitsfenster keine Aufmerksamkeit. Wir als Gesellschaft setzen Prioritäten beim Umgang dieser Gefahren. Die Medien tragen zur Prioritätensetzung bei, indem sie Aufmerksamkeit schaffen, die «Akzeptanz von Themen» durchsetzen. Ein Mittel, das zu tun, ist die Masse der Berichterstattung: Wenn «20 Minuten» und Tagesschau, Tagi und NZZ über ein Ereignis, einen Trend berichten, kommt ein Thema eben eher auf die gesellschaftliche Agenda, als wenn es nur in einem Blog aufgegriffen wird und im elektronischen Nirvana kein Echo findet. Ich erinnere mich, dass die Gefahr des Vogelgrippe-Virus als Auslöser einer globale Pandemie Monate vor der Vogelgrippe-Hysterie in der NZZ beschrieben wurde. Zum Thema wurde das Problem erst, als die Berichte marktschreierischer wurden und über viele Medien verbreitet wurden.

    Im Auge eines nüchternen abwägenden Beobachters und im Nachhinein wird die Medienwelt immer wieder voller Übertreibungen erscheinen: BSE, Abzockerlöhne, Feinstaub, Jugendkriminalität und nochmals Vogelgrippe – sie alle hatten und haben ihre medialen Hochkonjunkturen mit breiten, oft ziemlich gleichförmigen Berichterstattungen im Sinne des – horribile dictu – «Rudeljournalismus». Ich gehe mit Kurt Imhof immerhin darin einig, dass es selten oder nie das Mediensystem allein ist, das sich dieser Übertreibungen bedient oder davon profitiert. Oft genug kochen Lobbygruppen und politische Parteien ihre Süppchen mit. Das Problem aber ist, dass auftauchende Probleme und Gefahren nicht immer im Vorhinein in ihren Ausmassen und Folgen klar erkannt werden können. Journalisten sind da nicht hellsichtiger als andere Akteure. Meist zielt die Berichterstattung dann auf den worst case, der aber nicht immer eintritt. Auf ihrem Höhepunkt hatte die Vogelgrippe-Hysterie die – hoffentlich – positive Wirkung, dass Behörden und Firmen Pandemiepläne erarbeiteten, und dass die Bevölkerung diese Massnahmen als notwendig verstand. Wenn ich nicht irre, ist heute das Risiko einer Pandemie nicht kleiner geworden, der Hype aber ist verklungen. Die Pläne aber sind gemacht, Mundmasken und Tamiflu liegen für den worst case bereit. Auch wenn er vielleicht nie eintritt.

    Was für die Vogelgrippe gilt, lässt sich auch über die Jugend- und Ausländerkriminalität sagen, auf die Kurt Imhof sich mit den Beispielen Rhäzüns bis Seebach kapriziert. Über das Ausmass der Jugend- und Ausländerkriminalität sind sich die Kriminologen längst nicht so einig, wie Imhof uns weismachen will. Und auch wenn sich das Ausmass der Kriminalität im Verlauf der letzten Jahre oder Jahrzehnte kaum verändert hätte: Es ist ja auch möglich, dass ein und derselbe Kriminalitätslevel von der Gesellschaft zu einem Zeitpunkt akzeptiert wird, zu einem anderen aber eben nicht. Arenen, um dies auszuhandeln, sind die Medien und die Politik.

    Indem Imhof seine Journalistenkritik («Gefahr für die Aufklärung») allein mit dem Beispiel der Jugend- und Ausländerkriminalität illustriert und die SVP als Anstifterin und Profiteurin ins Spiel bringt, macht er sich verdächtig, dass er eigentlich eine andere Agenda verfolgt. Mit genauso viel Recht wie die Kriminalität liessen sich zum Beispiel auch Themen wie Klimawandel, Abzockerlöhne oder eben Vogelgrippe unter dem Titel «Rudeljournalismus» diskutieren. Nur dass dann die möglichen Anstifter und Profiteure ganz andere wären.

    Viel liesse sich noch dazu sagen, etwa zu den Selbstheilungskräften, die die journalistischen Hypes in sich zusammenbrechen lassen, oder… Aber ich bin für das Medium Blog-Kommentar nun ohnehin schon viel zu lang geworden.“

  2. ras:

    Worin liegt nun der Fortschritt im medialen Alarmismus? Beispiel Vogelgrippe und sonstige Bio-Unannehmlichkeiten: Die Behörden sind nun derart eingeschüchtert, dass sie aus Übervorsicht zu übertriebenen Vorsichtsmassnahmen aufrufen (Atemmasken tragen!), Hysterien fördern. Angst vor irrationalen Mediengewittern prägt zunehmend die Handlung von Behörden. Doppelte Irrationalität.

    Ferner: Kann man sich mit der Feststellung begnügen, dass Journalismus als Tagesgeschäft unvollkommen ist? Nein. Es ist ja schon bemerkenswert, wie sich die Medien durch das Agenda-Powerplay von Politikern (oder Firmen) beeinflussen lassen, ihre Optik anpassen. Die SVP ist EIN, aber ein markantes Beispiel dafür. Gab es früher vor allem SVP-Bashing, sind viele Journalisten seit dem Erfolg der SVP eingeknickt und hocken unkritisch den Themen der SVP auf. Unkritisches oder pseudokritisches Verhalten im Journalismus scheint mir ein kritisches Symptom.

  3. Was mir nicht einleuchtet: Wieso nehmen die Journalisten den Spielball, den ihnen Kurt Imhof ungefragt zuwirft, nicht dankend an und reagieren stattdessen mehr als säuerlich? Meine Vermutung: Die altgedienten Journalisten haben längst resigniert, bzw. es sich gemütlich in ihren Verlagshäusern eingerichtet, während die Jungen nicht aufmucken, weil sie auch so schon genug um ihre Stelle zittern. Den Kampf um mehr Qualität, der letztlich vor allem ein Kampf um mehr Ressourcen in den Redaktionsstuben ist, sollen andere ausfechten. Aber wer soll das sein?

    Grundsätzlich habe ich nichts gegen „Einbrecher-Journalismus“. Das Problem ist aber, dass in vielen Zeitungen eine sorgfältige Analyse und Nachbearbeitung heute weitgehend inexistent ist. Oder anders gesagt: Die Zeitungen liefern keine Antworten mehr und verlieren dadurch langfristig ihre ursprüngliche Orientierungsfunktion für den Einzelnen.

    Unter Orientierungsfunktion verstehe ich im übrigen nicht den (Achtung, jetzt kommt eine freche Behauptung…) innert zwei Stunden aus den Fingern gesogenen Kommentar, der üblicherweise gegen Ende Woche in der Sonntagspresse zu lesen ist.

    Die Frage, die ich als Zeitungsleser spätestens ein halbes Jahr nach einer Vogelgrippe-Hysterie beantwortet haben möchte, könnte etwa so lauten: Wie gross war der Einfluss der Pharmaindustrie auf Politiker und Behörden, die Versorgungsdepots mit Tamiflu und Schutzmasken zu äufnen?

    Und jetzt bitte nicht laut „Magazinjournalismus!“ schreien. Sowas kann/könnte durchaus „einbrechermässig“ über mehrere Tage, Wochen recherchiert und publiziert werden. Wenn Verleger und Chefredaktoren dafür jedoch nicht das nötig Personal bereitstellen können oder wollen, dann bitte auch nicht das billige Argument vorschieben, Tagesjournalismus sei „systembedingt“ Rudeljournalismus.

    Hasta la Zeitung, siempre!

  4. Edgar Schuler argumentiert anstrengend, er stellt mich auf Positionen, auf denen ich nicht bin, und reagiert mit einer überraschenden Volte. Er ist noch lange nicht mit mir einverstanden, aber wo genau? Ich versuche das herauszuarbeiten:

    Die Debatte begann Edgar Schuler mit seinem Beitrag, der – nehmen wir die Mäander des Begriffsgeschichtlichen und Personalisierten weg – in seinen Abschnitten 8 und 9 in zwei Thesen gipfelt:

    1. Rudeljournalismus sei ein Ausdruck von Konkurrenz und er widerlege sich durch wechselseitiges „zur Ordnung rufen“ selbst.

    2. Meine Aussagen zögen den Verdacht auf sich, offene Debatten über unbequeme Themen nicht zulassen zu wollen.

    Auf den zweiten Punkt reagierte ich nicht, weil ich ihn nur dementieren kann. Denn subjektive Motivationen zu widerlegen ist argumentativ nicht möglich, also kann man nicht darüber streiten.

    Auf dieser Vorgabe konzentrierte sich die Diskussion auf den ersten Punkt und daselbst auf die konkreten empirischen Fälle, die auch im NZZ-Interview die zentrale Rolle spielten: Seebach und die Schulklasse Borrweg.
    Dabei fiel es mir leicht zu zeigen, dass der wechselseitige Widerspruch in der rudeljournalistischen Aufheizung beider Fälle gerade nicht stattfand, sondern dass kollektiv – basierend auf ein und derselben Storyline – nachweisbar barer Unsinn verbreitet und auch noch wechselseitig abgeschrieben wurde und dass die „Recherchen“ im gut dokumentierten Fall Seebach gleich gegen die Gebote sämtlicher Mediengötter verstossen hätten.

    Zu dieser journalismushandwerklichen Debatte kam dann kein wesentliches Argument mehr und ich ging davon aus, dass diese Auseinandersetzung einen allseits erträglichen Konsens erreicht hätte, also abgeschlossen ist.

    Dies ermutigte mich dazu, die Diskussion über den irritierenden Rudelbegriff hinauszubringen, um mein ursprüngliches Anliegen, das schon dem NZZ-Interview zugrunde lag, voranzutreiben: eine Reflexion über den Zusammenhang von Medienpopulismus und politischen Populismus und „Augenmassverlust“ zu animieren.

    Verwegen dachte ich bereits daran, danach vielleicht eine spannende Diskussion über den Verlust der Binnendifferenzierung im Mediensystem bezüglich Gratis-, Boulevard- und Qualitätsformate und über Marktversagen, das heisst über die verblüffende Angleichung von Thema und Meinung (Einfalt statt Vielfalt) in den Leitmedien in die Expertenkultur des Journalismus hineintragen zu können.

    Nun wirft jedoch Edgar Schulers neueste Entgegnung die Diskussion zurück und auf andere Bahnen. Zurück, weil er seinen ursprünglichen Punkt 2. wieder stark macht (Verhinderungsverdacht unbequemer Diskussionen); auf andere Bahnen, weil er mich auf erkenntnistheoretische Positionen stellt, die ich nie betreten habe (Wirklichkeits- bzw. Wahrheitszumutung gegenüber der Medienkommunikation) und dass ich den Negativismus als Wahrnehmungskonstante des homo sapiens und deshalb auch der Medien dementieren würde. Hierzu kurz das Folgende:

    1. Die Medien geben in der Tat nicht die Wirklichkeit wieder, das würde ich nie behaupten. Wirklichkeit ist im besten Fall das, worauf wir uns mit guten Gründen einigen. Gute Gründe ergeben sich aus dem Austausch von Argumenten, und dasjenige Argument, das ein Phänomen am überzeugendsten erklären kann, hat in einer idealen Welt die beste Durchsetzungskraft. Nun ist die Welt nie ideal, aber unterschiedlich dysfunktional. Erst hier setzt dann mein Argument der Wahrnehmungsverzerrung an.

    2. Die von Edgar Schuler als von Gott gegebene Wahrnehmungsstruktur des homo sapiens hinsichtlich der Aufmerksamkeit für das Abweichende ist völlig richtig. Ich würde das zwar nicht von Gott abhängig machen, sondern von der Ökonomie der Aufmerksamkeit, die sich darauf zu richten hat, was nicht funktioniert, von der Norm abweicht oder unredlich ist. Insofern ist der Negativismus der Medien nichts anders als eine Grundkonstante menschlichen Lebens, aber wie bei allen Grundkonstanten liessen sich natürlich Diskussionen über das Mass des Negativismus führen. (Interessant ist hierfür die Rezeptionsforschung, die in Deutschland herausgefunden hat, dass diejenigen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Informationsmedium nutzen, bezüglich dem Zeitraum von 10 Jahren von einer 500%igen Zunahme der Sexualmorde ausgehen, diejenigen, die den privaten Rundfunk nutzen sogar von einer Zunahme von 1100%, während der Tatbestand Sexualmord tatsächlich um 40% abgenommen hat.)

    Nach diesem Mäander überrascht nun aber Edgar Schuler mit einer völlig neuen Wende der Diskussion. Er dementiert nicht mehr meine Rudeljournalismusthese (gleichförmige Berichterstattung auf der Basis eines möglichst hohen Empörungs- und Nachrichtenwertpotentials über alle Formate hinweg), d.h. er verknüpft mit diesem keine Selbstheilungskräfte mehr (Rudel würden sich selbst widersprechen), nein, in einer – gemessen an seinen Ursprungsthesen – tollkühnen Argumentationsvolte erklärt er nun unter dem Terminus „Einbrecheralarm-Journalismus“ gerade das als Tugend, was er ursprünglich dementierte: den Rudeljournalismus gemäss Definition oben. Er ist nun also mit mir einverstanden, dass es das gibt, aber er ist nicht mit mir einverstanden, dass das ein Problem sei.

    Also zurück zum take off, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Es gibt Rudel- bzw. jetzt neu „Einbrecheralarm-Journalismus“ über sämtliche Formate hinweg ohne Selbstkorrektur und das ist gut und nützlich. Der Rest der Gesellschaft bringt es dann dann schon irgendwie wieder ins Lot, Übertreibungen gehören zum Geschäft und klar, Instrumentalisierung des Journalismus sei auch dabei, aber entscheidend sei, dass ja vielleicht an den Übertreibungen doch einmal etwas daran sei. Und das alles wird ausgerechnet am Vogelgrippehype abgehandelt.

    Nun, wie soll ich darauf reagieren? Ich dachte immer „Relevanz“ gehöre zu den Objektivitätsethiken des Journalismus. Hinsichtlich Vogelgrippe bleibt mir nur die Unterstützung der These der doppelten Irrationalität von Rainer Stadler und hinsichtlich des überraschend gefundenen Konsenses bezüglich Rudeljournalismus verweise ich a) auf die massive Zunahme des Phänomens seit der Entbettung der Medien von ihren politischen Herkunftskontexten und der strikten medienpopulistischen Orientierung am Konsumenten, b) auf die massive politische Instrumentalisierung dieses neuen Journalismus, c) auf die (von mir am Beispiel Jugenddelinquenz aufgezeigte) kollektiven Wahrnehmungsverzerrungen durch die Wahlverwandtschaft von Medienpopulismus und politischem Populismus (das Thema über das ich gerne noch etwas diskutiert hätte), d) auf den Verlust der Themen- und Meinungsvielfalt, e) auf die für Bezahlmedien suizidale Einebnung der Binnendifferenzierung der Medienformate und damit f) auf das Marktversagen ausgerechnet in der öffentlichen Kommunikation und die deshalb nötige Überführung der gesamten Debatte auf die Medienpolitik. Ich wäre froh, wenn die Diskussion am Punkt c und damit an meinem letzten Beitrag wieder ansetzen könnte.

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