Rudeljournalismus

Ein Wort macht Karriere: Seit der Soziologieprofessor Kurt Imhof im letzten November an einer Medientagung und später in einem Interview mit dem Medienjournalisten Rainer Stadler in der «NZZ» sich kräftig über «Rudeljournalismus» ausgelassen hat, fehlt der Begriff in kaum einer Diskussion über Zeitungen und Journalismus.

Gottlieb F. Höpli vom «St.Galler Tagblatt» leitartikelte zur Jahreswende, «Skandalisierungen, Medien-Hypes und Rudeljournalismus» seien Erscheinungen, mit denen sich Medienwissenschafter mit «guten Gründen» letztes Jahr mehr denn je auseinandergesetzt hätten. Von «Fertigmacher-, Rudeljournalismus» und «Sensationen um jeden Preis» sprach an einer anderen Tagung Max Frenkel, der sich als pensionierter «NZZ»-Redaktor jetzt in der «Weltwoche» nützlich macht. Und Sorgen um die Gefährdung der Medien- Vielfalt durch Rudeljournalismus machte sich Tamedia-Verleger Pietro Supino an der Dreikönigs-Veranstaltung des Verlegerverbands.

Fast scheint es, um Imhofs gepfefferte Sprache aufzunehmen, als ob ein Rudel medienkritischer Professoren, Journalisten und Verleger wieder einmal «gemeinsam dieselbe Sau» – eben den Rudeljournalismus – «durchs Dorf jagt», also über den Parcours der Branchenveranstaltungen, an denen man sich gemeinsam besorgt über die Medien beugt. Der Begriff ist aber knallig genug, um im Wörterbuch der kulturkritischen Schreibtischtäter einen Ehrenplatz zu erhalten.

Kaum einer, der mit dem Wort hantiert, nimmt sich aber die Mühe zu erklären, was es bedeutet. Zu Hilfe kommt da ein ehemaliger Bundesrat: Kaspar Villiger hat schon vor fünf Jahren an der Verlegertagung vor Rudeljournalismus gewarnt:

    «Einer erfindet oder dramatisiert etwas, die andern schreiben es unkontrolliert und unkritisch ab, die Scheinrealität wird perpetuiert und in den Archiven zur historischen Realität.»

Knapper definierte den Begriff vor vier Jahren Hans Leyendecker, Reporterlegende beim «Spiegel» und bei der «Süddeutschen Zeitung»: «Wenn einer ein Thema entdeckt, rennen alle anderen hinterher.»

Immerhin einig ist man sich, dass der Rudeljournalismus eine irgendwie neue, irgendwie beunruhigende Entwicklung ist, die es zu verurteilen und wenn möglich umzudrehen gilt. Imhof: «Was dabei rauskommt, geht stramm in Richtung Fiktion.» Und stramm, so darf man ruhig interpretieren, marschiert die verantwortungsbewusste Medienöffentlichkeit in den Abgrund.

Die Diagnose hatte sich in diesem Fall auf die Skandale in Seebach, am Borrweg und in Höngg bezogen, auf Vorfälle also, die mehr als nur ein Rascheln im Blätterwald verursacht hatten, sondern öffentliche Diskussionen um Jugendgewalt, Schulprobleme und Armeewaffen. Das sind nicht für alle und immer bequeme Diskussionen. Nicht alle diese Diskussionen sind essentiell. Und nicht immer haben alle beteiligten Journalisten genügend genau gefragt oder selbstkritisch genug recherchiert. Und zu oft haben sie Konkurrenz nicht mit der besseren Recherche zu schlagen gesucht, sondern mit der saftigeren Schlagzeile. Deswegen aber gleich eine Systemkrise des Journalismus auszurufen, wie Imhof es tut, weckt den Verdacht, dass da etwas unter den Teppich gekehrt werden soll, was nicht sein darf: Eine offene Debatte über unbequeme Themen.

Dass sich gute Journalisten geradezu im Rudel auf Themen stürzen, ist eben gerade kein Krisenzeichen, sondern Merkmal gesunder Konkurrenz um die beste Geschichte, die genauste Recherche, die interessanteste Debatte. Dass die Fehler, die dabei vorkommen können, korrigiert werden, hat eben auch gerade wieder damit zu tun, dass Reporter im Rudel in der Regel die anderen schnell zur Ordnung rufen, wenn sie zu weit von den Fakten wegstreunen. Von Kurt Imhof müssen sich diese Journalisten dann aber vorwerfen lassen, sie vollführten mediale Salti mortali.

Was war denn vor dem «Rudeljournalismus»? Niklaus Meienberg, immer mehr einsamer Steppenwolf als Rudeljournalist, hat sich vor einem guten Vierteljahrhundert bitter beklagt:

    «In den grossen Zeitungen kommt das Leben nicht mehr zu Wort (…) und eine gförchige Langeweile schlabbert durch diese Buchstabenplantage.»

Die Journalisten seien, sagte Meienberg,

    «meistens nur noch Verwalter der grausamen Ordnung, die sich in ihren Köpfen ausbreitet und die auch in unserer Gesellschaft grassiert.»

Dabei war Meienberg selber in den Augen vieler, was Professor Imhof heute geringschätzig als «Akteur der Empörungsbewirtschaftung» bezeichnet. Ein unruhiger Geist und unbequemer Provokateur eben.

Empörungsbewirtschaftung betreiben aber eben auch jene Leute, die lieber den Überbringer der Botschaft köpfen, als sich mit deren Inhalt zu beschäftigen. Oder, in den Worten von Chefredaktor Höpli:

    «Die Empörung des Empörungs-Theoretikers über die Medien folgt also möglicherweise selber den Sündenbock-Methoden, die er kritisiert.»

Ja, die Katze beisst sich in den Schwanz, und die Karriere des Kampfbegriff Rudeljournalismus sagt weniger über den Zustand der Massenmedien als darüber, wie viel wirksamer die mediale Skandalisierung durch Schlagzeilen ist, als das Dozieren vom Katheder.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

12 Bemerkungen zu «Rudeljournalismus»

  1. Völlig einverstanden. Gäbe es das „Rudeldenken“ nicht, könnte Imhof seine Platitüden kaum so effizient verbreiten.

    …und im Sinne eines „crowdgesourcten“ Leserservice hier noch der Link zum NZZ-Interview mit Imhof.

  2. ras:

    Also bitte, liebe Leute, so einfach kann man die Thesen von Kurt Imhof nicht beiseite putzen. Wenn Imhof seine Ansichten unwidersprochen in den Medien verbreiten kann, wie da ein Blogger schreibt, ist das zwar ein beliebtes, allseits verwendbares, aber schwaches Argument gegen seine Thesen, sondern höchstens ein Indiz dafür, dass die Journalisten nicht einmal nachdenken, wenn sie kritisiert werden. Edgar Schuler tut das zwar. Aber eben, mit ein paar historisch vermeintlich relativierenden Vergleichen kann man Imhof nicht wegputzen. Es ist schon ein seltsames Phänomen, was sich da durzeit abspielt. Das Problem ist ja, dass – Beispiel Sexvorwürfe gegen FC Thun – die Medien sich nicht mit Recherchen und intelligten Fragen konkurrenzieren, sondern öde dasselbe nachbeten. Das überdies in Fällen, wo die Relevanz und Tatsachensicherheit ohnehin gering ist. Munteres Werweissen. Und diese Tendenz hat eindeutig zugenommen.

  3. Schade, dass Edgar Schuler just den Punkt verpasst, an dem er einhacken sollte. Das Problem beim Rudeljournalismus ist gerade nicht der Wettbewerb um die bessere Recherche, sondern das wechselseitige Überbieten derselben Storyline. Entsprechend ist empirisch völlig falsch, dass die bessere Recherche in Seebach zur journalistischen Selbstkorrektur führte, im Übrigen auch beim Schulhaus Borrweg nicht. Im ersten Fall waren es von Anwälten zugespielte Dokumente aus der Untersuchung und im zweiten Fall eine offizielle Untersuchung. Dasselbe konnten wir nun alle auch beim Tsunami um die Sozialbehörden Zürichs erleben. Das „zur Ordnung rufen“ Herr Schuler, genau das funktioniert nicht mehr. Es fehlen die bestandesnotwendigen politisch-publizistischen Auseinandersetzungen. Das ist das Argument und hierzu müssen Sie Stellung nehmen, Personalisierung führt nicht weiter und ist kein gutes Argument.

  4. Anonym:

    Die Wortschöpfung allein ist doch schon cool … Rudeljournalismus … und das Wort drückt so viel aus und lässt Interpretationsspielraum und es provoziert und … neidisch, Herr Schuler???

  5. Bobby California:

    Wenn man als Journalist ansatzweise zur Selbstkritik fähig ist, wird man zugeben müssen, dass es jedem Journalisten sehr viel leichter fällt, eine süffige Meldung zu verbreiten, als die süffige Meldung zu widerrufen, sollte sie sich im Nachhinein als falsch herausstellen.

    Insofern stimmt es nur bedingt, wenn Edgar Schuler schreibt: «…dass Reporter im Rudel in der Regel die anderen schnell zur Ordnung rufen, wenn sie zu weit von den Fakten wegstreunen.» In der Regel geschieht dies eben nur dann, wenn sich daraus eine neue süffige Geschichte bauen lässt.

    Ich denke, Kurt Imhof hat keine pauschale Medienschelte veranstaltet, sondern auf einen Schwachpunkt der Maschinerie hingewiesen. Es lohnt sich sicher, darüber nachzudenken.

  6. Ich halte die Analyse, dass in den Fällen Seebach, Borrweg und Thun «öde nachgebetet» worden sei oder das «wechselseitige Überbieten derselben Storyline» geherrscht habe, für einen bequemen Schnellschuss.

    Die Rudel-These funktioniert nur dann, wenn man – erstens – wie Imhof eine Recherche nicht mehr anerkennen will, weil «zugespielte Dokumente» dabei eine Rolle spielen. Nimmt man das zum Massstab, dann war auch Watergate ein Fall von Rudeljournalismus. Zweitens stimmt nachweislich nicht, dass einzig die offizielle Untersuchung im Fall Borrweg korrigierend gewirkt habe: Den tatsächlichen Anteil von Ausländern und Secondos in der Klasse hat mindestens ein Journalist lange vor der Präsentation der Untersuchungsergebnisse genannt. Und drittens schliesslich kann ich nicht verstehen, wie Imhof pauschal verurteilen kann, wenn Journalisten «hemmungslos Kinder und Jugendliche» befragen. Auch das gehört zur Recherche und wird übrigens vom Presserat unter bestimmten Bedingungen ausdrücklich gutgeheissen.

    Imhofs Rudel-These kommt gefährlich nahe an ein journalistisches Denkverbot: Statt sich im Rudel auf Themen zu stürzen, sollen sich Journalisten besser zurücklehnen, die Recherche auf ein paar journalismusethisch abgesegnete Expertenanfragen beschränken und im übrigen die offiziellen Untersuchungsergebnisse abwarten. Dabei gäbe es gerade diese klärende Untersuchung ja gar nicht, wenn ein Thema oder ein gesellschaftliches Problem nicht durch die Medien auf den Radarschirm der Öffentlichkeit geholt worden wäre. «Der gesellschaftsweite Erfolg der Massenmedien beruht auf der Durchsetzung der Akzeptanz von Themen», schreibt Niklas Luhmann. Und diese Akzeptanz sei abhängig davon, ob zu Informationen, Sinnvorschlägen, erkennbaren Wertungen positiv oder negativ Stellung genommen werde: «Oft geht das Interesse am Thema gerade davon aus, dass beides möglich ist.»

    Wer im übrigen Journalistinnen und Journalisten pauschal als Rudel verunglimpft, darf sich nachher nicht wundern, wenn auf den Mann zurückgeschossen wird. Und schliesslich: Natürlich bin ich neidisch darauf, wie virtuos Professor Imhof mit der Wortschöpfung Rudeljournalismus die Empörungslust seines Publikums bedient. Tröstlich ist mir nur, dass er den Begriff nicht erfunden, sondern auch nur abgekupfert – öde nachgebetet? – hat.

  7. Man kann auch nicht verstehen wollen. Sie können ihre Empörung über den Rudeljournalismus nicht allen Ernstes darüber abfedern, indem Sie profan zugeschickte Dokumente offensichtlich allen Ernstes mit den nachhaltigen, im Kontext mutigen und sehr gut dokumentierten Recherchen der Watergate-Affäre vergleichen. Auch ihr Kinderverweis fällt: Auf dem Schulhof die selbst getürkte Geschichte als Antwortvorgabe zu verwenden, mit dem Vollnamen des betroffenen Mädchens zu hausieren, den Kindern die Bälle wegzunehmen bis sie antworten, die Pausenaufsicht abzulenken, um die Kinder befragen zu können, Kinder am Zutritt zum Schulhaus zu hindern, das alles, Herr Schuler, haben alle Mediengötter verboten und verdient den Begriff Recherche nicht mehr. Und ihr Verweis auf die Herkunftszusammensetzung der „Terrorklasse“ ist unsinnig, weil die Herkunftszusammensetzung der Schüler nur die Voraussetzung für die völlig gefloppte Terrorthese war.

    Denkverbot: Das Gegenteil ist richtig. Meine These ist, dass bei diesen Hypes das Denken nur noch im Dienste der kollektiven Storyline steht. Nur so ist es erklärlich, dass alle denselben Unsinn verbreitet haben.

    Ausserdem, Luhmann hat völlig recht, aber was soll er hier? Nehmen wir seine Aussage trotzdem als Masstab einer öffentlichen Kommunikation, die das Augenmass nicht verliert, denn das ist mein Punkt: in den Fällen Steffisburg, Rhäzüns, Seebach und Borrweg fand das für eine funktionierende Öffentlichkeit notwendige Spiel von positiven und negativen Stellungnahmen nicht mehr statt. Und: Warum soll ich persönlich angegriffen werden, wenn ich ein genau bezeichnetes journalistisches Versagen zum Thema machen? Sollen auch die Journalisten verunglimpft werden, die ein politisches oder ökonomisches Versagen zum Thema machen?

    Schliesslich zur Wortschöpfung Rudeljournalismus. Der Begriff ist vor Jahren in einem Gespräch zwischen mir und dem damaligen BR Villiger entstanden (er hatte ja einschlägige Erfahrung), aber ich zweifle nicht daran, dass ihn schon andere vorher verwendet haben. Manchmal passen eben Sprachbilder.

  8. Bobby California:

    Eine spannende Debatte!

    Mir ist ein Widerspruch in der Argumentation des geschätzten Edgar Schuler aufgefallen. In seinem Mediensatz schrieb er: «Dass die Fehler, die dabei vorkommen können, korrigiert werden, hat eben auch gerade wieder damit zu tun, dass Reporter im Rudel in der Regel die anderen schnell zur Ordnung rufen.»

    Edgar Schulers heutiger Eintrag kommt der Wahrheit näher: «Den tatsächlichen Anteil von Ausländern und Secondos in der Klasse hat mindestens ein Journalist lange vor der Präsentation der Untersuchungsergebnisse genannt.»

    Eben: «Mindestens ein Journalist» – ein ziemlich kleines zur-Ordnung-rufendes Rudel…

  9. Nico:

    Zuerst mal: Ich finde es sehr erfreulich (und nicht selbstverständlich), dass sich Kurt Imhof hier (und auch anderswo) an dieser Diskussion beteiligt. Und ich glaube durchaus, dass man die Berichterstattung der Schweizer Medien in den diskutierten Fällen kritisieren kann und wohl auch muss. Aber ist es nicht so, dass die von Edgar Schuler angeführte „Wächter“-Funktion der Medien und das von Imhof so heftig kritisierte Rudel-Verhalten sich zumindest teilweise fast gegenseitig bedingen? – Dabei gerade von „neuen Hexenjagden“ zu sprechen, scheint mir voreilig und pauschalisierend und damit letztlich der Diskussion eher abträglich.

  10. Nico Luchsinger hat Recht. Es handelt sich um eine wichtige und – wie auch Bobby California meint – spannende Diskussion. Wir verdanken sie Edgar Schuler, der sich hier mit dem offensichtlich irritierenden Begriff „Rudeljournalismus“ auseinandergesetzt hat.

    Ich möchte nun die Diskussion um einen Aspekt erweitern, der weit über die journalistische Betroffenheit bezüglich Rudeljournalismus hinausgeht aber direkt damit zusammenhängt. Ich reite auf der gleichförmigen Berichterstattung der Fälle Rhäzüns, Steffisburg, Seebach und Schulklasse Borrweg deshalb herum, weil es sich bei diesen Kommunikationsereignissen um diejenigen handelte, an denen die SVP ihre Wahlkampagne gegen die Delinquenz ausländischer Jugendlicher mitsamt ihrer Ausschaffungsinitiative ‚aufhängte’. Damit stellen Rhäzüns, Steffisburg, Seebach und die Schulklasse Borrweg die Wiederholung das Falles Pascal Brumann in Zollikon bzw. des Messerstecherinserats 1993 und der entsprechenden Kampagne bis hin zur Verwahrungsinitiative dar.

    Interessant an dieser Eventisierung des Politischen ist, dass sie Kennzeichen des Erfolgs links- wie rechtspopulistischer Bewegungen bei weitem nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa ist. Der politische Populismus gedeiht nur in einem medienpopulistischen Kontext, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Ereignisse mit möglichst hohem Moralgefälle, also maximalem Empörungspotential und Nachrichtenwert, gleichförmig, also ohne politisch-publizistischen Konflikt, aufgeheizt werden.

    Die Gleichförmigkeit der Berichterstattung liess sich nun in diesen Fällen und zwar von den Gratiszeitungen bis zur NZZ und von den News von Tele Züri bis zur Tagesschau kaum mehr überbieten. Die dadurch geschaffenen, moralisch aufgeladenen Aufmerksamkeitsfenster wurden dann systematisch politisch instrumentalisiert. Gleichzeitig vergrösserte diese politische Instrumentalisierung den Nachrichtenwert der Ereignisse. Im Masse also, wie die Gleichförmigkeit der Empörungsbewirtschaftung zunimmt, verbessern sich die Opportunitätsstrukturen populistischer Akteure und damit verändern sich die Agenda des politischen Systems und die Wahrnehmungsstrukturen der Bürgerinnen und Bürger.

    Anhand der hier diskutierten Fälle lässt sich nun erstens zeigen, dass über sie massgeblich die Debatte über die Delinquenz ausländischer Jugendlicher lanciert worden ist; zweitens lässt sich zeigen, dass der medienvermittelte Wahlkampf durch dieses Thema massgeblich geprägt war, drittens lässt sich zeigen, dass der CS-Sorgenbarometer, der just im August 2007 erhoben worden ist, hinsichtlich der „Sorgen“ Kriminalität und Ausländer den höchsten je gemessenen Wert anzeigte, viertens ist evident, dass die SVP mit diesem Thema ihren Wahlerfolg buchte und fünftens lässt sich schliesslich zeigen, dass die medienvermittelten Wahlanalysen nach den Wahlen weitgehend darauf hinausliefen, dass die SVP in der Lage sei, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger am besten zu thematisieren.

    Wenn nun eine solche Eventisierung des Politischen die Urteilsfähigkeit dermassen prägt, dann stellen sich Fragen journalistischer Professionalität auf völlig neue Weise in mindestens zwei Dimensionen:

    Zum einen bezieht sich diese journalistische Professionalität auf die Sorgfalt der Berichterstattung. Diese Sorgfalt wurde in den Fällen Steffisburg, Seebach und Borrweg krass, es hilft wirklich nichts, krass missachtet.

    Zum zweiten stellt sich die journalistische Frage der Bedeutung des dadurch im Zentrum stehenden politischen Problems. Nun findet aber ausgerechnet bezüglich der Delinquenzraten (ausländischer) Jugendlicher seit einiger Zeit ein recht hoch stehender, auf langjähriger Forschung beruhender Expertendiskurs von Kriminologen statt, der hinsichtlich der Veränderung der Delinquenzraten Jugendlicher in den letzten zwei Legislaturperioden mehrheitlich kaum Unterschiede feststellt. Dieser Expertendiskurs fand nur kaum Resonanz in den Medien. Über die falsch wiedergegebenen Einzellfälle hinaus fand also kein Diskurs über die Bedeutung des sozialen Problems an sich statt.

    Mit anderen Worten: Der politische Populismus führte zusammen mit dem Medienpopulismus zu einer Wahrnehmungsverzerrung im demokratischen Entscheidungsfindungsprozess. Das Augenmass geht verloren und mit ihm immerhin der Geltungsanspruch der Vernunft, den wir mit demokratischen Entscheidungsfindungsprozessen verbinden (müssen). Um vorschnellen Aburteilungen vorzubeugen: Es geht mir hier weder darum, soziale Probleme zu relativieren, noch um eine politische Stellungnahme. Es geht mir um die Veränderungen demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse, die wir der Wahlverwandtschaft von politischem Populismus und Medienpopulismus verdanken.

  11. Auch ich bin natürlich mit Bobby California einverstanden, dass das eine interessante Diskussion ist. Sie berührt wesentliche Probleme. Und ich bin auch froh und dankbar um die Klärungen von ras, Nico Luchsinger und vor allem Kurt Imhof. Einverstanden bin ich mit ihm deswegen aber noch lange nicht.

    Kurt Imhof setzt den Standard politischer und gesellschaftlicher Berichterstattung so hoch an, dass er von unserem Mediensystem gar nicht zu erreichen, und nicht einmal wünschbar ist. Unsere Medien sind schlicht nicht in der Lage, die Wirklichkeit so abzubilden “wie sie ist”. Und wenn sie es täten, würden sie schlicht nicht wahrgenommen. Das berühmte Beispiel dafür ist der Zeitungsleser, der den Bericht von einem Flugzeugabsturz liest und seufzt: “Warum schreiben die über diesen einen Unfall und nicht über die Tausenden von Flügen, die heute sicher und pünktlich angekommen sind?” Medien, mindestens die tagesaktuellen, berichten über die Abweichungen von der Regel, über Normverstösse und Aussergewöhnliches. Das Regelmässige, die Norm und das Gewöhnliche interessiert nicht – weder die Journalisten noch ihre Leser, Zuhörer und Zuschauer. Und das mit gutem Grund: Niemand will darüber informiert werden, was er ohnehin weiss und was sich nicht ändert. Wichtig und interessant sind dagegen die Abweichungen, weil sie uns zum Beispiel vor neuen Gefahren warnen und darum unmittelbar nützlich sind, uns zu einem unter Umständen sogar lebensrettend sein können.

    Die Evolution (oder der liebe Gott) hat uns mit einer Wahrnehmung ausgestattet, die auf das Aussergewöhnliche und damit potentiell Gefährliche ausgerichtet ist. Zahlreiche sozialpsychologische Studien belegen das. Und die Medien bedienen diese Tendenz unserer Wahrnehmung. John Zaller, ein Politologe mit Spezialgebiet öffentliche Meinung, spricht in diesem Zusammenhang vom «Einbrecheralarm-Journalismus». Die Medien funktionieren als Alarmglocke, machen damit ihre Konsumenten auf drohende Gefahren aufmerksam: BSE, Subprime-Krise, Hochwasser, Terrorismus. Und hier kommt dann Luhmann ins Spiel: Um Aufmerksamkeit buhlen viele unterschiedliche drohende Katastrophen. Ohne durch Medien – viele Medien – geschaffenes Aufmerksamkeitsfenster keine Aufmerksamkeit. Wir als Gesellschaft setzen Prioritäten beim Umgang dieser Gefahren. Die Medien tragen zur Prioritätensetzung bei, indem sie Aufmerksamkeit schaffen, die «Akzeptanz von Themen» durchsetzen. Ein Mittel, das zu tun, ist die Masse der Berichterstattung: Wenn «20 Minuten» und Tagesschau, Tagi und NZZ über ein Ereignis, einen Trend berichten, kommt ein Thema eben eher auf die gesellschaftliche Agenda, als wenn es nur in einem Blog aufgegriffen wird und im elektronischen Nirvana kein Echo findet. Ich erinnere mich, dass die Gefahr des Vogelgrippe-Virus als Auslöser einer globale Pandemie Monate vor der Vogelgrippe-Hysterie in der NZZ beschrieben wurde. Zum Thema wurde das Problem erst, als die Berichte marktschreierischer wurden und über viele Medien verbreitet wurden.

    Im Auge eines nüchternen abwägenden Beobachters und im Nachhinein wird die Medienwelt immer wieder voller Übertreibungen erscheinen: BSE, Abzockerlöhne, Feinstaub, Jugendkriminalität und nochmals Vogelgrippe – sie alle hatten und haben ihre medialen Hochkonjunkturen mit breiten, oft ziemlich gleichförmigen Berichterstattungen im Sinne des – horribile dictu – «Rudeljournalismus». Ich gehe mit Kurt Imhof immerhin darin einig, dass es selten oder nie das Mediensystem allein ist, das sich dieser Übertreibungen bedient oder davon profitiert. Oft genug kochen Lobbygruppen und politische Parteien ihre Süppchen mit. Das Problem aber ist, dass auftauchende Probleme und Gefahren nicht immer im Vorhinein in ihren Ausmassen und Folgen klar erkannt werden können. Journalisten sind da nicht hellsichtiger als andere Akteure. Meist zielt die Berichterstattung dann auf den worst case, der aber nicht immer eintritt. Auf ihrem Höhepunkt hatte die Vogelgrippe-Hysterie die – hoffentlich – positive Wirkung, dass Behörden und Firmen Pandemiepläne erarbeiteten, und dass die Bevölkerung diese Massnahmen als notwendig verstand. Wenn ich nicht irre, ist heute das Risiko einer Pandemie nicht kleiner geworden, der Hype aber ist verklungen. Die Pläne aber sind gemacht, Mundmasken und Tamiflu liegen für den worst case bereit. Auch wenn er vielleicht nie eintritt.

    Was für die Vogelgrippe gilt, lässt sich auch über die Jugend- und Ausländerkriminalität sagen, auf die Kurt Imhof sich mit den Beispielen Rhäzüns bis Seebach kapriziert. Über das Ausmass der Jugend- und Ausländerkriminalität sind sich die Kriminologen längst nicht so einig, wie Imhof uns weismachen will. Und auch wenn sich das Ausmass der Kriminalität im Verlauf der letzten Jahre oder Jahrzehnte kaum verändert hätte: Es ist ja auch möglich, dass ein und derselbe Kriminalitätslevel von der Gesellschaft zu einem Zeitpunkt akzeptiert wird, zu einem anderen aber eben nicht. Arenen, um dies auszuhandeln, sind die Medien und die Politik.

    Indem Imhof seine Journalistenkritik («Gefahr für die Aufklärung») allein mit dem Beispiel der Jugend- und Ausländerkriminalität illustriert und die SVP als Anstifterin und Profiteurin ins Spiel bringt, macht er sich verdächtig, dass er eigentlich eine andere Agenda verfolgt. Mit genauso viel Recht wie die Kriminalität liessen sich zum Beispiel auch Themen wie Klimawandel, Abzockerlöhne oder eben Vogelgrippe unter dem Titel «Rudeljournalismus» diskutieren. Nur dass dann die möglichen Anstifter und Profiteure ganz andere wären.

    Viel liesse sich noch dazu sagen, etwa zu den Selbstheilungskräften, die die journalistischen Hypes in sich zusammenbrechen lassen, oder… Aber ich bin für das Medium Blog-Kommentar nun ohnehin schon viel zu lang geworden.

  12. Anmerkung der Redaktion: Diese Diskussion wird hier weitergeführt.

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