Falsche Freunde

Klick und raus war ich. Keine fünf Minuten hat es gedauert und meine virtuellen Existenzen als Mitglied mehrerer sozialer Netzwerke fanden jüngst ein abruptes Ende. Xing ade, Facebook passé, und auch meine Persönlichkeitsprofile auf LinkedIn, Orkut und Plaxo habe ich gleich mit ins digitale Nirvana entlassen.

Zugegeben, einige Überwindung hat mich der Schritt schon gekostet, schliesslich gehörte der regelmässig Check der verschiedenen Profile zu meinen Surfroutinen. Hier einen neuen «Freund» begrüssen, dort ein bisschen die Biografie aufhübschen.

Am Sinn dieser Internetplattformen und an einem möglichen Nutzen für meinen (Berufs)alltag zweifelte ich bereits bevor ich selbst dabei war. Als mich dann vor drei Jahren ein iranischer Blogger zur Mitgliedschaft bei Orkut eingeladen hatte, wurde meine Skepsis umgehend bestätigt. Plötzlich boten mir unbekannte Menschen brasilianischer Herkunft ihre Freundschaft an – nur weil sie in derselben Stadt wohnen wie ich. Auch bei Facebook sollte es mir nicht besser ergehen. Wildfremde Menschen wollten sich mir virtuell an den Hals werfen. Auch das ist Spam und Spam nervt. Aber nicht nur deshalb reifte der Entscheid, mich aus den sozialen Netzwerken zu verabschieden.

Mit meinem Beruf sind Xing & Co. nicht kompatibel. Ein Journalist, der sein Kontaktnetz offen legt (oder auch nur partiell für seine online-Kontakte einsehbar macht), setzt sein wichtigstes Kapital aufs Spiel. Nicht wenige meiner Kontakte oder «Freunde» haben mir schon mal eine Auskunft gegeben, sind also Informantinnen und Informanten. Die muss ich schützen als Journalist. Sonst handle ich fahrlässig. Ausserdem will ich gar nicht, dass Auskunftspersonen zu meinen «Freunden» werden. Und überhaupt: Weshalb sollten online andere Regeln im Umgang mit seinen Vertrauten gelten als ausserhalb des Internets? Ein Freundeskreis ist etwas Privates, ja Intimes, egal ob online oder offline. Oder finden Sie etwa Menschen sympathisch, die mit der Anzahl ihrer Freunde prahlen?

Vielleicht haben wir es bei den derzeit populären sozialen Netzwerken auch nur mit einem vorübergehenden Phänomen zu tun. Das zumindest glaubt «Boing Boing»-Blogger und SciFi-Autor Cory Doctorow. Facebook werde enden, wie seine Vorgänger: Erstickt am eigenen Erfolg (Wer erinnert sich noch an Friendster oder 6Degrees?).

Je mehr Menschen sich in diese Netzwerke einklinken, desto höher die Wahrscheinlichkeit für jeden einzelnen, dass er sich in unangenehmen, ja peinlichen Situationen wiederfindet. Dann etwa, zeigt Doctorow anhand eines besonders drastischen Beispiels, wenn Schüler entdecken, dass die Freunde ihrer Lehrerin alles sonnengebräunte Hippies sind, die nackig und unter Drogeneinfluss durch die Wüste von Nevada hüpfen.

Update, 8.1.2009: Inzwischen hat Nick Lüthi seine Meinung zu Facebook revidiert; s. Wo der Schnellschuss trifft.

Nick Lüthi ist Chefredaktor des Medienmagazins «Klartext».

von Nick Lüthi | Kategorie: Mediensatz

13 Bemerkungen zu «Falsche Freunde»

  1. Anonym:

    Glückwunsch, Sie sind Avantgarde! :)

  2. Tom:

    Vorbildlich… ich wünsche mehr Menschen würden sich dieses Vorgehen zum Vorbild nehmen.

    Wir könnten auch eine Community erstellen, aussteigr.net wo sich alle registrieren dürfen, die sich nirgends registrieren wollen.. :-D ;-)

  3. Jaja, Avantgarde. Avantgarde wäre, wenn die angesprochene Lehrerin zu ihren sonnengebräunten Freunden steht und ihren Schülern beibringt, dass sie das überhaupt nichts angeht, mit wem sie ihre freie Zeit verbringt. Dass man bei im Internet abgebildeten Social Networks nicht (mehr) mitmacht, ist jedem seine Freiheit und mehr oder weniger irrelevant (so wie die Tatsache, dass man überhaupt mitmacht).

    Dass man damit sein Kontaktnetz offenlegt, glaube ich nicht zwingend. Wenn jemand 500 Kontakte auf Xing hat – wieso sollte man nun nachvollziehen können, von wem ein geheimer Tipp gekommen ist? Ich halte gar nichts von dieser Geheimnistuerei im Journalismus. Dieses „ich habe ganz viele Kontakte, die sind aber alle geheim“ ist doch viel mehr als ein Prahlen mit seinen Kontakten, als wenn man sie einfach offen legt.

    Der grosse Vorteil von diesen Social Networks ist doch, dass man etwas unkomplizierter zueinanderfindet – und ich finde, das sollte man nützen: Schliesslich ist Kommunikation der Schlüssel zu allen Informationen – und nicht Nichtkommunikation.

    Kürzlich wollte ein Berliner Musiker auf Myspace mein Freund werden, mit dem ich weder bekannt bin, noch seine Musik mag. Ich habe die Freundschaft abgelehnt, ganz pragmatisch. Vielleicht kämpfen andere mit dauernden Freundesspamattacken, bei mir war das das erste Mal.

  4. gis:

    Ja, ja, irgendwie nett. Ich frage mich nur, warum oftmals jene Leute, die am lautesten gegen SocNets lästern (von wegen Datenschutz und so), mit dem „Big Brother“ Staat kaum Probleme zu haben scheinen. Ob und wie ich meine Daten z.B. bei Facebook einstelle, kann ich selber bestimmen – aber dass alle meine Verbindungsdaten in die EU nun einfach so „präventiv“ gespeichert werden, darauf habe ich absolut keinen Einfluss.

  5. Anonym:

    @gis: Ich nehme an, Sie wissen, dass die Schweiz Vorratsdatenspeicherung schon länger kennt? Und ich nehme an, Sie wissen, dass Social Profiling längst nicht nur auf Daten basiert, die sie selbst eingeben, sondern auf allem erfassbaren Verhalten, das sie an den Tag legen?

  6. Hallo Nick. Also von mir kriegst du definitiv keinen Fisch mehr geschenkt für dein Facebook-Aquarium. Das hast du jetzt davon.

  7. Nico:

    Ah, ein weiterer Fall von „social networking fatigue“! – Nicht ganz unverständlich, der Hype hat seinen Höhepunkt wohl tatsächlich überschritten, und längerfristig kann von niemandem erwartet werden, dass er sein Profil und seine Kontakte auf Dutzenden von Plattformen pflegt. Dass das Phänomen ganz verschwinden wird, glaube ich dann allerdings auch nicht – es wird sich, wie die Benutzung von E-Mail, einfach normalisieren.

    Sehr befremdlich hingegen finde ich die Aussage, die Social-Networking-Plattformen seien nicht mit dem Journalistenberuf vereinbar. Dass man Informanten, die einem unter dem Deckmantel der Anonymität vertrauliche Informationen zustecken, nicht gerade seinen Facebook-Buddies hinzufügen sollte, versteht sich natürlich von selbst. Aber für die meisten Journalisten sind nicht diese Informanten im Stile von „Deep Throat“ wichtig, sondern der Kreis aus Freunden, Bekanntschaften und Kollegen, über die man Informationen, Ideen und Stories erhält. Und für die Kommunikation mit diesen Personen (wohlgemerkt: Dabei handelt es sich höchstens teilweise um Freunde) erachte ich Social-Networking-Plattformen wie Facebook (aber auch andere Tools wie ein eigener Blog oder Twitter) als ausgesprochen nützlich. Natürlich kann dieser Online-Kontakt den persönlichen nicht ersetzen – aber das hat auch niemand behauptet. Er kann ihn ergänzen, vielleicht verbessern. Und er kann einem Journalisten helfen, ein grosses Netz an eher losen Kontakten besser zu verwalten.

    Und, @Tom: Die Plattform für Social-Networking-Aussteiger gibt es schon: http://nosoproject.com/

  8. gis:

    @Anonym
    Natürlich weiss ich dass. Das ist ja auch der springende Punkt! Datenschutz wird hauptsächlich dort bemängelt, wo man eigentlich bis zu einem gewissen Grad selber bestimmen kann. Alles andere wird ausgeblendet, leider.

  9. Schleudersitz:

    Und hier noch ein Nachtrag für Netzwerkmüde: Wer aus Xing aussteigen und sein Profil löschen will, muss sich zuerst normal anmelden und dann diesen Link anklicken

    https://www.xing.com/app/user?op=cancel

    Im Interface habe ich das Ding nirgends gefunden, nur über eine langwierige Websuche.

    „2008 wird das Jahr der Privatsphäre“ – oder so ähnlich …

  10. Anonym:

    @gis: Den Datenschutz in einem Social Network beeinflussen zu können halte ich für unmöglich. Ich gehe davon aus, dass alles, was ich veröffentliche, egal wo, meiner Kontrolle entzogen ist.

    Das ist auch das Problem bei Facebook: Ich kann nicht kontrollieren, was mit den Daten geschieht, wie sie verknüpft werden, und und und.

  11. Anonym:

    @Schleudersitz: Konten bei Social Networks kann man sich gar nicht wirklich löschen lassen. Sie werden meistens nur deaktiviert.

  12. Ist es nicht so, dass der gute Journalist sich dadurch auszeichnet, dass er die richtige Mischung aus Schweiger und Plappermaul ist? Sei dies nun virtuell oder im richtigen Leben. Ob Facebook mit seinen Vampirbissen, Teddybär-Geschenken und seinem Travel-Map-«ich-bin-extrem-global»-Geprahle der richtige Ort für Crowdsurfing ist, wage ich zu bezweifeln. Indessen bin ich davon überzeugt, dass etwa Leserkommentare oder Foren von Journalisten bzw. Medienhäuser durchaus als Info generierende Quellen taugen.

  13. ichsagdennamennicht ichmussdiequelleschützen:

    so, so: hat doch einige widersprüche im text. ich muss meine freunde schützen, dass sind manchmal auch informanten… ich will nicht das informanten auch freunde werden. nehmt uns nicht zu wichtig. übrigens ist es doch für ewige bildschirmstarrer doch ein gutes gefühl „freunde“ ablehnen zu können.

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