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24. Dezember 2007

Sparschwein

Schluss mit der Printausgabe: Was wäre, wenn?

Wie sähe die Erfolgsrechnung des hypothetischen «Bugle-Interrogator» (B-I), eines amerikanischen Durchschnittsblatts mit 530 Vollzeitstellen (davon 130 in der Redaktion) und einer Auflage von 100'000 Exemplaren, aus, wenn sich der Verlag für die Abschaffung der gedruckten Ausgabe entscheiden würde? Durchgerechnet hat dieses Szenario Bill Richards, vormals Reporter beim «Wall Street Journal» und der «Washington Post».

Zunächst zur Bilanz mit Druckausgabe, die auf der «National Cost and Revenue Study» der Organisationen Inland Press Association und International Newspaper Financial Executives (INFE) beruht:

Ausgaben:

  • Printing expenses: $6.7 million
  • Circulation expense: $10.1 million
  • Ink and newsprint: $10.4 million
  • Newsroom expense: $9.9 million
  • Advertising expense: $7.3 million
  • Building, General and Administrative (G&A): $27.6 million
  • Total annual expenses: $72.1 million
Einnahmen:
  • Total annual newspaper revenue: $83.9 million (includes $15.8 million in paid-circulation revenue and $3.9 million in online ad revenue)
Durch die Einstellung der gedruckten Zeitung würden nun auf einen Schlag Einsparungen in der Höhe von 27,2 Mio. Dollar entstehen (Druck, Papier und Druckerschwärze, Vertrieb).

    «Since an e-paper would be operating with just the newsroom, advertising, and marketing staffs, the support and executive staff would be smaller.»
Der Personalbestand würde sich laut Richards deshalb auf rund die Hälfte reduzieren lassen. Die kleinere Crew könnte überdies in ein kleineres Gebäude dislozieren. Resultieren würden so weitere Einsparungen in der Höhe von 6,9 Mio. Dollar.
    «Take out another $3 million that Inland/INFE says newspapers of 100,000 circulation annually pay their independent delivery drivers, on average, in mileage and other fees, and we've cut $37 million - more than half the B-I's annual expenses.»

Nun belaufen sich die Online-Werbeeinahmen des «Bugle-Interrogator» derzeit aber auf mickrige 3,9 Mio. Dollar. Zudem ist davon auszugehen, dass kaum alle bisherigen Print-Inserenten den Schritt in die «Online only»-Welt mitmachen würden.

Aber selbst wenn sich nur die Hälfte der gegenwärtigen Werbekunden für diesen Weg entscheiden sollte, käme es laut Richards vermutlich gut heraus:

    «[…] a crossover of half the B-I's print revenue in 2014 would boost the e-paper's projected online ad revenue to $82.2 million, according to the Project for Excellence projections [s. hier].

    Or, to put it another way, using an extremely optimistic set of projections for revenue growth, and matching those projections against the fixed cost of running the B-I's e-paper - $35.1 million, remember? - in a half-dozen years our hypothetical paper would be very profitable.

    Using more realistic projections - the latest 21 percent revenue gain for newspapers' online revenue versus a 9 percent drop in print advertising - the timeline to profitability gets considerably shorter for our B-I. In fact, by those projections, if Kindle [Amazons neuer E-Book-Reader] is a winner and E Ink technology takes hold, it makes more financial sense for the B-I to stop the presses and go all-online right now.»


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Bemerkungen

Bobby California:

Aus der Perspektive der Verleger klingt diese Rechnung verlockend. Aus der Perspektive der Konsumenten ist sie eine Katastrophe. Herr Richards hat wichtige Faktoren nicht einbezogen:

1. Der Kindle hat einen, verglichen mit einer Zeitung (ich meine nicht das Papier, das in der S-Bahn zum Schuhehochlagern dient, sondern eine richtige Zeitung) einen winzigen Bildschirm (6 inches, das sind laut www.nowodiver.net/de_tool_converter_length.php genau 15,24 Zentimeter). Soll ich die Zeitung auf so einem Ding lesen? Im Ernst?

2. Ich krieg Augenschmerzen, weil ich den ganzen Tag vor einem Bildschirm sitze. Beim Lesen einer Zeitung auf Papier, oder eines Buches aus dem gleichen Material, erholen sich meine Augen. Wenn ich nun auch noch Bücher und Zeitungen auf einem Bildschirm lesen soll, krieg ich noch mehr Augenschmerzen. Die Augenärzte auf der ganzen Welt reiben sich die Hände.

3. Auch die Hersteller von Printern und Tonerkapseln reiben sich die Hände. Wenn ich die Zeitung nicht mehr auf Papier gedruckt kriege, muss ich selber ausdrucken, was ich auf Papier haben will. Ich muss einen Haufen Geld ausgeben für Toner.

4. Den Kindle kann ich nicht in die Badi mitnehmen, und damit im Bett Zeitung lesen, ist vermutlich auch nicht gerade angenehm.

Nennt mich einen Bäumetöter oder einen Grufti – ich will meine Zeitung auf Papier, und basta.

Ich bin gegenüber solchen Zahlenspielereien etwas skeptisch - nicht nur, weil Andreas Göldi vor einiger Zeit etwas ganz ähnliches gemacht hat, aber zu einem völlig anderen Ergebnis kommt. Sondern auch, weil diese Rechnungen davon ausgehen, dass Online und Print einfach zwei komplett substituierbare Distributionskanäle sind, über die der jeweils gleiche Inhalt verteilt wird. In Wahrheit sind das zwei sehr unterschiedliche Medien mit sehr unterschiedlichen Möglichkeiten und Anforderungen. Erfolgreich werden diejenigen Medienunternehmen sein, die es schaffen, für beide Medien die optimalen Inhalte zu produzieren und diese möglichst gut zu verknüpfen.

Ich stimme Bobby und Nico ja weitgehend zu. However:

@Bobby: Mit Kindle möchte ich auch keine Zeitung lesen müssen. Aber könnte es nicht sein, dass das roll- und faltbare elektronische "Papier" eines Tages halt doch Wirklichkeit wird?

@Nico: Zwischen der "Modellrechnung" von Göldi und dem "Szenario" von Richards gibt es m.E. einen entscheidenden Unterschied: Während Göldi ein überregionales Blatt wie die "NZZ" als Beispiel nimmt, handelt es sich bei Richards um eine hypothetische Durchschnitts-Regionalzeitung, und letztere wirtschaften - nicht nur in den USA - ja meist in einer Monopolsituation. Richards schreibt denn auch: "[…] there won't be many other places to run your ad, anyway."

Bobby California:

Martin > Sicher ist das e-Paper der Zukunft, wenn es denn mal so weit ist, eine attraktive Sache. Nur: Bill Richards spricht nicht von einem vagen Zukunftsprojekt, sondern eben vom Kindle: «if Kindle is a winner (...) it makes more financial sense for the B-I to (...) go all-online right now.»

RIchtig verstanden: «Now» – nicht irgendwann in ferner Zukunft, wenn das e-Paper mal so benützerfreundlich wie das Papier sein wird!

Guten Rutsch!

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