Alles bleibt anders

Greg Mankiw, mein Lieblingsblogger, hat sie ganz abgeschafft. Hugo Stamm, mein Kollege vom «Tagi», zensiert sie. Und die «NZZ» verlangt für sie eine Registrierung. Wenn das kein Trend ist: Blogs und Blogger schränken die Kommentarfunktionen ein oder lassen es lieber gleich ganz bleiben.

Die Gründe sind überall ähnlich. Blogger haben schlicht besseres zu tun, als die Gröl- und Rülpskommentare zu kontrollieren, die ein erfolgreicher Blog unweigerlich anlockt (Mankiew). Oder sie sind es leid, sich das Diskussionsklima vergiften zu lassen (Stamm). Oder sie fürchten schlicht um den Ruf des eigenen Mediums, wenn jedermann sich anonym am Blog die Schuhe abwischt (offensichtlich bei «NZZ-Votum»).

Der urfreiheitliche Traum vom Gespräch, das für alle offen ist, keine Tabus und keine Einschränkungen kennt, hat seine engen Grenzen. Das ist traurig, aber nicht ganz unerwartet. «The Wisdom of the Crowds» erweist sich als das Heulen einer Meute, in der Miesmacher und Amoks das zarte Pflänzchen zivilisierter Diskussion im Sprachdurchfall ersticken. Der Traum von der freien Rede, der gepflegten Salon-Diskussion, die Wissen und Weisheit generiert, bleibt eine Utopie. Wikipedia wird manipuliert. Und die meistbesuchten Websites bleiben jene, in denen Menschen den «Content» generieren, die für diese Arbeit bezahlt werden. Selbst Bundesrat Leuenberger kann seinen Blog nur mit einem Stab von angeheuerten Wachhunden aufrecht erhalten.

Gut möglich, dass ich aus meinen paar Beobachtungen allzu weitreichende Schlüsse ziehe. Aber die Vorstellung, dass im Internet so nebenbei neuartige, zensurfreie Medien längerfristig ihr Pubikum finden und überleben, war einmal idealistisch. Heute muss man sich davon so ziemlich verabschieden. Abgesehen von ein paar Nischen und Exoten im «long tail» des Internets wird eine Mehrheit von Medien-Angeboten nur mit einer ausgeklügelten (und damit teuren) Organisation im Hintergrund überleben können.

Und die Rolle des Verlegers, der die notwendigen Investitionen in diese «Infrastruktur» tätigt, bleibt im Internet so erhalten, wie sie sich im Industriezeitalter der millionenteuren Rotationsdruckereien und der Fernsehnetzwerke herausgebildet hat. Der Hauptunterschied ist nur der, dass der Löwenanteil der Investitionen nun nicht mehr in die Verbreitung des Mediums fliesst und damit in die Hardware, sondern in die Software. Also in die Leute, die Informationen in allen Formen so her- und bereitstellen, dass wir sie konsumieren wollen.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Alles bleibt anders»

  1. Den Trend kann man auch positiv sehen. Das Netz wird menschlicher, weil es sich langsam aber sicher zum Leitmedium entwickelt.

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