Hingehen, wo die (potenziellen) Leser sind (I)

Statt sich mit innovativen Produkten zu beschäftigen, investieren die hiesigen Verleger lieber in Gratiszeitungen oder sie brüten darüber, wie man für aufbereitete Agentur-Anrisse aus Google ein paar Fränkli herauspressen könnte (s. dazu hier).

Ganz anders die angelsächsischen Kollegen: Sie schulen ihre Redaktionen in suchmaschinengerechtem Titeln, sie kaufen bei Google Suchbegriffe oder sie öffnen zur Generierung von Traffic ihre Archive gleich ganz (s. hier). «Traffic, Traffic, Traffic», lautet die Devise. Schliesslich gilt es, die Print-Marke vom Papier ins Internet hinüberzuretten.

newsTracker.png Diese Absicht dürfte auch der – nach «The Compass» (s. hier) – zweiten «Facebook»-Applikation der «Washington Post» zugrunde liegen. Der vor wenigen Tagen lancierte und offenbar auf Initiative von «Washington Post»-Verleger Don «The guy flat-out gets it» Graham entwickelte «newsTracker» erfüllt die Funktion eines durch eine Social-Networking-Komponente ergänzten RSS-Readers, der sich in das persönliche «Facebook»-Profil integrieren lässt. («Facebook»-User finden die Applikation hier.)

Nach der einmaligen Eingabe von Suchbegriffen spuckt das Widget relevante Schlagzeilen von «washingtonpost.com» sowie von weiteren rund 400 Quellen aus, darunter auch von «Post»-Konkurrenten wie der «New York Times» oder «USA Today». Die Headlines der «Washington Post» sind dabei – verständlicher- und legitimerweise – etwas prominenter platziert.

Ergänzt wird der Dienst durch «Breaking News»-Schlagzeilen der «Post» sowie durch eine mit «Hot News Topics» überschriebene Tag-Cloud, die nach Aussage von «Washington Post»-Chefentwickler Rob Curley nach den «most common words that are showing up in news stories around the world» sucht und daraus eine Stichwortliste erstellt.

Die Social-Networking-Komponente kommt schliesslich unter dem Titel «Friends’ Search Terms» zum Zug, wo die wichtigsten «newsTracker»-Suchbegriffe der «Facebook-Friends» aufgelistet sind und so verfolgt werden kann, mit welchen Themen sich die eigenen «Freunde» bzw. die «Freunde» der «Freunde» im Moment gerade befassen.

Eine unspektakulär daherkommende Applikation, die «washingtonpost.com» aber sicher den einen oder anderen neuen User zuführen wird.

Weiter für die Konkurrenz geöffnet hat sich mit dem Relaunch der «Technology Section» übrigens auch die Website der «New York Times»:

    «The technology section fully integrates Blogrunner with a module on the section front that features frequently updated links to other sources reporting on technology, both blogs and traditional media publications, chosen by Times editors for their significance. This editing process enables readers to get a thoughtful overview of the day’s top print and online coverage, all on one site.» (Medienmitteilung)

Damit entwickeln sich die «Times»-Redaktoren zunehmend zu Navigatoren und Dienstleistern, die nicht nur selbst kreieren, sondern (mit technischen Hilfsmitteln) das Web durchforsten, die Konsumenten zu relevanten Informationen hinführen und für das Publikum bereits Vorhandenes neu zusammenstellen.

Mehr zum Thema:
- Sich öffnen und profitieren
- Deportalisierung
- Go outside the walls!
- Aufschnüren und remixen
- «Embeddable» Kreuzworträtsel

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Und für die, die jetzt noch nicht genug haben, hier noch einige Zitate aus einem lesenswerten Referat von AP-Chef Tom Curley:

    «We – the news industry – have come to that fork in the road. We must take bold, decisive steps to secure the audiences and funding to support journalism’s essential role in both our economy and democracy, or find ourselves on an ugly path to obscurity. […] We who rule content must start making decisions, the ones that deliver journalism for another generation of readers and viewers. […]

    The first thing that has to go is the attitude. Our institutional arrogance has done more to harm us than any portal. We must understand and embrace the new ways people […] are consuming content.

    There’s still a place for appointment media – a home-delivered newspaper on the porch each morning or an evening newscast while making dinner. But it is a smaller place. People, of course, want the news when they want it. Even more difficult to accept, they want control over what they get.»

von Martin Hitz

1 Bemerkung zu «Hingehen, wo die (potenziellen) Leser sind (I)»

  1. Endlich mal Medien, welche auch wirklich in die Zukunft schauen…

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