Die Tagesshow

Von Hans Durrer

    «Nach allem, was ich über den sogenannten Mann auf der Strasse gelernt habe, seit ich als Reporterin unterwegs bin, ist die Öffentlichkeit etwas, das man nicht gern bei sich im Haus hätte, wenn es ein einzelnes menschliches Individuum wäre. Sie ist eine erbärmliche Kreatur – faul, untalentiert, treulos, egozentrisch, phlegmatisch, nicht in der Lage, sich auszudrücken, wankelmütig, übergewichtig, ohne eigene Meinung. Dazu geboren, sich an andere anzuhängen»,

schreibt Gardner McKay in «Toyer», einem «Psychothriller der absoluten Spitzenklasse», wie die «New York Times» für einmal zu Recht meinte.

Anders gesagt: Die wirkliche Welt ist recht deprimierend, sie interessiert journalistisch nicht. Was interessiert denn Journalisten? Das, was andere Journalisten machen, meint Walter van Rossum in seinem lesenswerten Buch «Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht» (KiWi Paperback, 2007): «Journalisten beobachten nicht die Welt, sondern fast ausschliesslich andere Medien.» Für ihn selbst trifft das in ganz besonderem Masse zu: Er hat sich den (deutschen) Nachrichtenjournalismus vorgenommen.

Bekannt ist, dass die täglichen Nachrichtensendungen hohe Einschaltquoten haben. Doch was heisst das eigentlich? Dass wir gebannt vor der Röhre sitzen, interessiert zur Kenntnis nehmen, was uns da als tageswichtig vorgeführt wird?

    «Um es so schlicht zu sagen, wie es ist: Quote bedeutet nichts anders als gemessener Strom in Fernsehern, der nach den Programmen spezifiziert wird, die gerade eingeschaltet sind. Das ist alles. Quote bedeutet weder Interesse noch Zustimmung. Niemand weiss, ob vor dem laufenden Gerät überhaupt jemand sitzt. Die Quotenzählung ist in gewisser Weise ein schon fast wieder faszinierend dümmliches Instrument, um etwas so Komplexes wie Kommunikation zu erfassen. Offensichtlich genügt es, um beim Fernsehen die Preise für TV-Werbeminuten kalkulieren zu können. Darin besteht ihr tiefster, ja, ihr einziger Sinn.»

Ich selbst lasse mich regelmässig von den Nachrichtensendungen im Fernsehen berieseln, vermag durchaus auch Quiz-Fragen zu beantworten («Wie heisst der Moderator?», «Wie heisst der Parteivorsitzende der SP?») und fühle mich auch irgendwie informiert, ausser natürlich, wenn ich mal darüber nachdenke, was ich mir da eigentlich zumute.

Da fliegt Frau Merkel zum Beispiel nach China, mit 40 Wirtschaftsbossen im Begleittross. Wundert sich da eigentlich jemand, «wie brüderlich vereint deutsche Wirtschaft und Politik in China auftreten»? Also ich habe mich das noch nie gefragt. Ich habe das schon so oft gesehen, dass es mir beinahe wie ein Naturgesetz vorkommt. Was es vermutlich auch ist, obwohl es doch, laut Ideologie, nicht so sein sollte. Nun ja, bleiben wir in der Realität: Die deutsche Delegation kommt also mit einem Wunschzettel,

    «der in 15 Punkten davon handelt, auf welchen Feldern und wie sich die deutsche Wirtschaft demnächst in China zu tummeln gedenkt. Von solchen Papieren ist natürlich niemals in den Tagesshows die Rede. Wenn man allerdings diese Wünsche kennt, die vom Schiffsbau bis zur chinesischen Tourismusbranche reichen, dann fragt man sich natürlich: Was gibt man den Chinesen dafür? Da werden uns die Grossaufträge von Siemens und BASF als erfolgreiche Einkaufstour verkauft, doch glaubt jemand im Ernst, die Chinesen verlangten nicht – völlig zu Recht – Gegenleistungen? Nur, wie sieht das aus? Kein Wort darüber.»

Das für mich Eindrücklichste und Bewegendste an van Rossums Buch steht auf den Seiten 184 bis 188. Er schildert hier, was am 30. Mai 1999 aus der Sicht von Opfern eines Nato-Bombardements in einem Teil Serbiens geschah. Die Nato flog an diesem Tag 772 Einsätze. Ebenso waren Bodentruppen im Einsatz. «Die Liste der getroffenen Ziele ist eine der längsten in den (bisherigen) 68 Tagen der Operation Allied Forces.» Auch die serbische Kleinstadt Varvarin, die keine strategische Bedeutung hatte, wurde beschossen. Unter den Opfern sind drei 15-jährige Mädchen: Sanja Milenkovic, Marina Jovanovic und Marijana Stojanovic.

    «Sanja stirbt … vor den Augen ihrer Mutter, Marijana bleibt für den Rest ihres Lebens ein Krüppel. Marina hat bis heute 40 Bombensplitter in ihren Körper, die nicht operativ entfernt werden können. In Varvarin starben noch zehn andere Menschen, und 27 wurden schwer verletzt. Zivilisten allesamt. So sieht das Schlachtfeld des Humanitären aus der Nähe aus. Doch am Abend jenes Tages braucht Jamie Shea, der aufgeräumte Pressesprecher der NATO, noch nicht einmal achselzuckend und grinsend von Kollateralschäden zu sprechen. Das Bombardement von Varvarin ziert die Erfolgsbilanz der Nato-Angreifer und bekümmert das Oberkommando in keiner Weise – und natürlich auch die <Tagesschau> nicht im Geringsten.»

Hans Durrer (www.hansdurrer.com) ist freier Journalist mit Schwerpunkt Fotografie und Medien.

von Hans Durrer | Kategorie: Medienschau

1 Bemerkung zu «Die Tagesshow»

  1. Christof Moser:

    dass journalisten heute kaum noch zeit (und ich meine zeit) gegeben wird, oder dass sie sich diese zeit nicht nehmen, so sie denn können, um hinaus zu gehen, nach ganz unten, nach ganz oben, überall hin, zerstört den journalismus von innen heraus.

    ich werde das buch lesen, ich habe es nicht gekannt. toyer übrigens auch. danke für diesen echten medienspiegel.

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