Gehört das Internet verboten?

Die Menschhheit verroht, verdummt und verkommt, irgendwie, meint Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», in einer anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache 2007 gehaltenen Dankesrede:

    «Die erste Generation, die seit ihrer Geburt vom Internet geprägt wurde, macht jetzt Abitur. Gleichzeitig steigt der Anteil an jungen Menschen, die bekennen, gar nicht mehr zu lesen, dramatisch an.»

Und wer trägt die Verantwortung für diese Misere?

    «Neben vielem anderen ist das Netz auch ein Medium, das in steigendem Maße Nicht- oder Fastnichtmehrlesen ermöglicht, und wer das nicht glaubt, schaue sich die Verfilmung von Archiven bis zu Gebrauchsanweisungen auf Youtube an. Die Welt, die gerade nachwächst, wird schon in jungen und vielleicht sogar jüngsten Jahren Bilder und Filme gesehen haben, von denen wir uns gar keine Vorstellung machen.
    […]
    Wir riskieren, die wenigen Kinder, die unsere Gesellschaft in Zeiten des demographischen Wandels hat, auf Dauer mit seelischem Extremismus zu programmieren, wenn wir nicht bald eine Debatte über pornographische und kriminelle Inhalte im Internet beginnen.»

Da mag Herr Schirrmacher ja ein Stück weit recht haben. Gehört das Internet deswegen verboten? Nein, meint der «FAZ»-Herausgeber, denn es gibt ja noch den «Qualitätsjournalismus». Diesen kann es aber nur auf dem Papier von «grossen Zeitungen» – a.k.a «Qualitätszeitungen» – geben, die (dank komplizierter Produktionsabläufe wie schreiben, redigieren, drucken, in Laster verladen, ausliefern etc.) ein «retardierendes, also verzögerndes Moment» in die ganze Chose bringen. Schirrmacher:

    «Ich möchte nicht missverstanden werden. Dies ist kein Kulturpessimismus. Gerade diese Beispiele zeigen, warum wir gebraucht werden und was geschieht, wenn man die vermittelnden Instanzen der großen Zeitungen ignoriert. Es gibt keine schönere Herausforderung für uns als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten.»

Denn:

    «Die Umlaufgeschwindigkeit von echten und halbseidenen Nachrichten im Internet ist enorm, und auf den ersten Blick kann man sie nicht voneinander unterscheiden. Sie tauchen ebenso schnell auf, wie sie verschwinden.

    Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.

    In Deutschland nennen wir das, was wir tun, <Qualitätsjournalismus>, und gemeint ist ein Journalismus der großen Zeitungen, der nicht nur auf Verlässlichkeit setzt, sondern auch einer redaktionellen Ausstattung bedarf, die diese Verlässlichkeit sichert. Zeitungen sind Qualitätszeitungen, weil sie auch dort analysieren, wo vorläufig kein <Markt> im herkömmlichen Sinn existiert, in der Latenz, in den politischen, wirtschaftlichen und kulturen Tiefenschichten des eigenen Landes und der globalen Gemeinschaft.»

Aber geht das wirklich nur mit Druckerschwärze?

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

4 Bemerkungen zu «Gehört das Internet verboten?»

  1. Bobby California:

    Ja! Es geht immer noch (und zwar mit grossem Abstand) am besten mit Druckerschwärze. Der Beweis: http://www.guardian.co.uk. Wer will den Guardian von vorne bis hinten im Internet durchblättern, pardon, browsen und scrollen? Wollen Sie sich das wirklich antun? Ich sicher nicht!

    Und nun kommt mir nicht mit dem E-Paper! Das ist immer noch Zukunftsmusik.

  2. Das geht mir als Komposti ja auch so. Ich möchte auf das Geraschel keinesfalls verzichten (den Papier-Guardian kann ich mir allerdings nicht leisten). Aber meine Nichten und Neffen? Werden sie ohne Zeitung völlig verblöden? Wohl kaum.

  3. Bobby California:

    Möge der Medienspiegler viele informationshungrige Nichten und Neffen haben. Welche Technologien dannzumal zur Verfügung stehen werden, ist heute noch völlig schleierhaft. Vielleicht kann man sich, wenn wir alt und zittrig sind, die Inhalte direkt ins Hirn blasen lassen, ohne ineffizienten Umweg über die Netzhaut ;-)

    Fakt ist: Heute macht die Lektüre einer Internet-Zeitung (zB Guardian, also einer richtigen Zeitung, ich rede nicht von einem Newsportal) mehr Kopfweh als Spass, und das wird noch viele Jahre lang so bleiben.

  4. Agreed! Und jüngere Nichten und Neffen kann man ja noch beeinflussen!

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *