Rotz, Kopf, Pomp

Der Wahlsonntag im Fernsehen war von Mittag bis Mitternacht fesselnde Unterhaltung. Der SF-Hochrechnungs-Chef schaute, als man die Kamera auf ihn richtete und ihn vorstellte, so panisch wie ein eingekesseltes Reh. Die SF-Walliskorrespondentin sprach rätselhaft von «Martinach», was man später dank Wikipedia als deutschen Namen von Martigny erkannte. Die Politologin Regula Stämpfli machte sich mit Pathos und Pomp lächerlich («Mini Analyse isch hoch differenziert»).

Der Aussenseiter Luke Gasser polterte im Biswind von Sarnen amüsant gegen die Siegesgewissheit des CVP-Apparatschiks. Der SVPler, der beide schlug, hiess dann von Rotz.

Der Fernsehmann Urs Leuthard wirkte mit seiner eingefrorenen Mimik wie der erste Interviewroboter der Welt. Die Fernsehfrau Catherine Mettler bot das Schauspiel eines unsicheren Menschen, dessen Fahrigkeit sich binnen Sekunden auf den Zuschauer überträgt.

Der Thurgauer SVP-Nationalrat Peter Spuhler weist von allen Politikern in Bern den allerdicksten Kopf vor. Der unbekannte Journalist im Hintergrund fixierte die Kamera so penetrant, dass man dachte: Da will einer seiner Grossmutter im Toggenburg oder Gürbetal zeigen, dass er in Zürich bei den ganz Grossen gelandet ist.

Und der junge Berner Christian Wasserfallen von der FDP setzte um halb zwölf Uhr nachts den Höhepunkt, als er von seiner Wahl erfuhr: Soviel unverstellte jugendliche Freude sieht man in seinem Gewerbe selten.

Wie gesagt, der Wahlsonntag war grosse Unterhaltung: Man zitterte, hasste, weinte, grinste, freute sich und war traurig. Wirklich schade, gibt es diese Fernsehshow der grossen Emotionen nur alle vier Jahre.

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Wanderkolumnist bei der «Weltwoche».

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Rotz, Kopf, Pomp»

  1. Hans K.:

    Die Kenntnisse der deutschen Ortsnamen im Wallis ist Allgemeinwissen.

  2. regula stämpfli:

    Sehr geehrter Herr Widmer

    Ihr Kommentar zu meinen Analysen zeigt einmal mehr, wie hart es als Schweizer Journalist wohl sein muss, der einzigen Wissenschaftlerin des Tages zuhören zu müssen. Denn meine „hoch differenzierte Analyse“ bezog sich auf die völlig hohle Aussage meines Kollegen, der von „Medienschelte“ sprach und posaunte, der Wahlsieg der SVP bedeute nichts Neues im Land. Ein Kollege, der übrigens Wahlen kommentierte,ohne die für die politische Lageeinschätzung wichtige Elefantenrunde verfolgt zu haben. Wie Hannah Arendt schon meinte, gibt es die Tendenz von Journalisten, Ursache und Wirkung, Akteur und Analyse zu verwechseln. Deshalb sind in der Gegenwart die Klugen die Dummen. Es wäre dennoch schön, wenn Sie, Thomas Widmer, das nächste Mal, statt meine Person zu verunglimpfen, mir einmal zuhören würden. Doch das ist wohl viel zuviel verlangt.
    Mit freundlichen Grüssen
    Regula Stämpfli

  3. Thomas Pirovano:

    Sehr geehrter Herr Widmer

    Ich musste bei ihrer Wahlsendungsanalyse sehr viel lachen. Ich selber fand den Wahlsonntag hochinteressant, aber auch voll krass.

    Auf den nächsten Wahlsonntag im Oktober 2011.

    Mit freundlichen Grüssen

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