Gewalt, Porno und Kochsendungen

Ich habe mir in einem halben Jahr zehn Kilo angefressen. Und dafür gibt es einen einzigen Grund: Ich liebe die Kochsendung «Das perfekte Dinner» und schaue sie mir täglich an. Jeweils um 19 Uhr versucht ein Hobbykoch auf VOX vier Kollegen davon zu überzeugen, dass er den geilsten Dreigänger des Universums zubereiten kann. Das geht aber meist in die Hose und ist deshalb sehr unterhaltsam. Der unerwünschte Nebeneffekt ist, dass die Fernseh-Darstellung von Speisen vor dem Nachtessen meinen Appetit massiv ankurbelt.

Dies hat den Pirelli rund um meinen Bauch zünftig aufgeblasen. Und ich bin nicht der Einzige, der zugenommen hat. Eine Umfrage unter befreundeten «Dinner»-Fans hat ergeben, dass meine Gewichtszunahme im Durchschnitt liegt.

Rund zweieinhalb Millionen Menschen schauen sich täglich die Sendung an. Und nun rechnen Sie mal hoch: «Das perfekte Dinner» allein ist verantwortlich für eine Zunahme von wahrscheinlich 50 Millionen Kilo Fernsehspeck pro Jahr. Man bräuchte 2000 Sattelschlepper für den Transport, wenn man alles rausschneiden und ins Meer kippen wollte. Oder anders ausgedrückt: 465 Milliarden Kilokalorien sind wegen eines Jahres «perfekten Dinners» überzählig. Ein Mensch, der so viele Kalorien verbrennen müsste, wäre ununterbrochen am Joggen, seit es auf der Erde den aufrechten Gang gibt.

Ein Skandal! Denn Fettleibigkeit hat als mittlerweile schlimmste Zivilisationskrankheit den Tabak auf den zweiten Rang der tödlichsten Volkskiller verdrängt. Es sterben mehr Menschen an den Folgen von Schweinshaxen als an Zigaretten oder Verkehrsunfällen. Die zehn Kilo «perfektes Dinner» haben mein eigenes Mortalitätsrisiko um satte 20 bis 40 Prozent erhöht.

Das Zelebrieren von gutem Essen in Kochsendungen ist also todgefährlich. Und trotzdem wird auf unseren Sendern ohne Widerspruch täglich hochgiftiges Material auf eine quasi-religiöse Weise verehrt und zu Vorspeisen, Hauptgängen und Desserts verharmlost.

Wir empören uns wochenlang, wenn alle paar Jahre wieder ein Schüler wegen Gewaltdarstellung im Fernsehen Amok läuft. Im Unterschied zu der relativ geringen Zahl von Opfern bei Schulschiessereien richtet der durch Kochsendungen gesteigerte Appetit aber einen regelrechten Genozid an, mit Millionen von Opfern. Haben diese Opfer nicht auch unsere Empörung verdient?

Liebe Mütter, liebe Väter. Lassen Sie Ihre Kräfte nicht länger gegen Gewalt, Tabak oder Porno verpuffen. Machen Sie mobil gegen das wirklich Böse: Es heisst «Die Kochprofis», «Alfredissimo»» und «Al Dente» mit seinen willigen Vollstreckern Zacherl, Tim Mälzer, Alfred Biolek und Sven Epiney. Kochsendungen haben sich schon wie ein Geschwür auf allen Sendern ausgebreitet und züchten uns zu unkontrollierten Schluckmaschinen heran, die sich ins eigene Grab fressen.

Noch ist es nicht zu spät, unschuldige Bürger und Kinder vor Kochsendungen zu schützen. Schliessen Sie sich mir an und fordern sie von politischen Vertretern, Medienregulierern und Gesetzgebern, folgende Massnahmen sofort umzusetzen:

  1. Die Ausstrahlung von Kochsendungen muss auf die Zeit zwischen 24 und 6 Uhr Nachts beschränkt werden.
  2. Der Verkauf von Koch-DVDs an Menschen mit einem Body-Mass-Index über 25 muss verboten werden.
  3. Alle Merchandising-Produkte von Jamie Oliver müssen eingesammelt und auf einem öffentlichen Platz mit Hilfe einer Strassenwalze zerstört werden.

Vielen Dank!

PS: Und wenn Sie gerade dabei sind: Bitte wehren Sie sich auch gleich gegen folgende Sendungen:

Der unmündige Leser ist Mitbegründer des schon wieder eingestellten 20-Minuten-Fanclubs «Pendlerblog. Er ernährt sich gerne von Wurst mit Wurst.

von Der unmündige Leser | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Gewalt, Porno und Kochsendungen»

  1. Bobby California:

    Bevor man irgendwelchen Fernsehsendungen die Schuld zuschiebt, würd ich mal Wurst mit Brot probieren. Schmeckt nicht schlecht. Und nachher noch einen Apfel. Damit nähern wir uns bereits rasend schnell der gesunden Ernährung.

  2. Der unmündige kritiklos lesende Leser des unmündigen kritiklos essenden Lesers:

    Vollfett geschrieben!

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