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12. September 2007

Mediensatz

Facts 2.0: Wiki aus der Asche

Kaum ist das Schweizer Nachrichtenmagazin «Facts» unter allgemeinen Bezeugungen der Indifferenz zu Grabe getragen worden, ist es im Netz wieder auferstanden. Und zwar als «Newsnetzwerk Facts 2.0», als Plattform «für alle News-Aficionados», die dort Nachrichten «bewerten und kommentieren» können, die per RSS-Feeds aus allen möglichen Quellen abgesaugt und auf die Website gestellt werden.

«Ramon (13) ist Schützenkönig» erfährt man da zum Beispiel, dann kann man via Link zur Quelle den ganzen Artikel bei «Blick online» nachlesen und wie der User Roger Sutter («Herzliche Glückwünsche, Ramon!») den Beitrag diskutieren.

Voll ins Schwarze, kann ich da als News-Aficionado nur sagen. Aber ich möchte dennoch drei leise Zweifel anmelden: Gibt es, erstens, nicht längst viel zu viele Online-Plattformen, die regelmässig unbrauchbar werden, sobald sie genügend Breitenwirkung entfalten? Sind, zweitens, nicht all jene, die wirklich ernsthaft im Nachrichtengeschäft engagiert sind, längst auf die einschlägigen RSS-Feeds abonniert, die sie für ihre Arbeit brauchen? Und ist drittens das Etikett «2.0» für den genervten User nicht längst ein Grund zum Wegklicken?

Der «Facts-2.0-Architekt» Oliver Reichenstein, der auch das «Magazin» des «Tages-Anzeigers» online zu einem Wiki umgebaut hat, bemüht sich zwar um Differenzierung: Das «Magazin» sei technisch 2.0, praktisch eher 1.5, oder vielleicht doch eher 1.9 oder nur 1.7 – aber wen, mit Verlaub, interessiert das?

Grundsätzlich problematisch scheint mir überdies, dass die angerissenen Artikel auf Facts 2.0 kommentiert werden sollen. Wenn ich regelmässig einen Blog lese, ziehe ich es vor, dort auch die Diskussionen zu verfolgen – statt mir auf irgendwelchen Plattformen verstreute Kommentare zusammenzuklauben.

Ob 2.0, 2.1 oder 2.25: Interessant wird die Geschichte wohl erst dann werden, wenn die Werbetreibenden die von Facts 2.0 angepriesenen «ungeahnten Möglichkeiten für Werbetreibende» entdecken. Ich bin jedenfalls gespannt darauf, was passiert, wenn Facts 2.0, eine Website der Tamedia, Geld verdient mit Anrissen von «NZZ», «Blick», «Welt», «FAZ» - und nicht zuletzt mit den Beiträgen der Blogger, die das Angebot alimentieren.

Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».

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Bemerkungen

Also, um dem Medienspiegler eine Freude zu machen, poste ich meinen Kommentar hier und nicht unter dem Anriss zu diesem Post auf FACTS (wo bereits 15 Kommentare zu verzeichnen sind). Ich finds auch ein bisschen komisch, Anrisse zu kommentieren - schliesslich heisst das ja, dass ich dann von der FACTS-Seite zuerst hierher kommen, den Text lesen und dann wieder zurückkehren müsste, um einen Kommentar zu schreiben. Etwas umständlich...

Ich bin zudem einverstanden mit der Einschätzung, dass die neue Facts-Seite bislang nicht viel mehr ist als ein RSS-Aggregator(übrigens: Facts selber hat - absichtlich? - keinen RSS-Feed). Ob die Seite damit Zukunft hat, scheint mir eher fraglich. Spannend und nützlich wäre vielmehr der Ausbau der Social Networking-Funktionen mit zusätzlichen Elementen von Digg (Voting) und del.icio.us (Bookmarking). Diese Services gibts zwar schon, aber wenn es Facts gelingt, eine fokussierte Community aus Medienschaffenden und "News-Aficionados" zu bilden, dann liesse sich durchaus ein Mehrwert schaffen.

Ronald Braun:

FACTS 2.0 ist bislang schlicht langweilig, auch, weil die gleichen Neuigkeiten während Tagen die Einstiegsseite dominieren. Hinzu kommt, dass ein grosser Teil der Kommentare von Oliver Reichenstein und Christoph Lüscher stammt. Vor allem Ersterer zeigt deutlich, wo die Tamedia politisch steht, sondern inhaltlich aber leider nichts Brauchbares ab.

Okay, man hat mich ja mehrmals hoeflich darum gebeten, hier zu kommentieren. Also gut.

Zur Sache hab ich mich schon auf FACTS geaeussert.

Was das Persoenliche anbelangt: Eigentlich schade. Ich finde den NZZ-Folio-Auftritt ziemlich gelungen, und Ihre Texte sind sowieso makellos. Also, an Respekt fehlt es mir sicher nicht.

Aber wenn mir nun im fast schon verzweifelten Versuch um eine Debatte hier mehr oder weniger anonym unterstellt wird, dass ich das politische Sprechrohr der Tamedia sei, waehrend ich doch als Unternehmer auch hier im Dienste des Projekts mit meinen leidenschaftlichen Blogeintraegen wieder einiges an Risiko auf mich nehme, dann muss ich nach diesem Tiefschlag doch auch fest auf die Zaehne beissen.

Aber wie mein Lieblingsexistenzialist sagt: "It is not a matter of how hard you can hit, but of how hard you can get hit, and keep on moving..."

In diesem Sinne wuensch ich alles Gute fuer die naechsten Paar Runden.

: )

Oliver Reichenstein

Den Primeur hier, die Kopie bei Facts 2.0. Daniel Weber liegt m.E. richtig. Facts 2.0 entpuppt sich als das "Piazza" der Nachrichten. Aggregierung als Verkaufsstrategie. Man klaue das beste von anderen, lasse es von den Benutzern evaluieren, raten und kommentieren und schon kommt es nicht mehr so auf den Originalzusammenhang an. Etwa das, was die Spassredaktionen bei 20 Minuten und Heute im kleinen Rahmen täglich auf Papier durckt.

Es ist anzunehmen, dass genau dasselbe herauskommt. Aggregiertes (zwangsläufig) aus dem Zusammenhang gerissenes Kurzfutter welches zu absurden Diskussionen animiert. Auch wenn ich das Businessmodell hier als durchaus originell einstufen würde, bezweifle ich, dass der Kickback für die Content-Lieferanten zufriedenstellend ausfallen wird. Schliesslich schrieb schon Facts 1.0 mehrheitlich rote Zahlen.

doofy:

..Auch FACTS 2.0 wird enden. Schliesslich ist das ein Gesetz. Und weils ums Geld geht wird auch dieses Portal vom Werbehammer geschlagen und informative Inhalte werden kleiner und verschwinden zusehends...bis auch hier der letzte Atemzug aushaucht.

lustig: FAZ und SZ verklagen perlentaucher.de wegen geld verdienen ohne eigenleistung. lustig wäre, wenn tamedia ihr 2.huch! gleich selbst verklagte: mit noch weniger eigenleistung geld verdienen geht gar nicht.

ps: unsere feeds werden dort jetzt nicht mehr angesogen. (das könnte auch mal noch versucht werden frisch zu verstehen: es gibt qualität auch jenseits von traffic.traffic.traffic ;-)

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