Wahrheitssuche statt Wahrheitsdiktat

Mitten in der Sommerflaute ein Kracher in der «Weltwoche»: «Die Quotenfrau». Urs Paul Engeler nimmt sich Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre vor (Nr. 29/07). Letzter Absatz: «Der Tag, an dem Lobbyist Sacha Wigdorovits auch noch in den Berufsstand eines Grossverlegers tritt, müsste das Datum des Rücktritts der Ingrid Deltenre sein, spätestens.» Also eigentlich lieber heute als morgen.

Im «Kommentar» der nächsten Ausgabe doppelt Chefredaktor Roger Köppel nach: Die Liaison mit Wigdorovits sei nichts weniger als ein «Wandelndes Klumpenrisiko». Der «Weltwoche»-Verleger – der nicht nur sein Magazin, sondern auch den Eintrag über sich selbst in der Wikipedia scharfäugig redigiert oder redigieren lässt – schreibt neben vielen Editorials ganz vorne auch noch ein Tagebuch ganz hinten in seinem Magazin – eine Art Blog auf Papier. Dort lese ich in derselben Ausgabe 30/07: «Nach heftigen Anfeindungen seitens der SRG wegen Engelers Deltenre-Artikel die Frage: Was eigentlich ist die Aufgabe des Journalismus? Schreiben, was ist, Kontrolle, mitleidlose Beobachtung, qualifizierte Urteilskraft. Recherche. Frei nach dem Philosophen Kant: Ausgang des Journalismus aus seiner selbstverschuldeten Harmlosigkeit».

Schreiben, was ist. Wohl jeder Chefredaktor einer Schweizer Gazette würde das unterschreiben. Unerlässliche Rollenprosa, dieses Bekenntnis zur Wahrheit. Als Abonnent lese ich in der «Weltwoche» viele Artikel, die glänzend geschrieben sind. Aber wenn ich besonders den manchmal etwas krampfhaft forcierten «andern Blick» schätze, weiss ich doch auch, dass in der «Weltwoche» oft steht, «was nicht ist», und fehlt, was «auch noch ist».

Nun, ein Artikel ist kein Buch. Aber «was auch noch ist» gehört selbst dann in einen polemischen Artikel, wenn es die These des Autors relativiert. Eine These ist keine Sünde; mit ihr startet jeder Journalist seinen Gang durch ein erregendes Thema. Aber auf diesem Gang muss er, wie der liberale Wissenschaftsphilosoph Karl Popper immer wieder forderte, die eigene These abklopfen und auch Gegenläufiges aufnehmen. So kommt man dem, was ist im besten Falle näher.

Unbestritten, dass die Lebenspartnerschaft von Ingrid Deltenre mit einem forschen Draufgänger aus der PR-Branche, der heikle Mandate in manchen vom Fernsehen SF beobachteten Bereichen ausübt, ein Risiko darstellt. Es ist zunächst das Risiko des bösen Scheins. Hat er oder hat er nicht – am Telefon auf Redaktionsleiter Einfluss zu nehmen versucht, subtil Bemerkungen bei Fernsehleuten platziert, wobei ihm seine Kenntnis der journalistischen Auswahlkriterien sehr zustatten kommt? Skandalös wäre es, wenn solche Pressiönchen über Deltenre laufen würden. Oder wenn SF-Redaktionsleiter für Wigdorovits‘ Vorschläge ein offenes Ohr hätten, um Deltenre zu gefallen.

Ich höre aus zweiter und dritter Hand dies und das zum zweiten Punkt, aber nichts so Genaues, dass ich es hinschreiben könnte. Gerüchte eben, die aus der heiklen Grundkonstellation der Hauptakteure spriessen. Umso mehr erwarte ich aber, dass die Indizien, die Engeler platziert, von den Fakten her hieb- und stichfest sind. Kantinengeschwätz reicht nicht.

Als «Ehemaliger» habe auch ich für diesen Blogeintrag ein wenig hinter Engeler hertelefoniert. Er schreibt, Wigdorovits habe Flüge eines Korrespondenten für vier Berichte über seinen Klienten Dosé (ex Swiss) nach Bahrain organisiert. Tatsächlich aber hat der Korrespondent die längst geplante Reise selbst bezahlt, sich in Bahrain kurz einer von Widorovits organisierten Journalistengruppe angeschlossen, aber selbständig zwei Berichte erarbeitet. All das war vor Engeler per Mail ausgebreitet worden. In «bösen Schein» kann auch der Rechercheur geraten.

Programmkritik ist ein weites Feld. Jeder Schweizer hält sich für einen Fernsehkritiker; schliesslich nötigt man ihm Gebühren ab. Aber schreiben, was ist setzt auch ein gewisses Mass an begrifflicher und historischer Genauigkeit voraus – sonst entstehen bösartige Missverständnisse.

Engeler verwechselt «Marktanteil» (wie viele Prozente der aktuellen Zuschauer sind zu einer bestimmten Zeit beim Programm von SF 1?) und «Reichweite» (wie viele potenzielle Zuschauer der Deutschschweiz wurden am Tag X von SF 1 erreicht?). Die vorerst glücklos renovierte Wissenschaftssendung heisst «Einstein», nicht «Galileo» (Engeler verwechselt SF hier mit einem deutschen Sender). Die inzwischen unter Beifall gestartete wöchentliche Wirtschaftssendung «eco» kann, entgegen Engeler, nicht mit dem «Netto» der frühen 90er Jahre verglichen werden. Dieses letztere war bestenfalls im Monatsrhytmus ausgestrahlt worden – eine miese Basis für Zuschauerbindung. Die ebenfalls vorhandenen Programmerfolge bleiben bei Engeler unerwähnt.

Undsoweiter. Ich lese Engeler sehr gerne; oft legt er den Finger ebenso respektlos wie zornig auf wunde Punkte. Aber je enger ich mit einem Thema vertraut bin, desto skeptischer reagiere ich auf die überall herauslugende Voreingenommenheit. Sie blockiert den Weg zu dem, was ist. Diese Selbstblockierung nennt man Thesenjournalismus: Engeler will doch seine stimmige Thesensammlung über SF (nicht seine erste), die diesmal logisch in die Rücktrittsforderung an Deltenre mündet, nicht kaputtrecherchieren.

Was ich allerdings nicht verstehe: Köppel machte Deltenre das Angebot, ihre Sicht der Dinge auf zwei Seiten in der «Weltwoche» darzulegen. Deltenre lehnte ab. «Democracy is debate», sagte schon Thomas Jefferson. Beleidigtes Schweigen ist immer die schlechteste Antwort.

Peter Studer ist Publizist und Präsident des Schweizer Presserats.

von Peter Studer | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Wahrheitssuche statt Wahrheitsdiktat»

  1. Man düfte als Journalist auch die Prämisse „Schreiben, was ist“ durchaus ab und zu in Frage stellen. Konstruktivismus und so.

  2. Roman B.:

    1. Bedauerlich, dass sich Peter Studer weiterhin nicht von der SRG lösen kann. Einmal SRG, SRG?

    2. Peter Studer muss nicht länger auf Roger Köppel neidisch sein, auch er hat mittlerweile einen Eintrag bei Wikipedia erhalten: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Studer

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