Etwas Prinzipielles

Soeben ist er wieder in unser Land eingefallen, ist an so manchem Ort aufgetaucht, war innert weniger Tage in allen möglichen Zeitungen zu sehen und auch im Radio ein Thema, und nein: ich rede nicht vom Bären.

Asfa-Wossen Asserate, Grossneffe des letzten Kaisers von Äthiopien: Wie faszinierend das klingt, mythisch und imperial zugleich! Und es ist durchaus eine reizvolle Umkehrung der kolonialistischen Formel «Europäer gleich Zivilisierter, Afrikaner gleich Wilder», dass da ein Mensch dunkler Hautfarbe eloquent den Manierenzerfall bei den Weissen beklagt.

Bloss kennen wir das bereits zur Genüge aus seinem ersten Buch. Nun legt der in Deutschland assimilierte Prinz bereits das zweite vor. Es ist wieder eine, diesmal autobiografisch unterfütterte, Sittenlehre. Und es kommen Interviews und Porträts und Rezensionen in einer Intensität, als handle es sich bei den Asserateschen Ideen um etwas völlig Neues. «NZZ am Sonntag» und «NZZ», «Tages-Anzeiger» und «Züritipp», «Cash-Daily» und Radio DRS usw., sie alle brachten in den letzten Wochen den Prinzen, und so manchen von dessen Gedanken las derjenige, der nicht nur ein Blatt liest, mehrfach.

Wieviel Echo doch hierzulande ein manierlicher Mensch bekommt, wenn ihn bloss eine gute PR-Maschinerie propagiert und er willens ist, dorthin zu reisen, wo die Journalisten hocken. Bestimmt wird es auch ein drittes und ein viertes Anstandsbuch geben. Sollte eine Zeitung diesen Autor noch nicht gehabt haben, so kann sie das also noch nachholen. Die nächste Asserate-Welle kommt bestimmt. Man wird mit dem Prinzen leben lernen müssen wie mit dem jährlichen Rolling-Stones-Konzert.

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Wanderkolumnist bei der «Weltwoche». Kürzlich im Echtzeit Verlag erschienen ist sein Buch «Zu Fuss. In 52 Wanderungen durchs Jahr», mit 52 Karten 1:50’000 und Fotos von Raffael Waldner. Zu bestellen unter www.echtzeit.ch.

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

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