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24. August 2007

Medienschau

Full Disclosure beim «Tages-Anzeiger»

Für Schweizer Verhältnisse nahezu Unerhörtes ist in der heutigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers» zu lesen. Da steht doch am Ende eines Artikels zu einem dank ABB-Technologie energieeffizienter arbeitenden schwedischen Papierkonzern wirklich und wahrhaftig der Satz:

    «Dieser Artikel entstand im Rahmen einer von ABB organisierten Medienreise.»
Der «Klein Report» hat bei «Tagi»-Chefredaktor Peter Hartmeier verdankenswerterweise nachgefragt. Und in der Tat:
    «Chefredaktor Peter Hartmeier bestätigte gegenüber dem Klein Report, dass die Quellen-Information in dieser Form erstmals erfolgt sei und ab sofort in allen Ressorts des <Tages-Anzeigers> gepflegt werden soll. <Das entspricht einer langjährigen Usanz im angelsächsischen Journalismus und entspricht eigentlich dem gesunden Menschenverstand>, sagte er, <wenn man die Quelle offen legt, ist es kein Problem mehr>».
Da kann man eigentlich nur gratulieren, so diese Politik denn auch in den Tourismus-, Auto- etc. Beilagen durchgezogen wird. Oder versucht man sich auf diese Weise vorsichtshalber vom angekündigten Gratisblatt aus dem eigenen Hause abzugrenzen?

Update, 25. August 2007: Wie Tobias' Kommentar zu diesem Eintrag entnommen werden kann, hat der «Tagi» vor anderthalb Jahren bereits einmal Anlauf zu mehr Transparenz genommen.

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Bemerkungen

vanpipe:

Das ist zwar einerseits begrüssenswert – aber viel begrüssenswerter wäre es, sich nicht von ABB auf PR-Touren einladen zu lassen.

Bobby California:

Ist es kein Problem mehr?
«ABB hat das mehrere Hektar grosse Areal (...) gewählt, um die wohltuende Wirkung ihrer Automations- und Regeltechnik auf die Energierechnung und die Umwelt zu demonstrieren.»
Solche Sätze kommen unweigerlich zustande, wenn man an einer Medienreise teilnimmt. Der Journalist gibt seine Unabhängigkeit preis. Das ist tatsächlich unerhört, nicht nur das Sätzchen am Schluss des Artikels. Umso nötiger sind Leute wie der Medienspiegler, die genau hinschauen.

ehrlicher wäre, stehen würde "von ABB gesponserten..."

DB:

Noch eine Stufe besser, wenngleich teurer, ist die Haltung des Spiegels. Da bezahlt der Verlag auch bei Medienreisen alles selber.

Schon im März 2006 stand im Tagi unter einem Bericht über McDonald's: "Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer von McDonald's organisierten Pressereise." (tobistar.com/archiv/000446.php) - also doch nicht ganz neue Praxis, aber diesmal hoffentlich mit mehr Durchhaltevermögen.

Andreas Wüthrich:

Kürzlich gab es das gleiche bei einer Leserreise der Unique (Flughafen Zürich). Ich glaube, der Tagi deklarierte nur online, offline sah ich in keiner Zeitung eine Deklaration. Peinlich!

Man sieht häufig, dass verdächtig viele Schweizer Journalisten über das gleiche schreiben. Kürzlich auch über diesen grässlichen USA-Schriftsteller Ford (oder so ähnlich). Und es gibt viele weitere Beispiele.

Bei Tamedia sind neuerdings noch ganz andere Praktiken salonfähig. Das Magazin liess in der Nummer 33 (zum Thema "Luxus") einen Werber über Polo in Gstaad und in Pakistan schreiben. Die Bilder lieferte er auch gleich dazu. Der Werber ist "langjähriger Polospieler und Mitorganisator der Polo-Turniere von St. Moritz und Gstaad", hiess es am Ende des Artikels. Auf der nächsten Seite dann das Ganzseitige Inserat für das Polo-Turnier in Gstaad vom 16. bis 19. August. Tamedia ist dort laut Gold-Cup-Website Co-Sponsor, was auf dem Inserat aber nicht vermerkt ist. GGK nennt den Polo-Gold-Cup auf ihrer Website als Kunden, Tamedia (im Gegensatz zu Ringier und SF) aber nicht. Was nicht ist, kann ja noch werden.

Das nenn ich Luxus-Pur für die Redaktion: Die Werber liefern nicht nur die Inserate sondern auch den Content.

Rober Holzwart:

etwas realitätssinn und weniger eifersucht. es gibt geschichten, die freischaffende via internet und telefon nicht schreiben können - und aus eigener motivation reist im abb-fall niemand nach schweden, weil 'es keine geile story gibt' die man an mehrere zeitungen verkaufen kann. zudem: wenn jemand über das "ur-"-poloturnier in pakistan im vergleich zu gstaad schreibt, ist mir doch gleich ob das der organisator von gstaad oder ein pakistanischer polospieler ist - wenn die geschichte 'verhebet'. viel stossender finde ich die schreibtätigkeit vieler 'textbüros' die am morgen pr-texte schreiben und am nachmittag als freischaffende in die recherchierhosen steigen...

Bobby California:

Rober Holzwart> Was ist denn der Unterschied zwischen einem PR-Text und der TA-Reportage über die «wohltuende» ABB-Technik? Mit Verlaub, Deine Argumentation ist nicht ganz logisch.

Es kann durchaus sein, dass ein Werber, oder ein Teilnehmer einer Pressereise, eine gute Geschichte schreibt. Die Chancen, dass daraus eine oberflächliche Story ohne Biss und ohne Tiefgang entsteht, sind aber leider ungleich viel grösser. Denn man beisst ja nicht die Hand, die einen füttert. Schon gar nicht ein Freier, der auf Einladungen angewiesen ist.

Übrigens melden sich bereits verzagte Stimmen, die nur schon die Umsetzbarkeit von Peter Hartmeiers Minimalforderung in Frage stellen: Tagi nennt Sponsoren (Zürcher Presseverein)

nur damit das klar ist:
der werber schreibt den artikel über das polo-turnier, das er mitorganisiert und für das er mit seiner firma auch wirbt. der artikel erscheint in einer publikation eines sponsoren des polo-turniers.

quizfrage:
ist das ein nullsummenspiel oder eine winwinsituation?

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