Stockkonservativ und hypersparsam

Kennen Sie das? Man betrachtet etwas und unwillkürlich fällt einem ein Wort oder Sprachbild dazu ein, das sich am Gesehenen so festsetzt wie ein sommerlich aufgeweichter Kaugummi an der Schuhsohle. Eine solche Instant-Assoziation hatte ich, als ich Anfang Mai erstmals Roger Köppels Porträt auf seiner damals neu lancierten Tagebuch-Seite sah. Der Reim dazu stammt von Heinrich Heine und geht so:

    Sie stelzen noch immer so steif herum,
    So kerzengrade geschniegelt,
    Als hätten sie verschluckt den Stock,
    Womit man sie einst geprügelt.

Das berühmte Zitat aus «Deutschland, ein Wintermärchen» bezieht sich auf preussische Grenzwächter. Wie Köppel sich Woche für Woche in seiner Rubrik präsentiert – die rechte Hand betont locker in der Hosentasche, mit der linken dafür umso verkrampfter die Tischkante umklammernd – hat ebenfalls etwas Soldatisch-Selbstzufriedenes, wirkt zugleich aber linkisch und antrainiert.

Diese Ambivalenz eignet auch dem im Tagebuch dargereichten Kurzfutter: Auf hübsche Anekdoten folgen teils hanebüchene Tagesbefehle. In der letzten «Weltwoche» etwa lernten wir, dass «Männer ohne Krawatten nicht erwarten können, wirklich ernst genommen zu werden». (Arme «Weltwoche»-Redaktoren!) Und in der aktuellen Ausgabe definiert der Journalist des Jahres 2006 den Feminismus flugs als «die Rache der weniger schönen Frauen an den Männern mit den schönen Frauen». (Mein Beileid den drei übrig gebliebenen Redaktorinnen.)

Solcherlei ist nicht stockkonservativ sondern – mit oder ohne Verlaub – schlicht saublöd. Und es ist billig. Als Provokationsmasche, klar, aber eben auch pekuniär. Denn mit seinen prominent platzierten Notizen spart der Chefredaktor und Verleger in Personalunion wöchentlich das Honorar für eine redaktionelle Seite. Macht pro Jahr mindestens 50 x 600 = 30’000 Franken. Mit diesem netten Sümmchen kann Köppel immerhin 15 dieser auto-erogenen Ergüsse seines selbsternannten Starkolumnisten MvH querfinanzieren.

Einiges günstiger dürften ihn der «Konkret»-Causeur Christoph Mörgeli und Peter Rothenbühlers «Mailbox» kommen (weswegen Letzterer nun ja zur «SonntagsZeitung» wechselt). Zu sparen scheint der nach eigenem Bekunden hoch verschuldete Jungunternehmer jedoch nicht nur an seinen Meinungsbeiträgern. Auch die Blatt-Koordination ist offenkundig unterdotiert. Wie sonst lässt sich erklären, dass in der Ausgabe vom 12. Juli neben den beiden oben Genannten auch noch Köppels Redaktionsoberst Markus Somm rhetorisch auf Melanie Winiger als Sprachrohr all jener eindrischt, die einige Tage zuvor auf dem Berner Bundesplatz mehr Schweizer Entwicklungshilfe gefordert hatten?

Die Tonalität der drei Herren in ihrem Winiger-Verdikt schwankt je nach Temperament von «linke Gucci-Tussi» (Mörgeli) über «schauspielernde Entwicklungsexpertin» (Somm) bis zum väterlich-herablassenden «Ich schäme mich für dich» ihres Ex-Mentors Peter Rothenbühler. Die Diagnose hingegen ist identisch: Nicht die Schweiz hat ein Problem mit ihrer Entwicklungspolitik, sondern «abgehalfterte Schauspielerinnen mit ihrem Aufmerksamkeitssyndrom» (Mörgeli). Eine publizistische Peinlichkeit sondergleichen. Und symptomatisch für Köppels Gesinnungs- und Geschäftspolitik. Das Fazit von Melanie Winiger (PDF) in ihrer von der Weltwoche natürlich nicht abgedruckten Replik: «Eine Leserverarschung, die erst noch 5.70 Fr. kostet.» Right.

Oliver Classen ist Ex-Medienjournalist und heute Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

von Oliver Classen | Kategorie: Mediensatz

7 Bemerkungen zu «Stockkonservativ und hypersparsam»

  1. Ich glaube, ich muss mir die „Weltwoche“ auch mal besorgen und sei es nur um nachher drüber zu lachen oder sich aufzuregen.

  2. robert holzwart:

    ein exemplar beschaffen lohnt sich nicht. aufregen kann man sich auf anspruchsvollere arten. roger köppel hat ein problem mit frauen und das sollte er schleunigst aufarbeiten, sonst produziert er irgendwann mal etwas, das von der breiten öffentlichkeit beachtet wird und das fass zum überlaufen bringt.

  3. Bobby California:

    Harte, aber gerechte Worte. Das musste mal gesagt werden. Es gibt einen grossen Unterschied zwischen intelligenter Provokation (das ist vermutlich der Anspruch) und pubertärem Geschwätz. Ich möchte die Leute nicht kennen lernen, die so was lustig finden.
    Die Blattkoordination ist in der Tat erstaunlich. Letzthin brachte die WW zweimal den gleichen Artikel (in beiden Versionen des Texts wurde die These verbreitet, dass Aids doch nur Schwule betrifft). Beim zweiten Mal wurde daraus eine Titelgeschichte gezimmert. Man rieb sich die Augen und staunte.

  4. Die „Weltwoche“ wird aber offenbar gelesen, im Gegensatz zu vielen anderen Printerzeugnissen. Wenigstens von den Journalisten. Was das Bild betrifft – ich finde das etwas unfair. Wäre ein anderes Bild von ihm denn weniger kritisiert worden? Gibt es denn eine gute alternative Illustration dazu?

    Mir gefällt das wöchentliche Tagebuch von Roger Köppel. Auch, weil es persönlich und mitunter entlarvend ist. Noch lieber würde ich es zusätzlich online lesen. In einem Blog mit Kommentarfunktion.

  5. WeWo-Leser:

    Mir ist es eigentlich ziemlich egal, ob Köppel frauenfeindliche Dummheiten rauslässt. In den relevanten Punkten ist die „Weltwoche“ die einzige Publikation, die dem Zeitgeist nicht den Kopf in den Anus steckt. Die „Kampagne“ gegen Stocker ist das beste Beispiel dafür. Zuerst wird die Kritik an Stocker von den restlichen Medien als ungerechtfertigte Polemik des „SVP-Kampfblattes“ abgetan. Der Tagi führt ein Interview mit Stocker, das an Hofberichterstattung erinnert. Seitenhiebe gegen die „Weltwoche“ dürfen natürlich nicht fehlen. Ein paar Wochen später schreibt der Tagi dann in einen Kommentar, dass die öffentliche Diskussion über Sozialhilfemissbrauch gut getan habe. Seltsam.

  6. Gurdrun Gilbert:

    Weshalb überlebt die Weltwoche eigentlich immer noch?

  7. kuno klarheit:

    weil politische brandstifter der profilierungsneurose kontinuierlich gerüchte, geld und autoren in den ******* schieben.

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