Maulbrüter (18)*

Ich habe mein Revier gewechselt. Ein neues Becken, neue Bepflanzung und neue Artgenossen. Wieso ich das getan habe? Um meine Lieblinge, die Maulbrüter, noch besser verstehen zu können. Gäbe es andere Gründe?

Und einiges, glauben Sie mir, habe ich bereits gelernt, einiges, wovon ich keine Ahnung hatte. Im Grunde habe ich ja, ich bekenne es schamvoll, mit meinem Unwissen von der Welt lange Jahre gut gelebt. Die Wassertemperatur war nicht zu heiss und nicht zu kalt, die Fliessgeschwindigkeit zwar gleich Null, doch das machte das Leben nur umso behaglicher. Die natürlichen und unnatürlichen Feinde waren auf Sichtdistanz, die Freunde ins Vertrauen gezogen, das Futter gesichert. Ich hätte in den alten Verhältnissen noch jahrelang weiter meine alten Runden drehen können. Ich hätte gewusst, wann Futterzeit ist und wie das Futter schmeckt. Und das ist schliesslich das Entscheidende auch für uns Maulbrüter. Dachte ich damals.

Ausgesetzt im neuen Biotop, bin ich um eine Erfahrung reicher, die mich daran zweifeln lässt. Im neuen Biotop, aus der neuen Distanz zu meinen alten Bekannten, habe ich ein Verhalten unter Maulbrütern beobachtet, das frappant, um nicht zu sagen verhaltensauffällig ist. Das gehäufte Vorkommen von Wirbellosen in der Umgebung von Maulbrütern war mir bereits vertraut, deren Fähigkeit zur Geschlechtsumwandlung zum Zwecke des Überlebens einsichtig, ihr Schwarmverhalten sogar lieb geworden. Nun aber beobachte ich ein Phänomen, das die Wissenschaft bislang sträflich vernachlässigt hat: Die Wirkung von Attrappen auf junge Maulbrüter.

Beim Buntbarsch, Oreochromis leucosticus, fiel mir das zuerst auf. Das Maulbrüterweibchen (das wie gesagt später gerne zum Männchen mutiert) entlässt ihre Jungen voll entwickelt aus ihrem Maul, und die Jungfische folgen ihr unmittelbar nach der Geburt, sie suchen ihre Nähe oft bis zum Berührungskontakt. Interessanterweise ist aber die Attraktion des «Muttertieres» auf die erfahrungslosen Jungen umso grösser, insofern deren Merkmale – Bewegung, Grösse, Outfit, Sprache – verstärkt auftreten. Ein Jungtier folgt umso bereitwilliger einer Mutter-Attrappe, je betonter sie die mütterlichen Merkmale aufweist. Fazit: Die Jungfische ziehen die Nähe zur Mutter-Attrappe dem Kontakt zur natürlichen Mutter vor, wenn die Attrappe mütterlicher wirkt als das Original selber.

Was ich daraus lerne? Es ist einerlei, in welchem Biotop ich mit dem Schwarm mitschwimme. Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit schwärme ich hier wie dort sowieso nur der Kopie meines Ideals hinterher. Doch ungeachtet dieser Vermutung bin ich nach wie vor der Meinung: Ein Stehgewässer gegen ein Fliessgewässer einzutauschen, belebt den Instinkt.

Daniele Muscionico ist Kulturredaktorin bei der «Weltwoche».

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter (6)» , «Maulbrüter (7)», «Maulbrüter (8)», «Maulbrüter (9)», «Maulbrüter (10)», «Maulbrüter (11)», «Maulbrüter (12)», «Maulbrüter (13)», «Maulbrüter (14)», «Maulbrüter (15)», «Maulbrüter (16)» und «Maulbrüter (17)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Maulbrüter (18)*»

  1. Bobby California:

    Egal, in welchem Biotop man sich bewegt? Na ja, jedem/jeder das Seine/das Ihre. Es gibt aber so gewisse Aquarien, in denen ich mich nicht tummeln wollen würde. Weil das Wasser dort zwar nicht steht, aber künstliche Wellen erzeugt werden, die mir unheimlich sind. Wo man den Oberfisch mit der dicken Unterlippe verehrt und weibliche Fische nur als Brutpflegerinnen schätzt. Und dessen Boss vorgibt, nur Fische ernst zu nehmen, die eine Krawatte tragen.

  2. Mastermind:

    Fischen, die gegen den Strom schwimmen, bringe ich grundsätzlich mehr Respekt entgegen als Fischen, die sich einfach mittreiben lassen.

    Etwas bemühend finde ich aber, wenn Fische extra umkehren und sich auf jede einzelne Flosse schreiben, was ihrer Ansicht nach ist, nämlich: „Nur wir sind echte Fische, denn wir schwimmen gegen den Strom!!!“.
    Und dann auch noch erwarten, dass die Leute am Ufer „Aah“ und „Ooh“ rufen und haufenweise Futter in den Strom werfen, damit die Fische weiter dagegen anschwimmen können.

  3. swe:

    von den hochwassern lernen wir, dass fliessgewässer nicht mehr durchblick gewähren als stehende. im gegenteil, da fliesst allerlei güsel drin, das auch bei den fischen spuren hinterlässt, doch dankbar aufgeschnappt wird und sich in krawattierten elaboraten wiederfindet.

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