Vom Modul

Jahr für Jahr wird landauf landab – ich rede vom Mittagsmenü in den Beizen – ein Zweiteiler serviert: Vor-, dann Hauptspeise. Das Mitspracherecht des Gastes beschränkt sich darauf, erstens zwischen Salat, Suppe oder Orangenjus zu wählen und zweitens zwischen Adrio mit Nüdeli oder Schweinsbratwurst mit Pommes Frites.

Dabei möchte der Gast zum Beispiel Suppe und danach Nüdeli. Aber kein Fleisch. Oder er will nur einen grossen Salatteller (wofür er nicht den vollen Menüpreis zu zahlen bereit ist). Das fixe Mittagsmenü ist ein Anachronismus. Und es spricht alles für «food moduling»: die freie Zusammenstellung einzelner Menüteile.

Die Presse hat soeben brav über die Ankündigung des Brancheverbandes GastroSuisse berichtet, «food moduling» schweizweit durchzusetzen. Ich las davon gleich zweimal. Ich habe mir nämlich vor kurzem zusätzlich zum «Tages-Anzeiger» auch die «Appenzeller Zeitung» (ein Kopfblatt des «St. Galler Tagblatts») abonniert.

Jeden Abend komme ich nun also nach Hause und finde die «Appenzeller Zeitung» vor, die der Pöstler gegen halb zehn Uhr vormitags in meinen Briefkasten geworfen hat. Ich lese – und merke: Das meiste habe ich am Morgen bereits dem «Tagi» entnommen. Inland, Ausland, Wirtschaft, Kultur, Sport: Zu gut vier Fünfteln sind die Zürcher und die Ostschweizer Tageszeitung identisch. Die Tatsache, dass der gleiche eidgenössische Parlamentsvorgang oder das gleiche Fussballwochenende von den beiden Redaktionen nicht immer exakt gleich gesehen wird, inspiriert mich selten: Das ist bloss föderalistische Feinphilologie.

Wir wären damit bei meiner Konsumentenfrage. Ich zahle für die «Appenzeller Zeitung» 323 Franken pro Jahr. Ich nutze aber nur ihren Regionalteil, also vielleicht 20 Prozent der ganzen Zeitung. Wieso kann ich nicht nur den Regionalteil abonnieren und für 60 oder 70 Franken jährlich das eine oder andere aus meinem Herkunftskanton erfahren? Das wäre ein angemessener Preis.

Wer weiss, vielleicht sollte die Schweizer Presse einmal über «newspaper moduling» nachdenken: über ihre eigene Flexibilisierung.

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Wanderkolumnist bei der «Weltwoche». Im Echtzeit Verlag erschienen ist kürzlich sein Buch «Zu Fuss. In 52 Wanderungen durchs Jahr», mit 52 Karten 1:50’000 und Fotos von Raffael Waldner. Zu bestellen unter www.echtzeit.ch.

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Vom Modul»

  1. wayne:

    finde ich schon lange notwendig. am besten totales moduling. man kriegt jeden morgen eine zeitung zu sich nach hause, die man aus x bünden verschiedener zeitungen zusammenstellen kann und zahlt dafür einen preis, der einem tageszeitungsabo nahekommt: z.B. ausland und wirtschaft von der nzz, inland und regionalteil vom tagblatt, blick-sport und den tagikulturteil. die zeitung würde ich gerne abonnieren.

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