Das grosse Web-2.0-Glossar

«Du kannst doch gut mit Computern. Was ist eigentlich Web 2.0?», fragte mich kürzlich meine Grossmutter. «Web 2.0? Keine Ahnung, noch nie gehört», antwortete ich. Sie fuhr fort: «Alle Mitglieder im Senioren-Karaoke investieren ihr Geld nun in dieses Web 2.0. Ein richtiger Geheimtipp!»

Als Investitions-Laie bin ich natürlich froh um solche Tipps von Insidern. Also habe ich sofort den Begriff «Web 2.0» bei Altavista gegoogelt und alle wichtigen Informationen zu Web 2.0 in Form eines Glossars für meine Grossmutter und mich zusammengestellt. Schliesslich möchte man wissen, womit man steinreich werden wird. Gerne stelle ich auch Ihnen dieses Wissen zur Verfügung.

Web 2.0
Zauberspruch mit der Kraft zur →Geldvermehrung. Vervielfacht wird seine magische Wirkung in Kombination mit Anglizismen wie →Crowdsourcing, →User Generated Content, →Citizen Journalism oder →Long Tail.

Soziale Netzwerke
Kontaktnetze im Internet, die →sozial sind.

Sozial
Alle sind gleich und alle haben sich gern. Ausser die auf der A-Liste. Die sind etwas gleicher und haben sich etwas gerner – sind also sozialer.

User Generated Content / Crowdsourcing
Von →Citizen Journalists ohne Bezahlung erstellte Inhalte für Medienunternehmen. Weil sie →sozial sind, schenken die →Citizen Journalists den Medienunternehmen dabei auch ihre Rechte an den Inhalten.

Citizen Journalist
Ein →Selbstdarsteller, der «iPhone» buchstabieren kann und weiss, wo sich der Auslöser bei seiner Digitalkamera befindet.

Selbstdarstellung
Narzisstischer Drang von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit, ihre Persönlichkeit in der Öffentlichkeit aufzuwerten. Psychologische Ursache der →Selbstausbeutung.

Selbstausbeutung
Äusserst →soziale Tätigkeit von Teilnehmern in →Sozialen Netzwerken. Sie erspart den Betreibern von →Web-2.0-Diensten das Bezahlen von Löhnen. Sie ist wirtschaftliche Basis jedes Web-2.0-Geschäftsmodells und somit verantwortlich fürs →Geld.

Geld
1’650’000’000 US Dollar. So viel zahlte das grosse Unternehmen Google für das kleine Unternehmen Youtube. Mit diesem Geld hätte sich Google 133 Millionen Stück des DVD-Regals Flärke von IKEA kaufen können, um darin so viele Film-DVDs zu lagern, wie man dreimal entlang des Äquators um die Erde aufreihen kann.

Social Software
Soziale Netzwerke werden durch Social Software wie beispielsweise Wikis (→Wikipedia), →Weblogs oder →Social Bookmarking gebildet. Der Unterschied zu herkömmlicher Gruppen-Software ist, dass nicht der Anführer bestimmt, wen er ausbeutet (top-down), sondern die Ausgebeuteten bestimmen, wer sie anführt (bottom-up).

Wikipedia
Die wirklich grossartigste Enzyklopädie der Welt. Das Spezielle daran: Jeder Internet-Nutzer kann selber Einträge für die Enzyklopädie verfassen. Das ist auch total praktisch für →PR-Menschen, Politiker und Unternehmen.

Weblog
Sammlung von persönlichen und subjektiven Meinungen zu allen möglichen Themen. Geschrieben von Menschen, bei denen man nicht mit Sicherheit weiss, wer sie bezahlt (vergleichbar etwa mit der «Weltwoche»).

Social-Bookmarking
Die neuen Gatekeeper im Internet sind Dienste wie Digg, Del.icio.us, Mister Wong und unzählige andere mehr. Sie sammeln die Links und Lieblings-Bookmarks ihrer Nutzer. Das extrem Raffinierte daran ist die redundante Selbstreferentialität: Die Nutzer bestimmen durch Klicken, welche Links weiter oben angezeigt werden (Fachjargon: →hochspülen), wo sie von mehr Nutzern gesehen werden können. Diese bestimmen dann durch Klicken, welche Links weiter oben angezeigt werden (Fachjargon: →hochspülen), wo sie von mehr Nutzern gesehen werden können. Diese bestimmen dann durch Klicken, welche Links weiter oben angezeigt werden (Fachjargon: →hochspülen), wo sie von mehr Nutzern gesehen werden können.

Hochspülen
Wichtiger Zeitvertreib für moderne →PR-Menschen.

PR-Menschen
PR-Menschen arbeiten in →sozialen Netzwerken (sind sozusagen Sozialarbeiter). Und das funktioniert so: Sie legen sich in ganz vielen sozialen Netzwerken ganz viele verschiedene Identitäten zu, lassen diese dann ganz intensiv und →sozial miteinander diskutieren und publizieren dabei ganz viele positive Beiträge über ihre Auftraggeber.

450 US$
So viel →Geld benötigte eine «Wired»-Reporterin, um den Link zu ihrem Nonsens-Blog «My Pictures of Crowds» beim →Social-Bookmarking-Dienst Digg.com ganz nach oben zu bringen (Fachjargon: →hochspülen).

MySpace
Ein →Soziales Netzwerk von mindestens 100 Millionen →Selbstdarstellern, die beim Casting zu «DSDS», «Big Brother» und «Popstars» völlig zu Unrecht abgelehnt wurden.

Xing.com
Ein →Soziales Netzwerk von Menschen mit dem ehrgeizigen Ziel einer steilen Geschäftskarriere. Zu diesem Zweck erfinden sie einen besonders beeindruckenden Lebenslauf und freunden sich mit anderen Menschen an, die einen besonders beeindruckenden Lebenslauf erfunden haben.

The Long Tail
Ein Buch von Chris Anderson. Es stellt die These vom Ende der Verkaufshits vor und widerlegt diese gleich selbst durch seinen eigenen Verkaufserfolg.

Beta
Symbol für die neue Ehrlichkeit bei den Internet-Unternehmern. Sie sind zu faul, ihren Dienst fertig zu entwickeln, und pappen deshalb Beta als Warnung über das Logo. Beta bedeutet: «Lieber Nutzer. Dieser Dienst ist Scheisse, taugt nichts und produziert ständig Fehler. Schön, dass du ihn trotzdem verwendest, du Idiot.» Nutzer wie →Du und ich finden das cool und sind →sozial.

Du und ich
Personen des Jahres, ausgezeichnet vom renommierten Magazin «Time». (Unter uns gesagt: Ich hab’s nicht verdient.)

Privacy / Datenschutz
Glücklicherweise verschwundene, geschäftsschädigende Forderung von ewiggestrigen Nörglern, die darauf hinweisen, dass im →Web 2.0 veröffentlichte, persönliche Informationen missbräuchlich verwendet werden könnten – beispielsweise von Arbeitgebern, Polizisten, Werbetreibenden, Politischen Kontrahenten oder Kinderschändern.

Der unmündige Leser hat früher eine Fan-Homepage für die Pendlerzeitung «20 Minuten» betrieben. Heute möchte er stinkreich werden mit Web 2.0.

von Der unmündige Leser | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Das grosse Web-2.0-Glossar»

  1. *hihi*,

    ich hoffe, falls du reich mit Web 2.0 wirst, erinnerst du dich noch an dein erstes Groupie.

  2. Wenn ich die Geschichte mit Digg.com richtig gelesen habe, kostet das „hochspülen“ einer Geschichte sogar noch weit weniger als 450 Dollar. Rund 100 Dollar hat sie der Service gekostet, der Rest ihrer einbezahlten 450 Dollar wurde ihr rückerstattet. Das macht die Geschichte eigentlich noch trauriger. Denn welche Firma könnte sich nicht mal kurz 100 Dollar leisten?

  3. kus:

    treffer, versenkt :D

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