Vernünftiger Brauch
Die Aktualität liefert derzeit Steilpässe zuhauf für einen Medienspiegel-Kolumnisten: Letzten Mittwoch berichtete «Spiegel Online» dass an der Liverpool Highschool im US-Bundesstaat New York die Laptops aus den Klassenzimmern verschwinden; nach ernüchternden Erfahrungen setzt die «High-Tech-Leader»-Schule auf Web 0.0.
Am vergangenen Freitag meldete die «International Herald Tribune», eine Studie von vier renommierten Universitäten habe ergeben, dass in 26 Ländern systematisch Filtersoftware zur Zensurierung des Internets eingesetzt werde. Und vor einer guten Woche verkündete der Medienspiegel verzückt, auch das «Magazin» des «Tages-Anzeigers» sei jetzt ein Wiki; damit könne «jeder Artikel – zumindest theoretisch – von der Userschaft überarbeitet und ergänzt werden». Viel Vergnügen, Kollegen – zumindest theoretisch.
Praktisch habe ich mich ja wieder einmal ein bisschen geärgert über das Web 2.0. Ist es nicht anödend, wenn ein Bürgerjournalist wie der «Kulturminister» in seinem Blog Manfred Papst von der «NZZ am Sonntag» des Plagiats bezichtigt – nur weil er zu dämlich ist, auf Wikipedia bis zu den Quellenangaben herunterzuscrollen (dort wird Papst als Urheber der Formulierung genannt, die er abgeschrieben haben soll)?
Aber ich weiss natürlich auch, dass es Bürgerjournalismus der anregenderen Sorte gibt. Und dass sogar «Crowdsourcing» mehr sein kann als ein Jekami für Nörgler. Eine besonders überzeugende Anwendung möchte ich hier vorstellen. Die Nachricht liegt schon ein Weilchen zurück, darum zitiere ich sie in voller Länge:
- «Als zweiter vernünftiger Brauch besteht dieser andere bei ihnen: Sie tragen ihre Kranken auf den Markt; denn sie haben ja keine Ärzte. Da treten die Leute heran und geben dem Kranken gute Ratschläge hinsichtlich seiner Erkrankung, und wenn sie an derselben Krankheit gelitten haben wie der Kranke oder andere daran leiden sahen. Sie treten heran, reden dem Kranken gut zu und erklären ihnen, wodurch sie von einem ähnlichen Leiden geheilt worden sind oder Genesung bei anderen gesehen haben. Schweigend an dem Kranken vorbeizugehen ist nicht erlaubt. Jeder muss fragen, woran er leidet.»
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».
Bemerkungen
Hoffen wir's! Gutes Zureden, Ausdruck von Mitgefühl durch Verweis auf eigene Krankheitserfahrungen und Medikamente in Form von Blumensträussen sind ja auch heute noch in fast allen Gesellschaften bewährte Formen des Umgangs mit Krankheiten anderer. Was nicht heisst, dass man auf die fundierte Meinung und Aktion eines Arztes verzichten möchte. Doch die Situation, dass sich nur Ärzte und anderes qualifiziertes Personal mit Patienten in einsamen Spitalbetten beschäftigen, finde ich nicht befriedigend. Ein paar Kranke auf dem Markt lockern diese Situation bestimmt etwas auf.
Von: Ronnie Grob am 23.05.07 09:13
Posted on 23.05.07 09:13
Ich sehe das nicht nur als Auflockerung. Nichts gegen die Kompetenz der Ärzte und des medizinischen Personals, aber wenn Patienten sich mit Leidensgenossinnen kurzschliessen können, werden Erfahrungen (mit-)teilbar, die über die Objektivität einer Krankenakte hinausgehen.
Von: Daniel Weber am 24.05.07 23:56
Posted on 24.05.07 23:56
Richtig. Aber solche Mitteilungen werden gemacht (wie sie schon immer gemacht wurden). Und sie werden gemacht mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten.
Von: Ronnie Grob am 26.05.07 10:16
Posted on 26.05.07 10:16