Endzeit in Baden

Letzte Woche war wieder einmal Journalistenpreis, die Alstom vergab in Baden 25’000 Franken für Arbeiten über Energie, es wurde ein weitgehend spassiger Abend. So schmunzelte die Festgesellschaft herzlich, als sie vernahm, dass in der Jury Ständerat Filippo Lombardi sitzt; eine tolle Pointe des Lebens, dass – Einheit der Materie – der internationale Energie- und Transportkonzern und der Tessiner Blaufahrer zueinander gefunden haben. Lustig des weitern die Unbedarftheit des Moderators: «Spielen Energie und Verkehr auch in Ihrem Leben eine Rolle?», fragte Ernst Buchmüller einen der Preisträger.

Kurios, wie sich unter Buchmüllers Leitung der Abend in die Länge zog und das Publikum litt, als auch nach fast zwei Stunden Verleihungsspektakel immer noch weder Wein noch etwas Essbares auf dem Tisch stand. Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi mag so etwas als Professionelle des öffentlichen Anlasses gewohnt sein. Die Amateure aber sanken immer tiefer in ihre Sessel oder verlegten sich aufs Stänkern im Flüsterton – die subtile Ausuferung des Abends erheiterte mindestes den Berichterstatter.

Nur der Festredner war, in seinem hochdosierten Ernst, nicht zum Lachen. 20 Minuten donnerte der deutsche Nahostkorrespondent Ulrich Tilgner in den Saal, dass das Publikum zwischenzeitlich den Lebensmut verlor. Was Tilgner über Öl und Politik im arabisch-islamischen Raum sagte, ergab eine stringente Moritat: Der globale Öldurst wird immer grösser, die US-Politik aber ist ein aus der Ignoranz geborenes Desaster, Irak ist bereits ein failed state, Afghanistan droht ebenfalls zu kippen, Iran begeht auch einen sinistren Weg, und China wird am Schluss den Westen aus der Gegend verdrängen und das Öl absaugen.

So schlüssig wurde das alles postuliert und die Fakten arrangiert, so eindringlich wiederholte Tilgner jede der vielen Zahlen in seinem Vortrag («50 Millionen Barrel, ich wiederhole: 50 MILLIONEN BARREL») und geisselte das Versagen der Politik, dass am Schluss allen klar war: Wir werden untergehen – wenn wir nicht sofort umkehren. Der Präsident von Alstom Schweiz, Walter Gränicher, sass während des Tilgner-Vortrages unwohl in seinem Stuhl auf der Bühne. Zuletzt musste er Red und Antwort stehen: Wie denn sein Konzern in der Krisengegend die Kräfte des Guten zu stärken und also die eigene moralische Verantwortung wahrzunehmen gedenke? Es war eine hochnotpeinliche Kurzinquisition.

So ging das am Alstom-Journalistenpreis. Ulrich Tilgner ist ein Mann, der viel sieht und viel weiss. Aber wie er in der Badener Trafohalle aus seinem Wissen eine Art Tunnel Richtung Zukunft mauerte, das befremdete. Es ist immer seltsam, wenn ein Journalist aus der Rolle fällt, wenn er aus den Fakten der Gegenwart die Zukunft formuliert, wenn er im Zeichen – vermeintlich – begriffener Geschichte als Prediger auftritt. In Baden schilderte der Journalist Tilgner weniger aktuelle Probleme, sondern gab vielmehr den Teleologen der Apokalypse. Den Verkünder der Letzten Tage und televisionären Warner. Das war ungut.

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Wanderkolumnist bei der «Weltwoche». Eben im Echtzeit Verlag erschienen ist sein Buch «Zu Fuss. In 52 Wanderungen durchs Jahr», mit 52 Karten 1:50’000 und Fotos von Raffael Waldner. Zu bestellen unter www.echtzeit.ch.

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Endzeit in Baden»

  1. M. K.:

    Zum Glück ist Thomas Widmer nicht aus der Rolle gefallen. Er markiert den nölenden Besserwisser, den wir aus der Weltwoche so gut kennen.

Antworten abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *