Die Besiedlung des einsamen Planeten

Da wir uns seit bald zwei Monaten in China aufhalten, wollten wir Ihnen ursprünglich eine ausführliche Analyse der chinesischen Medienlandschaft bieten. Stattdessen schreiben wir heute über ein anderes Informationsmonopol, das dem Westler in Asien viel häufiger begegnet. Es ist mindestens so einflussreich, unfehlbar und reichweitenstark wie die chinesischen Propagandamedien. Die beinahe religiöse Gefolgschaft nennt es «The Guide», «The Book» oder schlicht «The Bible». Sein eigentlicher Name: Lonely Planet.

Lonely Planet ist der beste Reiseführer der Welt. Er begleitet seine Leserschaft vom Frühstückssüppchen bis zum Gutenacht-Joint: manchmal wie ein guter Freund, öfter aber wie die eigenen Eltern. Er warnt die Leserschaft vor skrupellosen Touristenabzockern und Taschendieben oder geht auch gerne mal auf die Gefahren der Strömungen vor der Küste ein. Er kennt die lokale Kultur, weiss, wie man eine stinkende Durian-Frucht öffnet oder wo man in Laos am günstigsten zu einem Visum für Kambodscha kommt. Lonely Planet bietet spezialisierte Informationen für die Bedürfnisse von Eltern, Behinderten, Gays oder allein reisenden Frauen, publiziert Karten von unbekannten Bergkäffern und listet Internetcafés oder Wäschereien auf.

Lonely Planet ersetzt sogar den Arzt: Wenn uns der Arsch juckt, dann stellt «Lonely Planet» die richtige Diagnose: Pilzinfektion. Er nennt uns das kurierende Medikament und druckt es auch im Zeichensatz der lokalen Schrift (zum Zeigen in der Apotheke, deren Adresse selbstverständlich auch eingetragen ist). In seiner Allwissenheit kann «Lonely Planet» locker mit dem «Schlauen Buch» von Disneys Tick, Trick und Track mithalten oder dem «Hitchhiker’s Guide to the Galaxy». Keine Frage zu kompliziert, um nicht von Lonely Planet beantwortet zu werden.

Die Allwissenheit wird von unabhängig reisenden Rucksack- und Individualtouristen hoch geschätzt. Lonely Planet ist Reisebuch-Marktführer. Letztes Jahr wurde das 80-millionste Buch verkauft. Seit über einer Dekade erreicht der Verlag eine jährliche Wachstumsrate von traumhaften 25 Prozent. Stetig wird das Sortiment erweitert. So sind mittlerweile 600 Titel zu 120 Ländern erschienen, die ständig aktualisiert werden.

Seit kurzem wird Lonely Planet neben Englisch auch in acht weiteren Sprachen geführt. Zudem betreibt Lonely Planet ein erfolgreiches Internetportal, verkauft seine Inhalte an andere Medien (Lonely Planet Business Solutions) und produziert eine eigene Fernsehsendung. Wenn wir hinzuaddieren, dass auch die meisten anderen Reisführeranbieter die Qualität von Lonely Planet schätzen und deshalb gerne daraus abschreiben, ergibt sich eine gigantische Informationsmacht.

Das ist zwar schön fürs Geschäft, aber schlecht fürs Image. Denn die Zielgruppe der Rucksacktouristen hat Lonely Planet bis anhin als Underground wahrgenommen. Mit dem Erfolg des Verlags ändert sich das aber. Nutzer von Lonely Planet können sich nun sicher sein, dass Sie auf der beschriebenen einsamen Insel anstatt Einsamkeit eher eine Gruppe Australier, Briten und Kanadier erwartet, die einen Schirmchendrink aus einer gekühlten Kokosnuss schlürfen. Dies trifft natürlich auch auf jeden Restaurant-Geheimtipp, jedes Hotel-Juwel oder sowieso alle im Lonely Planet erwähnten Orte zu. Nicht gerade das, was sich ein Individualtourist wünscht.

Man könnte denken, dass Lonely Planet für Individualtouristen, die unberührte Reiserouten suchen, schnell an Relevanz verlieren wird. Doch paradoxerweise trifft das Gegenteil zu: Nur wer alle Lonely-Planet-Tipps gelesen hat, weiss, wo man nicht hingehen sollte.

PS:
Zum Abschluss noch ein paar nützliche Informationen, die mir bis anhin nicht bekannt waren (Quelle: Lonely Planet Switzerland):

Lonely Planet über den Teilzeitjob Schweizer Bundesrat:
«The Federal Council consists of seven ministers. All are part-time, even the president, and continue to hold their everyday jobs.»

Lonely Planet zur nationalen Psyche der Schweizer:
«Thought of as dull, boring and overly cautious, ruthlessly efficient and hard-working, they [the Swiss] inevitably display a touch of these attributes. the national character is essentially a mountain farmer’s: tough, independent, prepared for any emergency and, above all, insular, parochial and conservative.»

Lonely Planet zu Gefahren in der Schweiz:
«The Swiss are relatively rule-oriented, and street crime is fairly uncommon. However, you should still always watch your belongings.»

Lonely Planet zur Gastfreundschaft der Schweizer:
«However, the Swiss are also pretty chatty and friendly, and will often strike up impromptu conversations.»

Der unmündige Leser hat für den «Pendlerblog» zwei Jahre lang die Pendlerzeitung «20 Minuten» gelesen. Heute wünscht er sich, bald wieder einmal ein «20 Minuten» in die Hände zu kriegen.

von Der unmündige Leser | Kategorie: Mediensatz

4 Bemerkungen zu «Die Besiedlung des einsamen Planeten»

  1. Tatsächlich, auch ich kenne keine Alternative zur Alternative. Übrigens, der Artikel erstaunte mich, zumal wegen des Inhalts und ausserdem gerade deswegen, weil die Sprache sorgfältig im Wortfeld gepflanzt wurde.

  2. holzwart:

    Eine Anmerkung: Hört auf mit dem Loblied auf den Individualtourismus, der die letzten unberührten Orte plattwalzt (Snobismus pur: Wir wollen nicht dahin, wo es schon Briten, Neuseeländer und andere Barbaren hat. Ich bin auch ein Kolumbus). Für Millionen von Reisenden, die einen Ort suchen, den andere noch nicht gesehen haben, ist auf Mutter Erde kein Platz. Es gibt nur noch eine spannende Reise – die Reise ins Ich. Aber viele fürchten, dort nur eine gähnende Leere anzutreffen… also auf nach Bhutan, Papua-Neuginea und in die Antarktis.

  3. sam:

    ich war fast drei monate in china mit dem lp unterwegs. und gebe dir recht.
    china ist zu gross für ein buch, deshalb ist meiner meinung in china die beschränkung vom lp auf touristenorte besonders frappant.
    geh in die qinghai-provinz… ca. 5 seiten im lp, oder?
    eine alternative für mich war bloss „mapping the tibetan world“ (nicht nur tibet drin).
    ja und der thorntree, wenn du eine konkrete frage hast („hat es in diesem dorf ein internet-cafe?“ oder so), ist schon nützlich.

    der vorteil von lp: wenn du westler sehen willst (manchmal durchaus nett, wenn man alleine unterwegs ist), nimm ein hotel auf der lp-liste. wenn du alleine sein willst, nimm eben keines der empfohlenen hotels (das kommt dann meist auch günstiger).
    however, read my blog. ;)

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