Der US-Blätterwald treibt grüne Blüten

Letzten Sonntag zelebrierte Amerika seinen «Earth Day» (ED). Im Zeichen von «Global Warming» hatte dieser 37. Umweltfeiertag besondere Brisanz und entsprechend landesweite Resonanz. Epizentrum der aus der Hippie-Bewegung hervorgegangenen US-Ökobewegung und damit auch des ED ist Kalifornien, oder genauer das in gesellschaftlichen Entwicklungen traditionell avantgardistische (welch wunderbarer Widerspruch!) San Francisco. Und genau dort lerne ich zurzeit heftig dazu – als Kommunikationspraktikant bei einer klein-feinen NGO und als Medienkonsument im Ami-Alltag.

Zum Beispiel «Pimp my Ride»: Die pubertäre MTV-Show, wo seit Jahren schon Schrottkarren von Teenagern zu Edelkarossen aufgemotzt werden, überraschte kürzlich mit folgendem «ED Special»: Der kalifornische Gouverneur und bekennende Boliden-Fetischist Arnold Schwarzenegger liess seinen 65er Chevrolet Impala nicht bloss auf 800 Pferdestärken tunen, sondern auch auf Bio-Diesel umrüsten. Als grüner Konservativer füllte Arnie damit einmal mehr die klaffende Lücke zwischen Bush und Gore und versöhnte clever nationalen Hedonismus mit globalem Gewissen.

Kapital aus dem neuen Öko-Hype schlägt auch die hiesige Presse, allerdings weniger politisch als monetär. «Green Issues» spriessen wie Frühlingsknospen – den urplötzlich ihre Umweltader entdeckenden Grossinserenten sei Dank. So wirbt der führende DIY-Markt Home Depot mit zertifiziertem Bauholz, Starbucks profiliert sich als Hauptsponsor der Infoplattform earthday.net und – ausgerechnet – Wal-Mart annonciert Energiesparlampen im verbilligten Multipack.

Zuerst gerochen hat diesen Braten «Vanity Fair». Mit ihrer 300-seitigen Sonderausgabe zum letztjährigen ED wurde das US-Original der neuerdings auch eingedeutschten Politpop-Postille zur publizistischen Vorreiterin der «grünen Welle der Vernunft» und landete (Ulf Porschard, aufgepasst!) damit zugleich einen Auflage-Coup. Zierten damals noch Al Gore und Julia Roberts das Cover, so sind es diesmal Leonardo di Caprio und unser aller Knut. Drinnen erwarten den durch Promi- und Jöh-Effekt geköderten Leser jedoch kritische Recherchier-Geschichten von Weltklasse.

Auch der «San Francisco Chronicle» setzt in seiner mit Imagepolitur-Kampagnen von Konzernen gepflasterten ED-Spezialbeilage auf investigativen Journalismus. Das fette «Green Issue» des kostenlosen «SF Bay Guardian» wiederum deckt die wachsenden Service- und Aktionsbedürfnisse der Bevölkerung ab. Neben der Online-Vermessung des individuellen CO2-Fussabdrucks bietet es Vorschauen auf die diversen ED-Events in der Bay Area. Der grösste heisst «Green Apple Festival» und will die nordkalifornische Metropole zum ökologischen Gegenentwurf des «Big Apple» an der Ostküste machen.

Alle bekommen also ihr Stück vom frisch gebackenen Klimakrisenkuchen: Politiker sammeln Sympathien und Medien bolzen Auflage, Quote und Umsatz. Matchentscheidend ist aber freilich, dass auch die werbetreibende US-Wirtschaft an die Nachhaltigkeit des Nachhaltigkeitsbooms zu glauben scheint. Was hoffen lässt, dass Amerika (bzw. Kalifornien) der Welt einmal mehr umweltpolitisch den Weg weisen wird. Schliesslich waren es auch die USA, die 1970 den «Earth Day», ein paar Jahre drauf die 55-Meilen-Tempolimite und noch etwas später den Katalysator einführten. Dass San Francisco gerade den kommerziellen Gebrauch von Plastiktüten verboten hat, zeugt vom revolutionären Potenzial jenes Amerikas, von dem wir weiter lernen können und sollten.

Oliver Classen ist Ex-Medienjournalist und heute Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

von Oliver Classen | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Der US-Blätterwald treibt grüne Blüten»

  1. Bobby California:

    Man reibt sich die Augen: Dass Arnie mit seinem Biodiesel-800-PS-Boliden den Tortillapreis in Mexiko gewaltig in die Höhe treibt, sollte einem EvB-Pressesprecher eigentlich nicht egal sein…

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