Tricks für Klicks

Was will ein Leser, wenn er auf der Frontpage von «NZZ Online» zum Beispiel den Titel «Nervosität im Bankensektor» anklickt? Richtig: einen Artikel zur Nervosität im Bankensektor. Was aber erhält er tatsächlich? Die Übersichtsseite des Ressorts «Wirtschaft». Was hat «NZZ Online» davon? Vielleicht die eine oder andere zusätzliche Page Impression, sicher aber zahlreiche User, die sich veräppelt vorkommen.

Diesem und ähnlichen Tricks nachgegangen ist ein von Steffen Range und Roland Schweins verfasstes Gutachten (PDF; 2,3 MB) für die Friedrich-Ebert-Stiftung, das überschrieben ist mit «Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet – wie das Web den Journalismus verändert». Beobachtet haben die Autoren nicht zuletzt auch eine zunehmende Hinwendung etablierter News-Websites zu Boulevardthemen. (via «onlinejournalismus.de»)

Hier auf die Schnelle nur zwei, drei Zitate aus der Studie:

    Die hohen Klickzahlen der Newsportale übertünchen einen wichtigen Aspekt: Die wenigsten Klicks der verlegerischen Sites gehen auf redaktionelle Inhalte zurück. Die meisten Portale und wohl auch Zeitungen generieren nicht einmal ein Fünftel ihrer Zugriffe aus originären redaktionellen Texten. Das Gros der Klicks ist dem Einsatz von Bildergalerien, dem Zugriff auf Wertpapierdepots, Partnerbörsen, Aktienkurs-Abfragen, Job-Datenbanken geschuldet, die allesamt in die Klickstatistik einfließen. So haben die offiziell verbreiteten Einschaltquoten nur bedingten Aussagewert über die tatsächlichen Vorlieben der Kunden.
    […]
    «Das ambivalente Beispiel »Spiegel Online« zeigt, dass selbst das unangefochtene Leitmedium zu Taschenspielertricks greifen muss, um gegen die unjournalistischen Unterhaltungsportale bestehen zu können. […] Ansprüche und Grundsätze des klassischen Qualitäts-Journalismus werden in der Folge weiter erodieren. Dieser Prozess kann noch drei, fünf oder acht Jahre dauern. Dann spätestens werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites der Unterhaltungsportale und ihrer journalistischen Klone.

    Sie werden sich neue Angebote suchen, um sich fernab des Mainstreams und Massengeschmacks zu informieren und auszutauschen. Sie werden diese Inhalte finden in den Blogs einiger Kolumnisten, in hochspezialisierte Branchen-Newslettern und auf kleinen, semi-kommerziellen Websites. Qualitativ hochwertige Berichterstattung wird also weiterhin ihr Publikum finden. Allerdings werden die Erlöse nicht reichen, um große Verlagsapparate zu finanzieren.»

Eigentlich nicht überraschend, dass Nielsen NetRatings die Page Impression als Online-Währung aufgeben will (s. dazu hier).

Update, 26. April 2007: Klaus Meier, Professor an der Universität Darmstadt, unterstellt der oben erwähnten Studie eine «Verteufelung der Klickzahlmessung». Im ständigen Schielen auf «Echtzeit-Quoten» sieht er durchaus auch Vorteile:

    «Wie unsere Studie zur Verwendung der Klickzahlen in Online-Redaktionen zeigte, sind sich die Online-Journalisten der Gefahr weitgehend bewusst. Und: Diese Tools können auch zum Qualitätsmanagement eingesetzt werden (z.B. bei der Frage wie komplexe Themen am besten geteast werden können).»
von Martin Hitz | Kategorie: Sparschwein

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