Die Gnade des gründlichen Vergessens

Der Hype um den sogenannten Klimahype geht um. Wenn sogar der Oberneoliberale im Weissen Haus das Unwort Umweltschutz in den Mund nimmt und die Wissenschafter warnen, sind unsere Leitartikler besorgt.

Der Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» etwa trug am Wochenende Bedenken: «So war es damals beim Waldsterben: Fünf Jahre lang wurden Katastrophen-Szenarien verbreitet, ohne dass eines davon eingetreten wäre», schrieb fem. Und folgerte: «Danach lag das Thema Umweltschutz für zwanzig Jahre im politischen Koma. Daraus ist es erst vor kurzem erwacht. Je mehr jetzt übertrieben wird, desto grösser ist die Möglichkeit, dass es bald wieder in diesen Zustand verfällt.»

Der Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche», der fems Weg von der «Wewo» zur «NZZ» in umgekehrter Richtung gegangen ist, weiss das schon lange. Und lässt alle Jahre wieder den alten Boulevard-Kämpen Peter Uebersax kolumnieren, der noch heute unverdrossen und gebetsmühlenartig aus allen Röhren gegen das Schweizer Fernsehen der Achtzigerjahre und die damalige Diskussion ums Waldsterben feuert und sich selbst unermüdlich als den letzten Meister des Schweizer Boulevards preist.

Dieses Jahr tat er’s zuerst in der anderen «Wewo», der «Werbewoche» vom 7. 2. 2007, mit der üblichen Huldigung an seine «Blick»-Chef-Zeit und seinen «Zweifeln am damaligen Equivalent der heutigen Klimahype, dem Waldsterben». Leicht umgeschrieben übernahm die Weltwoche am 29. 3. 2007 das Uebersax-«Werbewoche»-Stück mit dem Merksatz: «Auch punktete der Blick mit laut und deutlich geäusserten Zweifeln am damaligen Äquivalent des heutigen Klima-Erwärmungs-Hype, dem Waldsterben.»

Und das Waldsterben sei dann überhaupt nicht eingetroffen. Ja schau. War da nicht zwischendurch noch die Einführung eines kleinen Filters namens Katalysator, der für kurze Zeit in allen Gazetten Schlagzeilen machte und seither vor lauter Selbstverständlichkeit wieder völlig aus den Blättern verschwunden ist? Und die Einführung von bleifreiem Benzin? Und wären diese Massnahmen ohne die sogenannte Waldsterbenhysterie der Betonkopf-Stahlhelm-Fraktion zu vermitteln und dann politisch auch zu realisieren gewesen? Offenbar sind die bösen staatlichen Vorschriften dem Wald gar nicht so schlecht bekommen. Und die selektive Erinnerung gibts ja bekanntlich nicht nur bei selbstverliebten Veteranen.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «Die Gnade des gründlichen Vergessens»

  1. mds:

    Gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem «Überleben des Walder» und der Einführung des Katalysators?

    Interessant jedenfalls ist, dass es sich beim Waldsterben primär um ein Phänomen der deutschsprachigen Welt handelte…

  2. Hans Mattli:

    Hat was! Aber was kuemmert mich das in Spanien. Hier ist es eher kuehl. Ich freue mich auf die Klimaerwaermung. Da brauche ich dann nicht mehr nach Spanien oder Aegypten zu fliegen.
    Gruss Hans

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *