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20. März 2007

Mediensatz

Eine schiefe Kolumne, Kurt W. Zimmermann!

Da hast Du, lieber Kurt W. Zimmermann, in der «Weltwoche» (09/07; kostenpflichtig) die unbedarften Quereinsteiger gerüffelt, die immer noch nicht gemerkt haben, dass Journalismus ein Beruf ist. Gewiss, Berufung ist auch dabei; die kann man nicht lernen. Aber vieles beruht auf Zuschauen, Hinhören, Erfahren. Basis ist heute – vielen Zahlmeistern aus der Medienbranche sei's gedankt – die Fachausbildung: das MAZ in Luzern, die Ringier- Journalistenschule, das «Tages-Anzeiger»-Volontariat, Inhouse-Kurse bei Radio und Fernsehen SRG. «Im Journalismus haben Quereinsteiger nie Erfolg», orakelst Du und zwickst namentlich Kurt Felix, Andrea Raschèr, Iso Camartin, Monika Kaelin. So weit, so gut. Aber dann gerätst Du in Schieflage.

Noch ein Zitat: «Von aussen betrachtet ist Journalismus ein sehr simples Gewerbe. Wenn Nestlé die Jahresbilanz vorlegt, schickt man einen Korrespondenten hin, der dann berichtet. Wenn Merz sein Steuermodell präsentiert, schickt man einen Korrespondenten hin, der dann berichtet. Wenn Shakira im Hallenstadion singt, schickt man einen Reporter hin, der dann berichtet». Das aber langweile und ermüde die Journis, willst Du beobachtet haben. Blosses Berichten laufe dem Hauptinteresse der Journalisten – «der Selbstprofilierung» – zuwider. So komme es zu Weitschweifigkiten über die Investitionspolitik der Grossunternehmen in der Dritten Welt oder gar über das «unbekannte Lebenswerk eines kolumbianischen Romanciers» (Meinst Du wirklich den Nobelpreisträger Garcia-Marquez?). Da brauche es dann den unpopulären Chefredaktor, um dieses unbescheidene Ego-Interesse der Schreibenden «dem Allgemeininteresse des Publikums zu unterjochen».

Lange fragte ich mich, wie Du – einst selber Chefredaktor und Anstifter mancher witzigen oder auch hämischen Story – zu dieser entsetzlichen Banalisierung eines wichtigen Berufs kommst. Bei einem Mittagessen in grösserem Kreis hast Du mir ein Licht aufgesteckt. Ich glaube gespürt zu haben, wie gewaltig Du beeindruckt bist vom Erfolg der Pendlerzeitung «20 Minuten»: Nr. 1 war sie bei der Leserschaft 2006 mit 1,116 Millionen Lesern und Leserinen (+23'000), vor «Blick» (715'000) und «Tages-Anzeiger» (551'000), beide sinkend im Vergleich zum Vorjahr.

Was aber bringt «20 Minuten»? Softnews und einige Hardnews, keine Analysen, keine Kommentare. Eben! Alles gratis, und erst noch ohne aufdringliche Selbstprofilierung der meist anonymen Journalisten. Der Chefredaktor von «20 Minuten», wer immer es im Moment auch ist, muss der Grösste sein!

Lieber Kurt, die Wallungen im Leseverhalten kommen und gehen. 1960 stieg der «Blick» am Firmament auf und wuchs und wuchs; heute ist er auf Talfahrt. Die Leserschaft scheint von einer gewissen Sorte Boulevardjournalismus genug zu haben. Eine Zeitlang war das Fernsehen ein magisches Medium, obwohl uns die Doyenne der Leserforschung, Elisabeth Noelle-Neumann, schon Mitte der 70er Jahre empfahl, die Inhalte der «Tagesschau» nicht zu imitieren, sondern als «Teaser» zu nutzen, um sie am nächsten Morgen mit Hintergrund und Kommentar zu ergänzen. Wie es mit dem Internet und den Pendlerzeitungen im Vergleich zu den Qualitätsmedien weitergeht, steht noch aus. Ich behaupte jetzt mal, dass beide eine attraktiv gemachte Zeitung für den anspruchsvolleren Teil der erwachsenen Bevölkerung noch lange nicht ersetzen (auch der Blog übrigens nicht).

Wir sind überbenachrichtigt und unterinformiert. Eine Nachricht über Nestlés Bilanzmedienkonferenz oder Merz' neuesten Steuergag ist bloss ein Nachrichtenmolekül. Um Nachrichten zu Informationen zusammenzufügen, sie in einen vernünftigen Kontext zu stellen, das längere Gedächtnis zu mobilisieren (was haben Brabeck und Merz vor zwei Jahren versprochen?), Bewertungsvorschläge in Form von Kommentaren zu unterbreiten – dafür braucht es Journalistinnen und Journalisten.

Ehrgeiz kann durchaus ein Schmiermittel sein. Aber Einsicht in die «Essentials» des Journalismus muss den Unterbau liefern. Ein guter Chefredaktor ist nicht der Zuchtmeister, der seine Mitarbeiter auf das Nachrichtenskelett zurückbindet. Im Gegenteil, er rekrutiert Könner, animiert intelligente Analysten, koordiniert die Rechercheteams; erst nachgeordnet kommt das Kontrollieren und Korrigieren, das natürlich auch sein muss.

Weshalb ist nicht die Freiheit, farbige Papeterieware zu verkaufen, sondern die Medienfreiheit in jeder westlichen Verfassung privilegiert? Weil es darum geht, das gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Gespräch in Gang zu halten. Inbegriffen eine Kritik, die Innovationen und Reformationen erzeugt. Es lebe der Journalist, nicht der Häppchen-Vermarkter.

Peter Studer ist Publizist und Präsident des Schweizer Presserats.

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Bemerkungen

Christof:

was zimmermann ins land hinausbläst, ist die meinung einer journalistengeneration, die von der zukunft der presse nichts begriffen hat. umgesetzt wird sein weltbild bei der tamedia - mit dem resultat, dass man tagi, facts (da gibts einen zimmer'schen direktlink) und co. getrost vergessen kann.

Pesche:

Und was wäre die Zukunft der Presse?

Bernhard:

Na, ich finde die Beiträge des Herrn Zimmermanns gar nicht schlecht dort in der Weltwoche. Er mag die Zukunft der Presse nicht voraussagen können, dort steht ja auch nirgendwo, dass er dies vorhabe. Seine Artikel sind immer freundlich, angenehm zu lesen und (meines Erachtens) informativ. Weil Sie kostenlos bei der HP der Weltwoche zu lesen sind, lieber ein eigenes Urteil lesen

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