Slow Journalism

Der Titel ist leider nicht von mir. Weil ich für diese Kolumne keinen besseren gefunden hätte, habe ich ihn geklaut (was für hartgesottene Web-2.0-Blogger ja eigentlich überhaupt kein Problem sein dürfte). Er stand über einem Artikel in der Februar-Ausgabe der englischen Monatszeitschrift «Prospect» (Volltext registrierungspflichtig); darin wird für den Journalismus gefordert, was die Gastronomie längst als erfolgreiche Nische entdeckt hat: Langsamkeit.

Die Slow-Food-Bewegung, die in den 1980er Jahren in Italien begründet wurde und laut Wikipedia heute 80’000 Mitglieder in über 100 Ländern hat, entstand aus Protest gegen den billig produzierten und hektisch verschlungenen Fastfood. Slow Food setzt dagegen auf lokale Produkte und traditionelle Spezialitäten, auf Musse bei der Zubereitung und Genuss beim Verzehr.

Die Analogie zum Journalismus liegt auf der Hand: Wir werden überschwemmt von billigen Fast News, die aus allen möglichen Online-Kanälen sprudeln. Und am anderen Ende des Medienspektrums finden wir Beispiele – zu wenige, klagt der «Prospect»-Artikel – für Slow Journalism. Texte, die sich Zeit lassen, eine Geschichte zu erzählen; die genau hinsehen und reflektieren; die höchsten handwerklichen Ansprüchen verpflichtet sind. Natürlich ist dies ein Luxus, den man sich leisten können muss. Langsamkeit kostet Zeit, Mühe und Geld – aber sie belohnt den Leser mit Qualität.

Man findet Slow Journalism aus naheliegenden Gründen vor allem in Magazinen. Der «New Yorker», «Atlantic Monthly» und «Vanity Fair» (nicht die neue deutsche Ausgabe!) sind nach wie vor Vorbilder. Und erfreulicherweise scheint der High-End-Markt von einem der Hauptprobleme der meisten Zeitungen nicht bedroht zu sein: schwindenden Leserzahlen.

Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis für einen Journalismus, dessen Horizont über den 17-Zoll-Bildschirm hinausreicht. Leserinnen und Leser mögen Texte, in denen die Welt jenseits von Google-News Gestalt annimmt. Texte, in denen sie Farben sehen, Düfte riechen, Stimmen hören. Texte, die Journalisten nur schreiben können, wenn sie von ihrem Schreibtisch aufstehen und hinausgehen.

Das sollten sich die flinkfingrigen Blogger und Citizen Journalists hinter die Ohren schreiben. Als Durchlauferhitzer aufgeregter Nichtigkeiten sind sie nur Teil des medialen Grundrauschens (hier steht, wofür der «Blick» seinen Bürger-Journalisten 100 Franken bezahlt). Solange die Blogger mit ihrem Qualitätsbegriff nicht ein bisschen rigoroser umgehen, bleiben sie Hamburger-Brater in den Frittenbuden des Fastfood-Journalismus.

Daniel Weber ist Chefredaktor von «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Slow Journalism»

  1. Ja, ich liebe lange Stories. Ja, ich liebe ausführlich recherchierte und mit viel Zeitaufwand geschriebene Stories. Ja, ich liebe Stories, die literarische Qualität haben, ob das nun mit dem Talent und/oder mit dem Fleiss des Verfassers oder der Verfasserin begründet ist. Ich bin sogar bereit, dafür zu bezahlen.

    Blogger sollen auch so schreiben? Nu ja, Blogger haben in der Regel keine Jobs, in denen sie sich ihren Unterhalt mit dem Verfassen von Text verdienen. Wenn sie schreiben, dann machen sie das in den meisten Fällen, weil sie Spass daran haben. Sie haben auch oft nur vier Wochen Ferien im Jahr, die sie dann üblicherweise auch nicht am Stück kriegen. So kommt folglich auch keine dieser ausführlichen Recherchen zustande, die für einen Text solcher Art nun mal nötig ist. Also bloggen sie weiter. Am Abend. Am Wochenende. Und in den Pausen. Auch wenn das fast zwangsläufig nicht in der Zubereitung von opulenten Menues enden kann. Aber auch ein einfaches Mahl kann ja gut sein.

    Ich bin davon überzeugt, dass die Leser (nebst dem täglichen Brot) guten, lieber noch exzellenten Journalismus wollen. Guckt man sich aber die Online-Ausrichtung der mit den nötigen Finanzen ausgestattenen Medienhäuser an, dann findet man zwar nicht nur, aber sehr viel lauen Fast-Food. Und da Blogger neuerdings selbst mit Pfannen ausgestattet sind, haben sie gelernt, wie man ein Spiegelei und einen Hamburger in die Pfanne haut. Es kann das jeder selber (und Pressemeldungen falsch abschreiben auch – das Soufflé mit Morcheln aus dem Piemont hingegen eben nicht).

    Also ich sehe durchaus Handlungsbedarf. Müssen sich da aber ausgerechnet die Blogger zuallererst bewegen?

  2. gis:

    Ja, offenbar müssen sie sich als erstes bewegen – sonst müssten sich die Damen und Herren Schurnis noch vom hohen Ross bequemen. Zynismus beiseite, ich kann meinem Vorredner (Vorschreiber?) nur beipflichten.

  3. Für dieses Genre empfehle ich die Lettre die allerdings für den Alltag völlig untauglich ist. Wer beide Seiten der Medaille kennengelernt hat, Medien-Macher und Konsument, der weiss, dass sich die wenigsten zeitlich und finanziell einen langsamen Journalismus leisten können.
    Es wäre schon eine slow world nötig dafür.
    Deswegen komme ich nur im Urlaub dazu Bücher oder die Lettre zu lesen.

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