Frau Meier und die freie Rede

Es gibt Skandale, Skandälchen, Miniskandälchen. Meine heutige Kolumne widmet sich einem recht kleinen Ärgernis. Aber wiederum handelt es sich nicht um eine Bagatelle – umso erstaunlicher, dass bisher keiner meiner Journalistenkolleginnen und -kollegen darüber geschrieben hat.

Vor anderthalb Wochen in Bern. Die deutsche Fernsehmoderatorin und Buchautorin Eva Herman («Das Eva-Prinzip») ist angereist, um vor den Leuten von «Pro Libertate» über «Verlust der Weiblichkeit, Entrechtung der Eltern, Werteverfall» zu sprechen. Aber dann – als Herman ansetzt – geht ein Klatsch- und Schreikonzert los, man kann die Rednerin nicht hören. Eine Aktivistinnengruppe hat sich zum Ziel gesetzt, den Auftritt zu verhindern, und will von dem Vorhaben nicht lassen. Es folgt ein wüstes Gerangel.

Zwei Tage später steht im «Tages-Anzeiger» ein Kurzkommentar von Kulturredaktorin Simone Meier. Titel: «Eva, go home!» Erster Satz: «Erfreuliche Nachrichten haben uns aus Bundesbern erreicht.» Kernaussage: Die Attacke der Aktivistinnen sei zu begrüssen. Und es sei zu hoffen, dass Eva Herman sich «fortan stumm und für die Öffentlichkeit unsichtbar an den Herd stellt … .»

Ach ja? Stumm soll sie bleiben? Auch wenn sie reden will?

Man kann Frau Hermans Antifeminismus bedenklich finden. Man darf mit rechtsbürgerlichen Clubs wie «Pro Libertate» seine Mühe haben. Und man muss zweifeln, ob einzelne Teilnehmer an der Berner Veranstaltung korrekt handelten, als sie Hand anlegten, um die Störerinnen aus dem Saal zu schaffen.

Geschenkt, liebe Frau Meier, geschenkt. Das ist aber nicht der Punkt. Was an dem erwähnten Artikel befremdet, ist etwas anderes. Journalismus ist unbehinderte Rede im öffentlichen Raum. Journalismus ist Tag für Tag praktizierte Meinungsfreiheit. Journalismus ist ein Stück Freedom of Speech. Unsere Vorgänger mussten die weltanschauliche Beweglichkeit der Profession gegen eine unheilige Allianz von Gänglern aus Klerus und Adel durchsetzen. Aufklärung war ein Kampf um Leben und Tod.

Was wäre also logischer als dies: dass Journalisten und Journalistinnen das kostbare Gut der Redefreiheit verteidigen? Überall. Also auch dort, wo ihnen der Inhalt einer Rede nicht passt.

Stattdessen: Eine Journalistin freut sich demonstrativ, dass eine Publizistin mundtot gemacht werden soll. Wenn das kein Mini-Skandälchen ist.

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Autor der Wanderkolumne «Zu Fuss» bei der «Weltwoche». Ende März erscheint im Echtzeit Verlag sein Buch «Zu Fuss. In 52 Wanderungen durchs Jahr», mit 52 Karten 1:50 000 und Fotos von Raffael Waldner. Zu bestellen unter www.echtzeit.ch.

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

8 Bemerkungen zu «Frau Meier und die freie Rede»

  1. Ich nehme an, der Text war humoristisch. Aber dennoch: Anderen die freie Rede verbieten zu wollen, nur weil sie vielleicht anderer Meinung sind, ist einfach keine Haltung für eine Journalistin. Gerade auch, wenn man selbst nicht auf den Mund gefallen ist und gerne mal pikant schreibt und spricht. Warum eigentlich gibt man Frau Meier kein Blog beim Tagi? Ich glaube, sie würde das sehr gut machen.

  2. Alexander:

    Frau Meier führte doch längere Zeit ein Papier-Blog im Tagi. Schwärmereien für Roman Kilchsperger und ähnlich Spannendes. Fehlt mir jetzt im Moment gerade gar nicht.

  3. holzwart:

    stimme alexander zu, frau meier ist keine journalistin sondern nabelschau-expertin. höhepunkt war die schiffsreisen-dokumentation über x-folgen im „qualitätsblatt“.

  4. Herr Meier:

    Aus dem Klappentext ihres hanebüchenen Soap-Tagebuchs, das der Verlag selbst als „Geschichte mit Hängen und Würgen“ anpreist: „Es war genau 100 Jahre nach der Geburt von Rosa Luxemburg, und ein ungewöhnlich wilder Schneesturm tobte über dem Genfersee, als Simone Meier am 5. März 1970 in Lausanne geboren (wurde). Simone Meier verbrachte die folgenden 20 Jahre in Zeiningen (Kanton Aargau), wollte abwechselnd und ohne Erfolg Königin, Prinzessin. Malerin, Tänzerin, Goldschmiedin, Flötistin, Schauspielerin und – von 1987 bis 1990 – Schriftstellerin werden.“
    Wäre sie doch nur…
    http://www.hanebuechlein.de/literatur/serien/soap-tagebuch/

  5. fragender blick:

    naja, natürlich war das dümmlich, was die meier da geschrieben hat. aber skandal, skandälchen, miniskandälchen? damit macht sich der kolumnist dann doch ein wenig lächerlich. er soll doch einfach schreiben, dass ers doof fand. punkt.

  6. holzwart:

    im einzelfall ein miniskandälchen. die grosse geschichte ist, dass all‘ die rotens, meiers, knechts, friedlis und wie sie alle heissen, die kolume (ein nötiges, sinnvolles gefäss) zum buchstaben-mülleimer für blick und tagi leser gemacht haben. nicht zu verniedlichen.

  7. Bobby California:

    Diese Kolumne ist ein typisches Beispiel für künstliche Entrüstung eines Weltwoche-Journalisten. Frau Meier hat doch nur Eva Herman beim Wort genommen, die sagt, Frauen gehören an den Herd und basta. Warum müssen denn Frauen Vortragsreisen unternehmen, die finden, Frauen gehören an den Herd? Muss man das einem Weltwoche-Journalisten erklären? Kaum. Er weiss es eigentlich genau. Aber für die Weltwoche ist eben alles, was links (von der Weltwoche) ist, des Teufels. Also drischt man fröhlich auf die Linken ein, wenn die Gelegenheit günstig erscheint.

  8. The Thing:

    Die gute Nachricht: Sie ist weg!!!! Die schlechte Nachricht: Sie kommt wieder zurück!

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