Kein Medium für dicke, bildungsferne Arbeitslose wie uns?

Kürzlich haben wir uns durch die Verlagsseiten von sehr unterschiedlichen Schweizer Medien geklickt. Besonders aufgefallen sind uns dabei die jeweiligen Angaben zu den Zielgruppen, die uns veranlasst haben, für Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, ein Zielgruppen-Quiz zusammenzustellen. Testen Sie Ihr Wissen über die Schweizer Medienbranche und versuchen Sie, den zwölf zufällig ausgewählten Publikationen die jeweils selbstdeklarierte Zielgruppe zuzuordnen:

Medien:

  • A: Facts
  • B: Tages Anzeiger
  • C: heute
  • D: cash.ch
  • E: 20 Minuten
  • F: SonntagsZeitung
  • G: Usgang.ch
  • H: StarTV
  • I: NZZ
  • J: Magazin Z die schönen Seiten
  • K: Blick Online
  • L: Bolero

Zielgruppen (gemäss Eigendeklaration oben genannter Medien):

  1. «gebildet, übernehmen Verantwortung im Beruf und sind häufig in Führungspositionen anzutreffen. Sie verdienen mehr und geben entsprechend mehr Geld aus als der durchschnittliche Deutschschweizer.»
  2. «ein hedonistisches, kaufkräftiges Publikum»
  3. «selbstbewusste, moderne und konsumfreudige Personen»
  4. «kaufkräftige und stilsichere Leserschaft»
  5. «jung, urban, gute Bildung und überdurchschnittliches Einkommensniveau»
  6. «ein junges, urbanes Publikum»
  7. «Männer zwischen 25 und 59 Jahren, gebildet, verfügen über einen höheren Schul- oder einen Universitätsabschluss»
  8. «moderne, aktive und neugierige Menschen»
  9. «gebildet, anspruchsvoll, ebenso kaufkräftig wie kauffreudig, qualitätsbewusst und vielseitig interessiert»
  10. «Offene, urbane Menschen ab 25»
  11. «zwischen 18 und 30 Jahren, konsumfreudig und hedonistisch, […], das reifste und kaufkräftigste Publikum in diesem Bereich, […], jung, urban und aktiv»
  12. «überdurchschnittlich gut gebildet und einkommensstark»

(Lösung, siehe unten)

Alle sind wohlhabend und gebildet

Sie werden bestimmt festgestellt haben, dass sich die Zielgruppen-Angaben stark überschneiden. Wir verzichten deshalb auf eine Auswertung des Quiz. Denn die Wahrscheinlichkeit ist relativ gering, dass Sie aus diesen zwölf fast gleichen Zielgruppen mehr als vier dem richtigen Medium zugeordnet haben – ausser Sie sind a) ein Glückspilz, der den Zufall geknackt hat, b) ein Schummler, der zuerst die Lösungen angeguckt hat oder c) Kurt W. Zimmermann.

Aus den Zielgruppen-Angaben dieser repräsentativen Auswahl Deutschschweizer Medien kann auf das demografische Profil des typischen Deutschweizers geschlossen werden:

  • Er ist hochgebildet (Universität)
  • Er verfügt über ein hohes Einkommen
  • Er ist jung, urban, hedonistisch, modern und aktiv

Ein Traum für jeden Werbetreibenden! Aber wo sind sie alle hin, die schlecht bezahlten Arbeiter mit dem «Tagi»-Abo, die ländlich-konservativen «Blick»-Leser, die passiven StarTV-Couch-Potatoes oder die Leute im Tram mit Pendlerblatt, aber ohne Hochschulabschluss?

Vielleicht lesen sie jetzt alle die «Weltwoche», die nämlich zumindest in ihren online zugänglichen Mediadaten auf eine Interpretation der demografischen Angaben zu ihrer Zielgruppe verzichtet. Oder vielleicht wurden sie von den Medien gebeten, zu schweigen, wenn der Werbemittelforscher klingelt. Oder vielleicht konsumiert in der Deutschschweiz tatsächlich nur die dünne Schicht der einkommensstarken Bildungselite Medienprodukte (die sorgen zwar kaum für Leserzahlen im Millionenbereich). Wir können nur mutmassen.

Lösung:
1B, 2K, 3H, 4J, 5E, 6C, 7D, 8L, 9I, 10A (PDF),
11G, 12F (PDF)

Der unmündige Leser hat für den «Pendlerblog» zwei Jahre lang die Pendlerzeitung «20 Minuten» gelesen. Da er nicht zur Zielgruppe der «jungen, urbanen Pendler mit guter Bildung und überdurchschnittlichem Einkommensniveau» gehört, sieht er sich heute gezwungen, andere Medien zu konsumieren.

von Der unmündige Leser | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Kein Medium für dicke, bildungsferne Arbeitslose wie uns?»

  1. PDF-Reader:

    Na ja, allzuviel medienwissenschaftliches Fachwissen muss man ja auch nicht mitbringen um festzustellen, dass die Weltwoche in ihrer Mediadokumentation (http://www.weltwoche.ch/media/download/WeWo_Tarif_d.pdf) darauf hinweist, dass sie überdurchschnittlich viele gebildete, progressive (?) Angestellt mit Kaderposition und einem überdurchschnittlichen Einkommen anspricht…

  2. Immer noch einer meiner Lieblingsposts. Dank an Ronnie, der ihn gestern nochmal verlinkt hat.

    Finde vor allem 20 Minuten mit «jung, urban, gute Bildung und überdurchschnittliches Einkommensniveau» prima. Ich glaube, richtig wäre eher: „Liest praktisch jeder, der morgens Zug, S-Bahn oder Tram fährt, es sei denn, er hat eine Bezahlzeitung dabei.“ So erlebe ich es jedenfalls.

    Ich sollte diese Erhebung von Andreas auch mal machen, aber ich fahr morgens (je nach Wetter) immer nur eine Station oder zwei Stationen Tram.

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