Critictainment is King!

Politisch war der Mann so tot, wie man es in diesem Geschäft nur sein kann. Doch nun spricht und siegt es wieder, das «Goracle», bekränzt allerdings mit Lorbeeren aus Hollywood statt – wie bei den Präsidentschaftswahlen 2000 geplant – aus Washington. Selbst die konservative «Financial Times» bemerkte am Tag nach der Oscar-Verleihung leicht indigniert, der «unterhaltsame Umweltaktivist Al Gore» sei die «am ausgiebigsten gefeierte Persönlichkeit des Abends» gewesen. Zu verdanken hat er das coole Comeback dem neuerdings CO2-neutralen Zeitgeist, konkret jedoch dem Film «The Inconvenient Truth», wo er seinen Landsleuten und dem Rest der Menschheit klimapolitisch die Leviten liest.

Über 45 Millionen Dollar hat dieser Dokumentar-Blockbuster bislang eingespielt und ist damit der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten in diesem früher spröden und deshalb nur TV-tauglichen Genre. Mehr zahlende Zuschauer hatte bloss «Fahrenheit 9/11», die witzig-wütende Anti-Bush-Polemik von 2002. Damit brachte Michael Moore die von der britischen Kultkomikertruppe Monty Python erfundene Untergattung «Mockumentary» (to mock = sich lustig machen) zu neuer Blüte.

Gores Fakten-Thriller zeigt jedoch eindrücklich, dass es nicht unbedingt Satire oder gar Sarkasmus braucht, um einem Massenpublikum unbequeme, kritische Botschaften zu vermitteln. «I used to be the next President of The United States», ist nämlich der einzig wirklich (selbst)ironische Satz in 100 intellektuell und emotional anspruchsvollen Filmminuten – und der kommt gleich zu Anfang, wenn Gore erstmals die Vortragsbühne betritt.

Kritik macht Sinn und zudem Kasse: Das haben längst auch die ganz grossen Studios erkannt. Seit zwei, drei Jahren nehmen sie wahlweise schmierige Öl-Geschäfte (wie in George Clooneys «Syriana»), skandalöse Pharma-Praktiken («The Constant Gardener»), verlogene Medienmoral («Good Night, and Good Luck») oder direkt Titel gebende «Blood Diamonds» ins Visier.

Gehobene Spannung statt erhobener Zeigefinger lautet das all diesen Streifen gemeine Erfolgsrezept. Und «Critictainment» ist der beste Begriff für diesen aufklärerischen Trend. Dies jedoch nur meiner unmassgeblichen Meinung nach. Beim Googeln, dieser Mutter aller Popularitätstests, gibt’s dafür nämlich lediglich 24 Eintragungen, die überdies – peinlich, peinlich! – fast alle von mir stammen. Zum Vergleich: «Mockumentary» liefert 1’200’000 und das 1985 vom Fernsehhasser Neil Postman in Umlauf gesetzte «Infotainment» gar 3’860’000 Verweise.

Bevor diese Kolumne ins Netz gestellt wird, sollte ich «Critictainment» also irgendwie schützen lassen. Doch das haben die Schöpfer von «Edutainment» und «Infopinion» vermutlich auch mal gedacht. Das Resultat ist bekannt. Na denn, lebe wohl und pflanz dich fleissig fort, du schönes neues Wort! Vielleicht schaffst du’s ja bis Hollywood und gründest dein eigenes Königreich, so dass die ganze Medienwelt weiss: Critictainment is King.

PS: Linguisten nennen Kreuzungen à la Bollywood, Glokalisierung oder Weblog übrigens «Kofferworte». Auch ein toller, weil sehr suggestiver Begriff. Denn in doppelbödigen Koffern lässt es sich fast so prima schmuggeln wie in guten Geschichten. «Changing the world, one story at a time»: Das Motto von Participant Productions, die Clooneys und Gores unbequeme Wahrheiten unter die Leute gebracht haben, ist selber «Critictainment».

Oliver Classen ist Ex-Medienjournalist und heute Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern.

von Oliver Classen | Kategorie: Mediensatz

3 Bemerkungen zu «Critictainment is King!»

  1. Also die Domains sind alle noch frei, von .com über .org bis zu .de und .ch. Who’s first?

  2. Sylvia:

    The truth is – tatsächlich – inconvenient …
    Nachzulesen unter:
    http://www.tennesseepolicy.org/main/article.php?article_id=367
    … zu dumm nur, dass sich die Familie Gore offensichtlich im eigenen Engergiekonsum nicht von der, im Film dargelegten, Weltlage beeindrucken lässt … und ich find Critictainment ist zu klotzig, wart noch mit dem Patentieren oder Verschenken …:
    Gute Wortschöpfungen im, neben oder auf dem Koffer sind meines bescheidenen Erachtens schlank: Ronnie, wie stehts, ist auch crititainment noch frei? (Aber vielleicht müsste dann erläutert werden, dass dies mit al-Tikriti nicht viel zu tun hat? … und mit Al Gore auch nicht?)
    So oder so, der Wahrheit ist man selten nahe.

  3. Auch bei „crititainment“ ist noch alles frei. Nur zu, bis jetzt hat noch niemand zugeschlagen.

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