Web-2.0-Wahn

Auf die Gefahr hin, es mir mit meinem Gastgeber gleich beim ersten Mal zu verscherzen, sage ich es frei heraus: Mich nervt das Getue ums Web 2.0 (siehe u.a. hier). Mich nervt das Frohlocken über den «Citizen Journalism», dem jeder Voyeur mit einem Fotohandy als potentieller Reporter gilt. Mich nervt die Ehrfurcht vor dem «Crowdsourcing», das mit «extremely local reporting» den Nachbarn bis unter die Bettdecke nachstellt.

Das Web 2.0 lässt nicht die Intelligenz der Massen blühen, sondern die Ignoranz. Wenn ich bei MySpace herumsurfe, dem bekanntesten «Social Network» im Web, gerate ich in einen Big-Brother-Container mit 100 Millionen Insassen: eine sich selber feiernde Pop- und Partygesellschaft, krampfhaft auf der Suche nach den 15 Minuten Berühmtheit, die Andy Warhol einst für jeden prophezeite.

Und wenn ich YouTube besuche, diesen gewaltigen Homevideo-Schrottplatz, ahne ich zwar: mit irgendwelchen Businessplänen wird es zu rechtfertigen sein, dass Google dafür 1,65 Milliarden Dollar hinblätterte – ein Armutszeugnis für die demokratisierte neue Webkultur ist es trotzdem. Wer das bezweifelt, hat nicht mitbekommen, mit welch geiler Häme das erbärmliche Video von Saddam Husseins Hinrichtung dutzendfach auf YouTube angepriesen wurde: «Filmed by someone present at the execution! Must See! ehh enjoy it till some queer reports it and gets it taken off.»

Was das Web 2.0 für uns Journalisten bedeuten wird, gewinnt langsam an Konturen. Die konziseste Kurzfassung liefert ein neunminütiges Video (das man natürlich bei YouTube findet): «EPIC 2015» – ein Abgesang auf das gute alte Medienzeitalter. Nachdem Google und Amazon sich zu Googlezon zusammengeschlossen haben, machen sie den traditionellen Medien den Garaus und ringen auch Microsoft nieder. Fortan hat nicht nur jeder Zugang zu Informationen in vorher unvorstellbarem Umfang, sondern jeder wird selber ein Teil der Medienlandschaft. EPIC, das «Evolving Personalized Information Construct», liefert massgeschneiderte Contentprodukte, in denen Vorlieben, Konsumgewohnheiten, Interessen, demographische und soziale Daten untrennbar verknüpft sind.

Aber vielleicht ist es ja nicht ganz ausgeschlossen, dass ein paar gedruckte Blättchen überleben, in denen ein paar unentwegte Journalisten keine Newsflashes und Postings für die Community verfassen, sondern das Kontrastprogramm für die geneigte Leserin und den geneigten Leser bieten: Coherence statt Content.

Daniel Weber ist Chefredaktor von «NZZ Folio».

von Daniel Weber | Kategorie: Mediensatz

14 Bemerkungen zu «Web-2.0-Wahn»

  1. Tja, im Gegensatz zu früher wird halt jetzt auch der „Long Tail“ bedient. Wenn ein Video auf Youtube auch nur einem einzigen Besucher „gefällt“ ist das schon ok so, es muss nicht „der breiten Masse“ gefallen. So gesehen ist Web 2.0 eine wahnsinns Bereicherung für alle die keinen Mainstream mögen. Eben den Long Tail. Auch wenn Youtube mitunter ziemlich viel Müll enthält, finden sich dort Perlen, die man früher niemals am Fernsehen gefunden hätte. Wieso das Beispiel mit Saddam? Ich habs mir nicht angeschaut, da ich derartiges nicht mag. Dagegen wurde ich in der Tagesschau quasi „gezwungen“ mir Mainstream-Müll anzuschauen, ob ich mag oder nicht… Ich finds schön in der neuen Welt.

  2. Bei einer Auseinandersetzung mit der Web2.0 Thematik wäre es tragisch, sich nur auf eine Hoffnungsformulierung zu beschränken, ob es künftig noch ein paar „klassische“ Print-Produkte geben wird.

    Fakt ist, wir leben in einer Zeit der Fraktalisierung von Angeboten, Medien und Verbrauchern. Die mediale Kohärenz wackelt. Eine Bewertung (gut oder schlecht etc.) dieser erst anfänglichen Entwicklung scheint nicht relevant. Relevant ist, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen, ob wir das Bedürfnis der Medienkonsumenten ignorieren oder aber ob wir die Chance wahrnehmen, entsprechende Angebote zu entwickeln und bereitzustellen.

    Und wenn sich keiner verändern will? Nun, dann sorgen im Zweifel Newcomer wie Google & Co. für Systemveränderungen. Siehe auch http://www.leancommunication.info. Apropos Relevanz: content is king? Jein! relevance is emperor.

  3. Max Mack:

    Daniel Weber hat völlig recht. Wenn man das Blogging kritisch bewertet, reagieren interessanterweise die Blogger, nur die, höchst empfindlich. Die sind sensibler als die sensiblen Journalisten, wenn es um Kritik geht. Dennoch: Bloggen und Web-2.0-Aktivitäten sind zu 98 Prozent Schrott-Tätigkeiten. Wer aber hat Zeit, die restlichen 2 Prozent im Müll zu suchen? Die Arbeitslosen vielleicht.

  4. Lieber Max,
    könnte nicht gerade das „Aus-dem-Müll-heraussuchen“ auch Aufgabe von Journalisten sein, indem die Profis z.B. als „trusted filter“ zur „Reduktion von Komplexität“ beitragen?

  5. Das Gute am Web 2.0 ist doch, dass sich das Gesuchte und Gewünschte, und somit das persönlich Entscheidende, durch die Teilnahme von vielen oft auf wundersame Weise durchsetzt. Dass das, was sich durch die Teilnahme der Masse als wichtig herauskristalisiert, nicht immer das Schöne ist, damit muss man leben. Bisher haben Bild-Leser und RTL-Gucker stumm konsumiert und nichts gesagt. Heute machen sie das immer noch, sind aber auch im Internet und schauen sich auf YouTube das Saddam-Video an und merken es sich als Favourite. Ich hab mir das Filmchen nicht angeguckt, ich lese auch lieber das Folio. ;-)

    Das mit den 2% Perlen und den 98% Müll ist ein alter Hut. Gibt es einen Bereich, wo dem nicht so ist? Dass sich nur Arbeitslose zum Perlentauchen eignen, zweifle ich auch an. Vielmehr ist doch genau das doch eine der Aufgaben des Journalismus: Aus der Masse von Informationen das Wichtige herausfischen.

    Wieso bloggen und Web-2.0-Aktivitäten Schrott-Tätigkeiten sein sollen, leuchtet mir nicht ein. Es wurde noch kein Text besser, nur weil man ihn ausdruckte.

  6. Die Qualität einzelner Web 2.0-Anwendungen oder Inhalte ist doch völlig unwichtig. Und Selbstmitleid von Qualitätsjournis hat noch viel weniger Platz, denn Qualität wird sich auch in Zukunft von Qualität differenzieren. Beim angeblichen „Hype“ geht es doch vielmehr um die Tatsache, dass die Vernetzung und der Drang zur Interaktion das klassische Sender-Empfänger-Kommunikationsmodell aufbrechen. Für Unternehmen – und Medien – bedeutet dies u.a., dass es nicht mehr „bloss“ um die Kontrolle der Kommunikation gehen kann. Kooperations- und Kritikfähigkeit sind gefragt. Web 2.0 ist nicht Hype, sondern Label eines Gesellschaftswandels – eines sehr raschen übrigens.

  7. Was mich an diesen Diskussionen immer irritiert: Wir tun so, als ob wir in einem aufgeklärten Zeitalter mit mündigen Bürgern, Lesern und Konsumenten lebten. Und sobald man diesen Bürgern, Lesern und Konsumenten, zu denen wir alle ja auch gehören, die Möglichkeit gibt, mitzuschnorren, soll nur Müll rauskommen? Was legitimiert die traditionellen Journalisten, die Meinungen andere Personen derart zu qualifizieren? Gibt es nicht auch unter den Journis eine beachtliche Anzahl, die genauso viel Müll produziert? Wer den persönlichen Seelenstrip und die „Superstars“ in die mediale Öffentlichkeit getragen? Nur Web 2.0?

    Auch im Radio, TV und im Print muss ich heute feste suchen, bis ich Substanzielles, Orientierendes, Hintergründiges und Einordnendes finde – leider. Dabei wäre dies ja noch die einzige Existenzberechtigung der traditionellen Medien.

  8. Marc:

    Jeder Idiot bekommt heute die Möglichkeit, sich vor Publikum zu äussern (inkl. mir). So wären diese infantilen Verschwörungstheorien (9/11) ohne Web über „ein paar Kifferstuben nicht hinausgekommen“ (Henryk M. Broder). Stattdessen wurde das Thema auch in „Qualitätsmedien“ breit gewalzt.
    Und was öden mich die Medien an, die ständig über die neusten YouTube-Beiträge berichten. Mein Gott, lasst die Freaks Freaks sein. Aber bitte, sie sollen unter sich bleiben.
    Es ist doch so: Frage die Öffentlichkeit und du bekommst die Antwort von ein paar Idioten.

    Für die wenigen Web/User-Erzeugnisse, die ein gewisses journalistisches Niveau erreichen, und daher relevant und wichtig sind, würde ich auch bezahlen.
    Aber ich bin ja auch nur ein Idiot, und werde in meinem Boot – gebastelt aus Zeitungspapier – untergehen.

  9. 78s:

    als journalist sollte sich herr weber einer seiner hauptkompetenzen auch im web 2.0 bedienen: die spreu vom weizen trennen zu können und gatekeeper zu spielen. was in „traditionellen medien“ funktioniert ist beim web 2.0 nicht anders nur weil es web 2.0 heisst.

  10. Pingback: Appendix

  11. SSchm:

    Einige Anmerkungen zu den Blogs der letzten 2 Wochen:
    Mündige Bürger: Reflektiert man die Qualität der heutigen Medienlandschaft so kann es mit der Mündigkeit der Bürger nicht weit her sein. Wer aus Unter-/Mittel-/Oberschicht hat heute noch die Muße sich mit den brennenden Themen Soziales & Wirtschaft im Detail zu beschäftigen.
    Web 2.0: Zusammenfassend frage ich mich schon, ob man YouTube & Co. als fundamentale Content-Aggregatoren betrachten kann? Wo bleiben faktenbasierte Inhalte? Meines Erachtens handelt es sich um nichts anderes als Poesie-Alben im Online Format. Home-Video Schrottplatz: Vielen Dank für die passende Formulierung.
    Zukunft: Ich freue mich schon auf das Jahr 2015 (epic) in dem die Online User den 5-fach verdauten und 4-fach neu kombinierten Content Trash für bare Münze nimmt und eine überschaubare Minderheit für fundiert recherchierte und aufbereitete Informationen bereit ist einen Content Bonus zu zahlen. (Spiegel & Co.)

  12. Red. Medienspiegel:

    Kommentar auf Wunsch des Autors gelöscht.

  13. Wieso personalisiertes Internet mich interessiert:
    – Digitaler Journalismus ist m.E. authentischer.
    – Ein Publikum in «Lean Forward» (Partizipation) Haltung ist mir lieber als popkornfressende Sofasurfer.
    – Blogs: Nur die inhaltlich interessantesten Blogs etablieren sich z.B. popnutten.de
    – Musik 2.0: imusiciandigital hievt Bands ohne Vertrag mit einem Major in e-Stores, Onlinelabels wie Magnatunes überzeugen mit Bands, die ohne web 2.0 keine Chance hätten. Musicovery.com ist wegweisend, da realtime ein personalisierter Musicstream generiert wird.
    – Tools: Dank google calendar koordiniere ich Termine online. Mit delicious teile ich interessante Links mit Freunden.
    – User Videos: Im iTunes – finde ich problemlos Inhalte mit Mehrwert (z.B. Tutorials).
    – Myspace: Dank dieser Musikerplattform habe ich alte Freunde im echten leben wiederentdeckt.
    – Virtuelle Welten: SL, Home etc. sprechen mich weniger an. Sind aber sicher ein besserer Zeitvertreib als Shootergames.
    – Dank zattoo kann ich ohne an einen Ort gebunden zu sein auf dem Laptop TV schauen.
    – Kyte TV beflügelt die Kreativität.

    Da die Inhalte verschiedenster RSS-Feeds von Lesern bewertet werden kann, trennt sich die Spreu vom Weizen.
    In einem Plattenladen in Wien fand ich eben nicht eine LP von Sabrina («Boys Boy s Boys»), sondern 90 Minuten Art of Noise.

    Der digitale Journalist wird m.E. für den Long Tail produzieren und bis das Web 3.0 lästige Arbeiten abnimmt noch als Content-Filter tätig sein.

  14. Red. Medienspiegel:

    Kommentar auf Wunsch des Autors gelöscht.

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