Web 2.0: Das Publikum für voll nehmen

Auch die Medienindustrie ist inzwischen vom Social-Networking-Fieber erfasst worden. Ruppert Murdoch hat es mit der Übernahme von MySpace vorgemacht. Mit etwas Verzögerung folgen nun auch die anderen Major Players nach. Disney, CBS, NBC und Viacom, alle wollen sie laut einem Bericht der «New York Times» Web 2.0-Features lancieren, die den Usern eine aktivere Rolle zugestehen und es dem Publikum ermöglichen, sich untereinander zu vernetzen und auszutauschen.

Mit der Übernahme des Online-Sudentennetzwerks StudiVZ will auch die Holtzbrinck-Gruppe mittun, und Burda spielt bereits seit längerem mit «Focus Online Live», einer Kombination aus YouTube und Flickr. Selbst die BBC will um ihre Autoshow «Top Gear» und um die Sendung «BBC Good Food» herum Social-Networking-Sites aufbauen, wie Reuters vor kurzem berichtete. Auch die Mainstream-Medien scheinen also nicht umhin zu kommen, sich vermehrt für Inhalte aus dem Publikum zu öffnen. Die Aussage «My readers know more than I do» (Dan Gillmor) kann ja niemand mehr wirklich in Frage stellen.

Nur: «Ideas are cheap, implementation is hard». Nicht nur altgedienten Redaktoren dürfte die Verknüpfung von eigenen (professionellen) Inhalten mit Kommentaren, Ergänzungen oder gar ganzen Beiträgen aus dem Publikum ein Greuel sein. Allzu oft werden die Leserinnen und Leser, die Zuschauerinnen und Zuschauer hierzulande deshalb noch in User-Ghettos «abgedrängt», wo sie in Foren und dergleichen unter sich gelassen werden. Dies dürfte kaum im Sinne der Erfinder sein.

Dass das Publikum nicht nur aus Idioten und Dumpfbacken besteht, daran glaubt zum Beispiel Suzie Daniels, Head of UK Business Media bei CNET Networks und verantwortlich für die britische Version der Techie-Website «ZDNet». In einer Präsentation vor der UK Association of Online Publishers erläuterte Daniels kürzlich die Gründe für den Einstieg von CNET in den Social-Networking-Bereich (via «Guardian»-Weblog «organ grinder»):

    «We want to find and draw in passionate, high-value users who are respected by their peers for their knowledge. We want to solicit their knowledge in a way that complements our core mission, and that is what readers expect from our brand»

Entscheidend sei dabei, die Inhalte aus der Community nicht in einem abgeschlossenen Bereich anzubieten. Vielmehr müssten diese in die reguläre redaktionelle Berichterstattung integriert werden. Dadurch verändere sich auch die Rolle der Redaktion:

    «For the site’s journalists, it means working with users in a different way – as a seeder of ideas rather than a de facto resource for every idea on a certain subject.»

Und dies mache ein Umdenken unerlässlich:

    «Daniel’s impression is that editorial staff have often been <a bit snotty> about the idea of meeting or talking to readers. These new environments mean that journalists have to let go of that prejudice and get involved. CNET’s journalists are expected to answer every question that comes in through the blogs and reader comments, and get involved in every debate that has legs.
    […]
    <The more that you demonstrate your trust, the more users will input into the community. If you want to steer the conversation, even invisibly, you have to be in it and it is incumbent for journalists to be part of that.>» [Hervorhebungen durch Medienspiegel.ch]

Irgendwie so muss man vermutlich an die Sache herangehen.

Siehe dazu auch:
«Grossmutters Schnittmuster goes Web 2.0»

Update, 9. Februar 2007: Unter dem Titel «Are you killing your comments» fasst Robert Niles, Chefredaktor der «Online Journalism Review» die drei häufigsten Fehler im Umgang mit User-Kommentaren zusammen.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

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