The men who knew too much

Am 29. April wird – Grossanlass! – Bob Dylan im Zürcher Hallenstadion spielen. Bereits jetzt graust mir vor den Zeitungsartikeln davor und danach, und flehentlich rufe ich gen Himmel: Gott schütz uns vor den Dylanologen!

Es sind hierzulande ja eigentlich nur drei. Doch sie haben sich so gut verteilt, dass sie wirken wie eine ganze kulturjournalistische Armee; einer sitzt beim «Tages-Anzeiger», einer bei der «NZZ am Sonntag», einer bei Radio DRS. Und alle drei zelebrieren sie im freudlosen Geiste des Protestantismus das eigene, mit der Begleitung des schwierigen Meisters durch fünf Jahrzehnte verbundene berufliche Leiden («Bisweilen musste man sich in den letzten Jahren die magischen Momente in Dylans Konzerten hart verdienen. … Besonders schlimm war das Zürcher Konzert vom …»).

Alle drei betreiben sie dieselbe manische, sich auf die Fetischisten-Website «Bob Links» eines gewissen Bill Pagel stützende Komparatistik («eine originelle Setlist, die sich auf sechs von siebzehn Positionen von jener des Vorabends in Mailand unterschied»).

Alle drei treiben sie uns mit ihrem exegetischen Detailfuror das Restvergnügen an Dylan aus. Als dieser vor 14 Monaten in der Schweiz auftrat, mäkelte der «Tagi», er ziehe jedes Zeilenende stereotyp «eine Septime» hoch. Die «NZZ» konstatierte dieselbe Marotte, sprach aber von «einer ganzen Oktave».

Was stimmt jetzt? Wer wüsste den Unterschied zu hören? Es gibt paradoxerweise Journalisten, die zuviel wissen. Die beflissene Philologie am grossen Werk stösst uns ab, wenn sie sich vom Feld der Begeisterung begibt und sich mit der Pedanterie paart. Gott schütz uns vor den Dylanologen, ihrer Penetranz, ihrer Besserwisserei, ihrer lähmenden Ritualität! Oder sollten wir besser den Sektenkenner Hugo Stamm um Hilfe anrufen?

Thomas Widmer ist Kulturredaktor und Autor der Wanderkolumne «Zu Fuss» bei der «Weltwoche».

von Thomas Widmer | Kategorie: Mediensatz

5 Bemerkungen zu «The men who knew too much»

  1. Max Mack:

    uiui: der eine hört eine Septime, der andere eine Oktave. Da ist ein Riesenunterschied, lieber Widmer. Da muss mindestens einer schwerhörig sein. Die beste Voraussetzung für eine Musikritik.

  2. Andreas Gossweiler:

    Ich musste lachen, als ich diesen Mediensatz las. Thomas Widmer hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Guter Einstand!

    Der Grad der Dylanverehrung macht mich zeitweise auch ratlos. Dylans Musik ist ja (im Gegensatz zu den Texten) eher einfach gelismet. Meistens sind es etwa die Akkordfolgen von La Bamba oder ähnliche. Und seit seinem Töffunfall vor 40 Jahren hat er wenig Aufregendes aufgenommen (vorher hat er allerdings in wenigen Jahren ein fantastisches Lebenswerk geschaffen). Das würde ich auch in Martin Schäfers Gegenwart laut sagen!

  3. capuns:

    Und aus welchem Grund sich schon gut 3 Monate vor dem Konzert über die Dylanologen lustigmachen? Sind sie denn so wichtig?
    Ja, ich mag die Musik von Dylan sehr und denke, er hat auch nach seinem Töffunfall sehr viel Aufregendes aufgenommen.

  4. Basil:

    Das sind News: Bob Dylan hatte einen Töffunfall. Das wusste ich nicht. Zum Glück gibts Blogs

  5. A.:

    Lustig, Basil. Ich sagte nicht, Bob Dylan habe einen Töffunfall gehabt. Ich sagte, er habe SEIT seinem Töffunfall WENIG AUFREGENDES AUFGENOMMEN. Noch Fragen?

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