Die Mediengeschichte gut «beobachtet»

Das Arboner Bezirksgericht hat Anfang Dezember die Verbreitung der Ausgabe Nr. 25 der Zeitschrift «Beobachter» verboten, wegen eines zwar bestens dokumentierten, aber kritischen Artikels über zwei Thurgauer Bauunternehmer.

Der Anwalt der beiden Baulöwen, die die superprovisorische Verfügung durchgedrückt hatten, sorgte für die köstlichste Pointe in der ganzen Geschichte. Er nannte laut der «Tages-Anzeiger»-Berichterstattung die Argumentation von «Beobachter»-Chefredaktor Balz Hosang «spitzfindig». Aus dem Munde eines Rechtsanwalts ist dies wohl ein überschwängliches Lob.

Die Einschätzung des Juristen galt Hosangs Argument, der «Beobachter» dürfe zwar nicht schreiben, es sei gepfuscht worden. Er dürfe aber schreiben, es sei ihm verboten zu sagen, dass gepfuscht worden sei.

Hosangs listiger Kniff hat ein grosses, berühmtes Vorbild in einem der spannendsten Enthüllungsjournalismusfälle des vergangenen Jahrhunderts. Im Mai 1913 deckte der später berühmt gewordene Reporter Egon Erwin Kisch in Prag den sogenannten Fall Redl auf, die Affäre um den Korps-Generalstabschef Alfred Redl, der von der Spitze der k. und k. Armee wegen Spionage zum Selbstmord gezwungen worden war. Der Grund für diesen Selbstmord sollte vertuscht werden.

Tags darauf, am 25. Mai 1913, wartete in Prag, wo Redl stationiert gewesen war, Egon Erwin Kisch, Obmann des Deutschen Ballspielclubs «Sturm», vor dem wichtigen Spiel gegen «S.K. Union-Holeschovice» vergeblich auf seinen Verteidiger Wagner. Das Spiel ging denn auch prompt 5:7 verloren. Zur Rede gestellt, verteidigte sich Wagner, im Berufsleben Schlossergehilfe, er habe im Auftrag einer Kommission aus Wien die Wohnung und alle Schubfächer und Schränke eines hohen Offiziers aufbrechen müssen. Die hohen Herren aus Wien hätten nach russischen Papieren und Photographien von Plänen gesucht, und der fragliche hohe Offizier sei tags zuvor in Wien gestorben.

Ballspielclub-Obmann Kisch, von Beruf Redaktor der deutschsprachigen Tageszeitung «Bohemia», witterte die wahre Story hinter der Redl-News. Und weil ihm klar war, dass die Zensur jede Berichterstattung unterbinden würde, schrieb er im Abendblatt:

    «Von hervorragender Seite werden wir um Widerlegung der speziell in Offizierskreisen aufgetauchten Gerüchte ersucht, dass der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Redl, der bekanntlich vorgestern in Wien Selbstmord verübt hat, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Russland Spionage getrieben habe. Die nach Prag entsandte Kommission, die die Dienstwohnung des Obersten Redl und deren Schubfächer geöffnet hatte, hatte nach Verfehlungen ganz anderer Art zu forschen.»

Die Öffentlichkeit durchschaute das Pseudo-Dementi problemlos, der Skandal war in der Öffentlichkeit, aber der Verfasser des Berichts war schwer zu belangen, weil alle Verantwortlichen der kaiserlich-königlichen Armee die unbekannte undichte Stelle in einer anderen Abteilung vermuteten.

Und weil Arboner Bezirksrichter die Mediengeschichte offensichtlich nicht sehr gut kennen, wiederholen sie mit Anlauf die Flops der Zensurbehörden alter Zeiten und sorgen bei der bekämpften Zeitung zwar für Mühe und Ärger, aber auch für unbezahlbare Gratiswerbung.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher und bis Ende 2006 Teilzeitproduzent und Kolumnist beim «Beobachter».

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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