Seeing is Believing – wirklich?

Fotografien zeigen, wie Fotografen sich entschieden haben, uns die Welt darzubieten. Ihre Sicht der Welt ist selbstverständlich subjektiv, von Vorlieben und Abneigungen, Talent und Können (oder der Absenz davon) geprägt. Doch was fotografiert wird, ist nicht erfunden, es ist authentisch, es hat sich so dem Kameraauge präsentiert.

Fotografien sind in erster Linie Dokumente. Sie dienen als Belege, sie zeigen uns, was einmal, zur Zeit der Aufnahme, war – und was jetzt nicht mehr ist. Die Essenz der Fotografie ist es zu ratifizieren, was sie darstellt, so Roland Barthes in «Camera Lucida».

Auch im digitalen Zeitalter, in dem wir immer weniger wissen, ob das, was uns gezeigt wird, auch real so existiert hat, ist unser Glaube an die Beweiskraft der Fotografie nach wie vor ungebrochen. Nachdem etwa während des Kosovo-Kriegs Zweifel über die Anzahl der durch NATO-Luftangriffe zerstörten Ziele laut geworden waren, wurde ein Team von dreissig Experten (das «Munitions Effectiveness Team», auch MEAT genannt) mit einer Untersuchung vor Ort beauftragt, die Dutzende ausgebrannter PKWs, Busse und Lastwagen, jedoch kaum beschädigte Panzer ausmachen konnte. Als Beweis brachte das Team 2600 Fotografien zurück. Und als im Herbst 2005 die Untergrundorganisation IRA behauptete, ihre Waffen vernichtet zu haben, meinte Pfarrer Paisley von der Democratic Unionist Party, behaupten könne man viel, er verlange fotografische Evidenz.

Angesichts der unzähligen Möglichkeiten, Bilder zu manipulieren, angesichts der Tatsache, dass zehn Fotografen wohl zehn ganz unterschiedliche Bilder desselben Ereignisses liefern, und angesichts der Unverfrorenheit, mit der Bilder häufig ent-kontextualisiert werden – wie zum Beispiel die Verwendung des Fotos eines vom Pferd gestürzten Knaben als Illustration in einem Buch über Kindsmissbrauch –, ist das Vertrauen in die Beweiskraft von Fotografien einigermassen erstaunlich.

Doch was sehen wir eigentlich, wenn wir Fotos betrachten? Sehen wir, was uns unsere Augen zeigen, oder sehen wir die Bilder, die wir bereits in unseren Köpfen herumtragen? Kommt ganz darauf an, was wir zu sehen gewillt sind.

Zeigt man mir zum Beispiel eine Aufnahme von George W. Bush und bin ich der Meinung, der Mann sei bemerkenswert inkompetent und seiner gegenwärtigen Aufgabe in keinster Weise gewachsen, dann werde ich auch genau das sehen: einen bemerkenswert inkompetenten und seiner Aufgabe in keinster Weise gewachsenen Man – vollkommen unabhängig davon, was das Foto zeigen mag. Das Gegenteil gilt natürlich ebenso.

Mit anderen Worten: Wir sehen – allzu oft –, was wir glauben oder glauben wollen. Auf Neudeutsch: Believing is Seeing.

Und wir brauchen nicht einmal Bilder dazu, wie uns die Auseinandersetzungen über die Mohammed-Karikaturen gezeigt haben, als Tausende dazu angestachelt wurden, gegen Bilder zu protestieren, die sie gar nie gesehen hatten.

Hans Durrer (www.hansdurrer.com) ist freier Journalist mit Schwerpunkt Fotografie und Medien.

von Hans Durrer | Kategorie: Mediensatz

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