«News Sniffer»: Medienkritik aus der Maschine

Was auf Zeitungspapier gedruckt wird, ist im Normalfall von einem Korrektor gegengelesen, von einem Redaktionskollegen überprüft und allenfalls von einem Chefredaktor abgesegnet worden. Etwas anders verläuft der Prozess im Online-Bereich, wo Redaktionsschluss immer und Schnelligkeit alles ist.
(Neue Zürcher Zeitung, 10. November 2006)

Für Internet-Journalisten gehört es zur Tagesordnung, Meldungen zu aktuellen Ereignissen so rasch als möglich auf den Bildschirm der User zu bringen. Gegengelesen, korrigiert, umgeschrieben und ergänzt wird mitunter erst nach erfolgter Publikation. Diesen Entstehungsprozess beobachten und dokumentieren will der britische Programmierer John Leach auf seiner Website «News Sniffer».

Unter der Bezeichnung «Revisionista» stellt «News Sniffer» verschiedene Versionen ein und derselben Meldung einander gegenüber und überprüft diese mit Hilfe eines Computerprogramms auf allfällige Änderungen. Korrekturen, Weglassungen und Ergänzungen werden farblich hervorgehoben. Um aus den Tausenden von Meldungen und Änderungen die auffälligsten herauszufiltern, können die User Artikel-Revisionen bewerten. «News Sniffer» überwacht derzeit eine Auswahl von Nachrichten der BBC sowie der britischen Zeitungen «Guardian» und «Independent».

Natürlich handelt es sich beim überwiegenden Teil der beobachteten Änderungen um grammatikalische oder orthographische Korrekturen oder um die Fortführung der Berichterstattung zu laufenden Ereignissen. Leach geht es bei seinem Projekt indes weniger darum, mit dem Finger auf die mangelnde Sorgfalt von Online-Redaktionen zu zeigen. Vielmehr will der junge Programmierer durch die Hervorhebung redaktioneller Eingriffe auf die tatsächliche oder vermeintliche «Voreingenommenheit» in der Berichterstattung der Medienkonzerne hinweisen.

Ab und an scheint dies auch zu gelingen. So war Anfang September in einer früheren Version eines BBC-Berichts zum Brand eines iranischen Flugzeugs etwa auf die «schrecklichen Sicherheitsstandards» im dortigen Luftverkehr verwiesen worden, die nicht zuletzt auch auf die amerikanischen Sanktionen gegenüber Iran zurückzuführen seien. Dies schien einem BBC-Redaktor zu weit zu gehen. In einer Revision des Artikels wurde nicht nur «schrecklich» zu «schlecht» abgemildert, sondern der Hinweis auf den US- Boykott als eine der möglichen Ursachen gleich wegredigiert.

Die Zensurgelüste der etablierten Medien aufzeigen will Leach überdies in der Rubrik «Watch Your Mouth» (etwa: «Pass auf, was du sagst»), wo die Diskussionsforen der BBC-Website beobachtet und von der Redaktion gelöschte Beiträge aufgeführt werden. In ersten Reaktionen geben sich die BBC-Verantwortlichen sportlich und selbstbewusst. Richard Sambrook, Leiter des BBC-Weltnachrichtendienstes, bezeichnet «News Sniffer» in seinem Weblog als «gute Idee». News-Organisationen sollten sich nicht davor scheuen, für redaktionelle Eingriffe zur Rechenschaft gezogen zu werden und als kontrovers wahrgenommene Entscheide auch zu erläutern. Um dem Vorwurf der eigenen Befangenheit entgegenzutreten, will Leach den Quellcode seines «Sniffer-Tools» demnächst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Gut möglich, dass dannzumal auch hierzulande auf der einen oder anderen News-Site «herumgeschnüffelt» wird.

Martin Hitz
Neue Zürcher Zeitung, 10. November 2006

von Martin Hitz | Kategorie: Eigenschau

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