In dem Kürzel liegt die Würze

Die «NZZ», wir wissen es alle, machts vornehmer und stilvoller als alle anderen. Sie veröffentlicht ihre Artikel zwar nicht gerade anonym, aber auch nicht unter dem vollen Namen der Schreibenden. Diskrete Kürzel geben den entscheidenden Hinweis, und am Samstag, wenn das Impressum vom Inlandteil in die Feuilletonabteilung rutscht, werden diese geheimnisvollen Decknamen sogar offengelegt. Ent-Anonymisierung in Raten.

Man kann die Kürzel natürlich auch im «NZZ-Online»-Impressum nachschauen. Und man kann im Internet auch Überraschungen mit «NZZ»-Kürzeln erleben – im SMD, der Schweizer Mediendatenbank, die den Journalistinnen und Journalisten der grossen Verlage die archivierten Inhalte der grösseren Zeitungen zugänglich macht. Und ihnen, wie böse Zungen lästern, das Abschreiben bei den Kolleginnen und Kollegen zusätzlich erleichtert. In diesem SMD also gibt es verdienstvolle Menschen, die diese Inhalte schön geordnet aufbereiten. Sie liefern sogar den Service, die «NZZ»-Kürzel jeweils mit dem vollen Namen zu ergänzen. Und sind dabei gelegentlich sehr kreativ.

Für die Ostschweiz beispielsweise ist bei der «NZZ»-Korrespondent Jörg Krummenacher mit dem Kürzel «kru.» zuständig. Wer allerdings Artikel von ihm im SMD aufspürt, liest als Erklärung zu seinem Kürzel in den meisten Fällen, es handle sich bei «kru.» um Martin Krumbholz, der im «NZZ»-Feuilleton über Bücher schreibt, oder die noch wesentlich wildere Behauptung, es handle sich bei dem Autor um einen gewissen Ruhnke Kent.

Nun ist dieser Ruhnke Kent nicht ganz unbekannt, denn er ist seit vielen Jahren erfolgreicher Eishockeytrainer. Allerdings treibt er sich höchstens bei Auswärtsspielen in der Ostschweiz herum. Gegenwärtig ist er nämlich in der Nordwestschweiz beim EHC Basel tätig. Mit der Behauptung, Ruhnke berichte in der «NZZ» über das Budget von Appenzell Ausserrhoden, die Eröffnung der Umfahrung von Bazenheid und den Zweitwohnungsbau im Oberengadin, hat sich die SMD-Redaktion schwer aufs Glatteis begeben.

Aber nicht wirklich konsequent: Wenn man das «NZZ»-Impressum etwas genauer mit der Liste der Trainer in den Schweizer Eishockey-Spitzenklubs vergleicht, sieht man, dass die Übereinstimmungen mit den Herren Krummenacher und Ruhnke bei weitem nicht ausgereizt sind. Hinter dem «H. K.» beispielsweise, das im «NZZ»-Impressum offiziell dem Auslandchef Hansrudolf Kamer zugeschrieben wird, könnte sich Harold Kreis verstecken, Trainer des Zürcher Schlittschuhclubs. Dessen Durchhalteparolen tönen oft ähnlich verzweifelt wie jene des nebenamtlichen Pentagon-Sprechers Kamer. Und Inlandredaktor Christoph Wehrli führt das Kürzel «C. W.» wohl nur im Zeitungsimpressum, im SMD müsste darunter Langnau-Trainer Christian Weber zu finden sein.

«NZZ»-Architekturspezialist Roman Hollenstein («holl.») findet sein Pendant in Assistenztrainer Felix Hollenstein von den Kloten Flyers, Wissenschaftsredaktor Christian Speichers Kürzel «Spe.» passt zu Fribourg-Gottérons Trainer Serge Pelletier, und Moderedaktor Jeroen van Rooijen führt das Kürzel «jvr.», das wohl John van Boxmeer, dem Schleifer des SC Bern, gehört. Er wäre nicht der einzige, der neben den Initialen auch den letzten Buchstaben seines Namens in sein Kürzel einbauen würde. Und da wäre noch Brüssel-Korrespondent Peter Winkler, dessen «win.» bestimmt jeder Trainer gerne zu seinem Namen stellen würde.

Welch unerwartete Verbindungen zwischen glattem Eis und hohem Journalismus. Vielleicht würde der volle Name bei «NZZ»-Artikeln die Arbeit der SMD-Archivare erleichtern. Auch wenn’s ein wenig weniger vornehm tönt.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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