Crowdsourcing, der von Jeff Howe in einem «Wired Magazine»-Artikel geschaffene Begriff, hat Hochkonjunktur. Während eine Google-Suche nach der neuen Wortschöpfung im Mai 2006 noch drei Treffer hervorbrachte, sind es nur ein halbes Jahr später bereits deren 2,2 Millionen. «Crowdsourcing» steht laut «Wikipedia» für ein Vorgehen, das «auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von Freizeitarbeitern im Internet» setzt.
Und Crowdsourcing ist auch wesentlicher Bestandteil der neuen Strategie von Gannett, dem grössten Zeitungskonzern der USA («USA Today» und Dutzende von Regional- und Lokalzeitungen), der Anfang November eine grundlegende Neuausrichtung der Redaktionen seiner Lokalblätter angekündigt hat.
(s. dazu z.B. die Berichte von «Washington Post» oder «Wired News»).
So sollen etwa die Newsrooms der zum Unternehmen gehörenden Zeitungen künftig nicht mehr Newsroom, sondern «Information Center» heissen, wie Gannett-CEO Craig Dubow seine Mitarbeiter in einem internen Memo wissen liess (via «Romenesko»):
- «The Information Center is a way to gather and disseminate news and information across all platforms, 24/7. The Information Center will let us gather the very local news and information that customers want, then distribute it when, where and how our customers seek it.
[…]
News and information will be delivered to the right media – be it newspapers, online, mobile, video or ones not yet invented – at the right time. Our customers will decide which they prefer.»
Zu diesem Zweck sollen die Redaktionen nicht mehr in die klassischen Ressorts unterteilt, sondern den Bereichen Public Service, Digital, Community Conversation, Local, Custom Content, Data und Multimedia zugeordnet werden (mehr dazu in Dubows Memo).
Wesentliches Ziel der Reorganisation ist eine grössere Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern. Erreicht werden soll dies unter anderem mit «extremely local reporting — down to the neighborhood level», aber etwa auch mit Diskussionsforen und Kommentiermöglichkeiten und eben mit Crowdsourcing, das im Memo wie folgt definiert wird:
- «Crowd Sourcing — Enlisting the community in investigative reporting by providing them with ways to interact with your Web site.»
Die Leserinnen und Leser sollen sich also an der Nachrichtenbeschaffung beteiligen und die Redaktionen bei Recherchen unterstützen.
Bereits getestet worden ist dieser Ansatz vom Gannett-Blatt «News-Press» in Fort Myers, Florida (Auflage: 90’563). Um herauszufinden, weshalb die Preise für Anschlussgebühren von Neubauten in einer bestimmten Gemeinde ungewöhnlich hoch waren, hatte die Zeitung ihre Leser zur aktiven Mitarbeit aufgefordert. Zahlreiche pensionierte Ingenieure, Buchprüfer und andere Experten sollen sich darauf an der Recherche beteiligt haben, aus der mehrere Artikel hervorgingen und die schliesslich zu einer Senkung der Anschlussgebühren führte (ausführlicher bei «Crowdsourcing.com»).
In einem Editorial erklärt Dennis Ryerson, Chefredaktor des Gannett-Blatts «Indianapolis Star» (Auflage: 258,696), das Crowdsourcing-Konzept so:
- «Traditionally, reporters go to official sources and spend a lot of time digging out public documents to prepare news stories. We spend hours searching for people who may be affected by the decisions of school officials, city leaders, and others whose work affects our lives. One thing we haven’t done much of is this: Ask. We rarely if ever ask for the public’s help when we research an important issue […].
That has to change. Readers have a great deal of information and experiences and we’d like them to share those things with us. So in the future, we will be more open about asking for your help.»
In die gleiche Richtung zielt übrigens der bloggende Professor Jay Rosen mit seinem Non-Profit-Projekt «NewAssignment.net», wo künftig Teams von Freiwilligen in Zusammenarbeit mit professionellen Journalisten «open source reporting» zu vorgegebenen Themen betreiben sollen.
Ähnliches tut unter der Bezeichnung «Public Insight Journalism» bereits seit längerem der Sender Minnesota Public Radio. In einer Datenbank sind derzeit gegen 20’000 Personen erfasst, die in einem bestimmten Bereich über besondere Kenntnisse verfügen und auf die die Redaktion der Radiostation jederzeit zurückgreifen kann (mehr dazu bei «Nieman Reports»; PDF, 280 KB).
Und auch der «Guardian» setzt mit seiner Travel-Website «BeenThere» auf das Knowhow des Publikums. In einer Rede (registrierungspflichtig) beschrieb «Guardian»-Chefredaktor Alan Rusbridger die Idee hinter der Website so:
- «We have opened a site called Been There where readers can become travel writers. In the old Tablet of Stone model travel writing was the sole preserve of journalists. A very few travel pages and magazines have completely spurned sending journalists on paid-trips, and even they accept advertising from travel companies. So, the traditional model of travel writing often involves a brief expenses-paid trip. But here, if anywhere, the principle of We the Media ought to apply. Among the millions of people reading any given newspaper there will be dozens, hundreds, or even thousands of people who know a place better than one journalist can possibly hope to on a short trip. So why not harness the wisdom of crowds to guide people to the best temple in Delhi, the best bar in Athens, the best hotel in St Petersburg?»
Ganz, ganz früher hätte man das alles vermutlich Citizen Journalism genannt.
–> Für Crowdsourcing ausserhalb des Content-Bereichs siehe z.B. «Crowdsourcing: BBC Innovation Labs»