Das «Manhattan Project» oder doch besser ein Think Tank?

Vor etwas mehr als einer Woche ist dem Verlagschef der «Los Angeles Times» («LAT»), Jeffrey M. Johnson, fristlos gekündigt worden. Johnson hatte sich geweigert, die Sparvorgaben der Besitzerin der «LA Times» zu befolgen (s. die Kurzmeldung der «NZZ»). Seit der Übernahme durch die Chicagoer Tribune Company im Jahr 2000 ist die Redaktion des kalifornischen Blattes bereits von 1200 auf weniger als 1000 Mitarbeiter zusammengestrichen worden. Nun sollten noch einmal gut 10 Prozent eingespart werden.

Jetzt will die Redaktion die Flucht nach vorn ergreifen und den Kapitalgebern aus Illinois den Weg in eine sichere Zukunft weisen – und das ohne fremde Hilfe, wie ein «LAT»-Redaktor in der «New York Times» zitiert wird:

    «We shouldn’t be waiting for corporate headquarters or a think tank or a consultant to come up with ideas to secure our future.»

Drei «investigative reporters» und ein halbes Dutzend Redaktoren sollen in den kommenden zwei[!] Monaten nach Lösungen suchen, wie die Leserinnen und Leser wieder vermehrt für die Inhalte der «LAT» begeistert werden können. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf den Internetauftritt der Zeitung gerichtet werden. Um die Dringlichkeit zu unterstreichen, trägt das Unterfangen den Projekttitel «Manhattan Project»; unter dieser Bezeichnung wurden während des Zweiten Weltkriegs die amerikanischen Anstrengungen zum Bau einer Atombombe zusammengefasst.

Die Angelinos haben sich also für das Miliz-System entschieden, ein Vorgehen, das auch hierzulande der einen oder anderen Redaktion bekannt vorkommen dürfte und das von «LA Observed», dem Watchblog der «Los Angeles Times», recht kritisch beurteilt wird:

    «I can’t remember a single big newsroom committee that ever truly delivered the goods, even those I sat on, and this one has a tall order. Three reporters not noted for their media savvy or future vision — nothing personal, it’s just not in their job descriptions or their resumes — are being asked to come up with solutions that elude even the most thoughtful media thinkers — essentially, the secret to saving newspapers.»

(Weitere Reaktionen auf das «Manhattan Project» hat die «Los Angeles Times» in ihrem Blog «Opinion L.A.» hier und hier gleich selbst zusammengefasst.)

Ob ein kleines Think-Tanklein wohl nicht doch bessere Dienste leisten würde (s. dazu «Ein <New Media Think Tank> für die Schweizer Medien oder: …»)?

Update: Der Zufall – oder der journalistische Riecher? – will es, dass sich in der heutigen «SonntagsZeitung» auch Martin Suter mit der «Überlebensübung» [Ausdruck von mir, nicht von Suter] der «Los Angeles Times» befasst. Die Ironie des Schicksals will hingegen, dass Suters Artikel online nicht frei zugänglich ist.

Update: «SonntagsZeitungs»-Hack nennt man das wohl (s. die Bemerkung des Blattkritikers). Hier also Suters Artikel.

von Martin Hitz | Kategorie: Medienschau

1 Bemerkung zu «Das «Manhattan Project» oder doch besser ein Think Tank?»

  1. Die Ironie des Schicksals will aber auch, dass bei der «Medienlese» vor wenigen Tagen ein Hack veröffentlicht worden ist, mit dem sich praktisch alle Artikel der «Sonntagszeitung» lesen lassen:

    http://medienlese.com/2006/10/14/durch-die-hintertuer/

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