Der Wilkomirski-Effekt

Was war das doch für ein Rummel um die junge Österreicherin Natascha Kampusch! Im Alter von zehn Jahren ist sie entführt worden, und 8 Jahre später ist ihr die Flucht aus ihrem Gefängnis gelungen. Natascha das Medienereignis: Natascha am Fernsehen, Natascha in allen Zeitungen, Natascha als Gegenstand psychologischer Interpretationen.

Und jetzt ist es so plötzlich auffällig still geworden um diese junge Frau, an deren Fernsehauftritt sich Millionen erinnern: An ihr lila Kopftuch, an die beinahe immer halb oder ganz geschlossenen Augen, an ihre Bewegung zum Hals (in Grossaufnahme und im Nachhinein psychologisch erklärt), an ihre Ankündigung, eine Stiftung gründen zu wollen …

Es ist nicht anzunehmen, dass der Fall K. keine Geschichten mehr hergibt, dass die Leute sich an ihr satt gesehen und gelesen haben. Es sind offensichtlich die Fadenzieher im Lager K., die den Rollladen so plötzlich heruntergelassen haben. Die Medien sind ihnen zu nahe gekommen. Der Fall K. begann sich zu verselbständigen, und es kamen Einzelheiten ans Licht, die der scheinbar lichtscheuen Natascha K. zu schaden begannen. Und die Fassung ihres Schicksals, so wie es der Öffentlichkeit in Häppchen präsentiert wurde, hatte mit einem Mal Löcher.

Und der Effekt dieser plötzlichen Funkstille? Mit dem Ausbleiben der Nachrichten im Fall. K., dem abrupten Ende dieses Dauerfeuers, in der eingetretenen Stille, bekommt der Fall mit einem Mal etwas Unwirkliches. Wie nie gewesen.

Aber: The Show must go on: Die Leere, die durch die ausbleibenden Informationen entstanden ist, wird mit eigenen Bildern gefüllt: Ausgehend von dem, was die Medien geliefert haben, schreiben wir in Gedanken an dieser Geschichte weiter: Wir sehen die Frau, die aus dem Dunkel kam und die im Fernsehen so lichtempfindlich wirkte, in einer strahlendweissen Schneelandschaft, sehen sie bei ihren Gängen auf den Baumarkt kokettieren, attestieren ihr schauspielerische Qualitäten und verirren uns gar in die Vorstellung, dass die junge Frau im Fernsehen gar nicht Natascha K. gewesen sei, sondern dass ein Double ihre Rolle gespielt habe.

Und dann erinnern wir uns vielleicht sogar an den Fall des «jüdischen» Musikers Benjamin Wilkomirski, der seine frühen Kindheitserlebnisse in einem Vernichtungslager in einem auflagestarken Buch geschildert hat und seine Legende so lange als echte Biographie zu verkaufen vermocht hatte, bis der Journalist Daniel Ganzfried nach langen Recherchen die Wahrheit aufdeckte – das biographische Falschspiel des B.W.

Nein, die Medien sind nicht schuld, dass dem Konsumenten solch ketzerische Gedanken zufallen und er sich fragt, ob wohl ein zweiter Ganzfried …?

Hat die Informationsdosis schon von Anbeginn nicht gestimmt? Waren die Fadenzieher käuflich? Und haben sie weitere Geschichten um N.K. sogar erfunden, um die Medien zufriedenzustellen und ihren Geldbeutel zu füllen? Schon lange nicht mehr wie in diesem Fall ist offensichtlich geworden, wie delikat dieses Gleichgewicht zwischen Informant und Informationsempfänger in Wirklichkeit ist und wie schwer es oft für den Normalmenschen ist, sich in der sogenannten Medienlandschaft zurecht zu finden.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

1 Bemerkung zu «Der Wilkomirski-Effekt»

  1. Oliver:

    Was für ein Unsinn! Die Polizei dreht jeden Quadratmillimeter in diesem Haus um, sie ermittelt immer weiter und fördert immer erschreckendere Details ans Tageslicht, von denen K.s Anwälte allerdings nicht wollen, dass sie irgendwo veröffentlicht werden. Ich finde es peinlich, wie ein so genannter Journalist namens Zeindler, der sich offensichtlich nur unzureichend über die letzten Entwicklungen im Fall Kampusch informiert hat, dieser Frau hier implizit vorwirft, eine Lügnerin zu sein. Zum Kotzen!

Bemerkung anbringen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *