Maulbrüter (16)*

Journalisten sind Kampffische. Das wiederhole ich gerne, denn ich weiss, wovon ich schreibe: Im Zürcher Brackwasser, in dem ich wildere, habe ich gelernt, dass auch unter züchtigen Bedingungen Raubtiere herangezogen werden können. Im Zürcher Brackwasser, in dem ich maulbrüte, gilt das Recht des Stärkeren. Wiewohl unser Biotop in keinste Kampfhandlungen verstrickt ist noch sonst in Gefahr schwebt, in unmittelbarer Zukunft auf dem Trockenen zu sitzen. Doch im Jahre X eines Lebens im Territorialkrieg bin ich zur Meinung gelangt: das carnivore Verhalten von Journalisten ist genetisch bedingt.

Dabei gilt die Regel, wer Fehler macht, zeigt Schwäche. Genauer gesagt: wer Fehler eingesteht, ist schwach. Wäre ein fehlerhafter Journalist ein Hund (was er nicht selten ist), würde er sich auf den Rücken legen und seinem Gegner den Hals zum Biss freigeben. Er würde sich unterwerfen. Nun ist, wie gesagt, der durchschnittliche Journalist naturgemäss ein Fisch. Und seine Schwierigkeit ist: Ein Kampffisch in Rückenlage ist tot.

Der langen Vorrede kurzer Sinn: Ich sitze in London und möchte meine fernen Kollegen dazu ermuntern, Fehler einzugestehen! Denn eines habe ich aus der Beobachtung des englischen Presse-Sumpfes gelernt: nur eine Zeitung, die Fehler bekennt, ist eine gute Zeitung.

Der «Guardian» zum Beispiel: Auf einer viel beachteten Backpage mit Kommentaren publiziert er täglich eine Spalte mit «Corrections and clarifications». Dort kommen die Missgriffe und Fehlschlüsse zur Sprache, wie sie im täglichen Abschluss-Gemetzel entstehen. Zu Unrecht wurde zum Beispiel am 12. August − zwei Tage nach der drastischen Verhaftungswelle im Zusammenhang mit geplanten Anschlägen auf Atlantikflüge − ein muslimischer Mitbürger Londons mit vollem Namen bezichtigt, verhaftet und verhört worden zu sein. Das war falsch, können wir heute in genannter Spalte lesen. «Amjad Sarwar – an apology» sind die folgenden neun Zeilen Berichtigung in halbfett überschrieben. Nun ja, wie viel Wert Mr Sarwar die neun Zeilen verglichen mit den Nebenwirkungen der falschen Anschuldigung sind, weiss nur er selber.

Der «Guardian» bekennt sich tagtäglich dazu, Quellen falsch zitiert oder unterschlagen zu haben; er streut sich Asche aufs Haupt, wenn er Informanten aufgesessen ist, die ihn täuschten oder hauseigene Journalisten schlecht recherchierten; wenn er Bilder seitenverkehrt publiziert oder wenn deren Authentizität nachträglich in Frage steht. Kurzum: der «Guardian» betreibt eine transparente Informationspolitik.

Ist er deshalb weniger glaubwürdig, als seine Schweizer Kollegen, die ihre Fehlerhaftigkeit abstreiten und nobel verschweigen? Oder aber so verklausuliert öffentlich machen, dass sie wie eine Werbung in eigener Sache zu lesen ist?

Der Spalte mit «Corrections und clarifications» übrigens folgt stets eine Kolumne, die sich «Country diary» nennt. Ich habe die heutige gelesen, weil mich ihr Titel, «Adelboden», gereizt hat. Darin wird eine Wanderung vom «Adelboden valley» zum «Kandersteg valley» beschrieben, die zu Füssen liegende «mountain flora» inklusive. Ich muss dem Autor ein Kompliment machen: Er hat selbst obskure Eigennamen wie «Bunderchrinde» oder «Albristhorn» richtig geschrieben. Dass er die betreffende Alpwirschaft «Bunderalp summer farm» nennt, kann unter künstlerischer Freiheit abgebucht werden. Indes, beim «Gsür», dem Berg, gingen die ü-Punkte baden. – Ob ich, kampferprobt und unterbeschäftigt, dem Chefredaktor den Fehler stecke, mit Kopie an die Schweizer Botschaft in London und die Berner Oberländer-Tourismusbehörde?

Daniele Muscionico (London)

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004. Sie lebt derzeit in London.

* Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter(6)» , «Maulbrüter(7)», «Maulbrüter(8)», «Maulbrüter(9)», «Maulbrüter(10)», «Maulbrüter(11)», «Maulbrüter (12)», «Maulbrüter (13)», «Maulbrüter (14)» und «Maulbrüter (15)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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