Maulbrüter (15)*

In London wird gegenwärtig darüber diskutiert, wie die BBC den Weltcup gewann … und wie ihn der Privatsender ITV verlor. Weswegen dieser aus der Leere danach seine Lehre zieht und am Montag eine neue Reality-Show lanciert hat: «Love Island». 11 appetitliche Kandidaten und – wichtiger – Kandidatinnen wurden in ein tropisch-erotisches Guantanamo auf Fidschi ausgesiedelt und flirten dort auf Befehl des Senders nicht nur mit Mitgefangenen, sondern auch mit dem Publikum. Denn wer drin, das heisst drauf bleibt, entscheiden WIR!

ITV nimmt mit «Love Island» den Kampf auf gegen «Big Brother» (Channel 4), dem ultimativen Laxativum des englischen Fernsehens. (Die Freak-Show 06 führt zusammen: brustimplantierte Lesben, hirnoperierte Fotomodels, einen Underdog mit Tourette-Syndrom, die erste transsexuelle Miss Schottland …). BB hier auf der Insel verhält sich zu BB Schweizer Art wie Schweinskotelett zu Bleichsellerie. Und Fleischesser aufgepasst: Vor jeder BB-Ausstrahlung wird gewarnt, dass das Folgende nur für Erwachsene bestimmt ist, da es «strong language» enthält. Die Steiflippen dürfen in Position gehen.

Und in der Tat. Als Maulbrüter sind die königlichen Steiflippler (Pseudorex cunilingus) in und um London eine Spezies, die es noch zu entdecken gilt. Hinter der Fassade, attraktiv wie Magerquark, sitzen verquere und verquaste Fantasien über das andere Geschlecht, die gemacht sind, von Privatsendern ins Bild gesetzt zu werden. Und bei den Corgies der Königin: wer als Fremde(r) im Land etwas über die Sehnsucht des Engländers und – unwichtiger – der Engländerin erfahren will, konsultiere Doktor TV. Jede Sendung, die etwas auf sich hält, liefert – akustisch zensierte – four- letter-words im Minutentakt.

Englische Zeitungen? Als soziologischer Mirror sind sie blind. Sie sind zu sehr mit ihrer Konkurrenz beschäftigt oder damit, ihre Notwendigkeit zu beweisen, und zumeist sind sie es mit beidem und bis über die Randspalten nur auf Schlagzeilen aus. Schade eigentlich, aber es ist tatsächlich so: Auf der britischen Insel sind Zeitungen als Meinungsmacher die Neger.

Wie «Love Island» über die erste Runde ging? Noch ist nicht mehr zu sagen, als dass die Palmen auf Fidschi phallisch und die Kandidatinnen und Kandidaten umwerfend attraktiv sind. ITV liess uns im Vorfeld wissen, dass eine Starbesetzung die Schaumkrone des Abends bilden würde: Paul Gascoignes Stieftochter Bianca und ein gewisser Chris, der Sohn von Pierce Brosnan. James Bond müsste sich eigentlich vor Scham über seinen Nachwuchs als Schwuler outen. Doch auch Bond junior steht im Grund doch nur im Dienste seiner Majestät, der Einschaltquote.

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004. Sie lebt derzeit in London.

Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter(6)» , «Maulbrüter(7)», «Maulbrüter(8)», «Maulbrüter(9)», «Maulbrüter(10)», «Maulbrüter(11)», «Maulbrüter (12)», «Maulbrüter (13)» und «Maulbrüter (14)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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