Zubi or not Zubi

Fussball, wohin das Auge schaut. Fussball macht Geschichte, und die Journalisten, die rasenden Reporter und Kommentatoren sind nicht auf permanenter Jagd nach Toren oder unterhalten sich mit solchen, sondern sie jagen Geschichten über Torjäger- und -Verhinderer, und mit diesen füttern sie ihre übersättigte Klientele.

Die Schweiz hat eine Bundesrätin gewählt, die Deutschen reformieren halbherzig Steuern und Gesundheit, eine amerikanische Rakete schiesst eine Sonde ins All, Bush und seine engsten Mitpatrioten lügen weiter, der Gazastreifen explodiert und so weiter.

Wen kümmert’s! Der Ball ist rund, und eine WM dauert einen Monat. Und eine Mannschaft hat elf Spieler auf dem Feld und noch einmal soviel auf der Bank. Und einen oder mehrere Trainer. Und 32 Mannschaften wollten Weltmeister werden. 32 mal 24 = ? Rechne! Das ergab mindestens zu Beginn der WM gegen 800 Geschichten.

Jetzt ist die Auswahl geschrumpft, aber doch noch gross genug, um alle Geschichten, die Geschichte machen, überall sonst in der Welt platt zu walzen. Die Weltkugel ist auf die Grösse eines Fussballs geschrumpft. Der Überlebenskampf der Journalisten wird immer gnadenloser, weil die Geschichten weniger werden: Zubi or not Zubi, das ist hier die Frage.

Das Ganze ist jetzt «Bierdeckelspiel vor dem Strafraum», um mit einem der besonders innovativen Sprachkünstler am Schweizer Fernsehen zu sprechen. o.k. – o.k. o.k! Wir werden Herrn R.’s subtilen Umgang mit der deutschen Sprache zwar vermissen («Ein besserer Abtritt wäre Zidane, der für das dritte Spiel gesperrt ist, zu gönnen gewesen!») und wir wünschen ihm einen ebensolchen besseren. Aber es ist wirklich Zeit: Der Sommer war sehr gross. Abtritt, Herr Rufer. Spülen! Die Erde hat uns wieder!

Wir freuen uns also auf den Augenblick, wenn die Sportjournalisten und die sogenannten Experten wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, von ihren Fans fahnenschwingend an den Flughäfen empfangen werden, dann ihre hart verdienten Ferien in Sanatorien und Rehabilitationszentren antreten und nach ihrer Genesung von den politischen Repräsentanten ihrer Vaterländer mit irgend einem Orden, einem Bundesverdienstkreuz, einem Hosenbandorden oder was auch immer ausgezeichnet werden.

Denn die Politiker sind den Sportjournalisten zu Dank verpflichtet, bedauern sie doch als einzige, dass die Jagd nach sportlichen Geschichten zu Ende ist, die wortgewaltigen Reporter vorläufig abtreten und sie jetzt nach einmonatiger Schonzeit selbst wieder Jagdopfer sind und nicht mehr so beiläufig und von der grossen Öffentlichkeit unbeachtet vor sich hinwursteln können.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

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