Der Fernsehfussball und die Liebe

Es muss eine Freude sein, die Liebe hochleben zu lassen, wo es sie eigentlich gar nicht gibt. «Amor Bravo», verkündete der Kommentator ein ums andere Mal – ausgerechnet an einem sonntäglichen Fussballspiel auf unserem neuerdings schwarzgeränderten nationalen Farbfernsehsender. Das mehrfach wiederholte Hoch auf die Liebe hallte auch dann noch durchs heimische virtuelle TV-Stadion, als allen Alphabeten dank Rückenbeschriftung des Spielers und verschiedenen Einblendern längst klar war, dass der Mann eigentlich Omar Bravo heisst.

Des Kommentators Kollegin übernahm in der Halbzeitanalyse den Versprecher souverän und sah in ihrer Zwischenmoderation ebenfalls Amor auf dem Feld. «Die Welt zu Gast bei Freunden» lautet schliesslich der Slogan der WM. Da müssen sich doch wirklich alle liebhaben.

Zwei Tage später doppelte ein anderer SF-Kollege nach: «Niko Kovac ist der ältere der beiden Kovac-Brüder, zwei Jahre älter als sein Bruder Niko.» Da wehte einen ein leicht metaphysischer Schauder an. Differenzierte Gemüter, diese kroatischen Kicker, und offenbar sogar ein klein wenig schizophren. Das erinnerte an das schöne Gedichtchen, das der selbst ernannte Geisteskranke Bob Wiley alias Bill Murray einst in der prächtigen Filmkomödie «What about Bob?» den Psychiatriepflegern deklamierte: «Roses are red, violets are blue. I’m a schizophrenic and so am I.»

Aber bei der Liebe und der Psychologie blieb’s nicht. Die Kollegen bei den Druckerzeugnissen wollten da keinesfalls zurückstehen. Das nationale Boulevardblatt beispielsweise liess uns spüren, dass dort ein Theologe auf der Chefkanzel steht: Mit den Worten «Wir glauben an euch» wurden da am Tag des ersten Schweizer Spiels die helvetischen Kicker beschworen. Darunter sahen wir eine Faust, geballt, die sich in ein rotes Schweizer Trikot verkrallt, und dazu einen weiteren markigen Spruch, der sogar ein wenig Endzeitstimmung verbreitete: «Die Zeit ist reif». Für einen neuen Chefredaktor? Reichlich bescheppert, das Ganze.

Was der Fussball von der Liebe über die Psychologie bis zur Theologie doch so alles an den Tag bringt. Und diese Tage sind noch lange nicht um. Wir müssen uns die Spiele wohl ohne Kommentar anschauen. Und die grossen Buchstaben meiden.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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