Frank A. Plagiator

Wie recht der Mann doch hat, finde ich: «Die Kaste der Journalisten lebt vom ‹Copy› und ‹Paste›, sie kopiert sich fortwährend selbst, seit Jahren schon.» Frank A. Meyers Klage im jüngsten Ringier-Jahresbericht (PDF, 256 KB; s. auch «He-he Herr Meyer!») kommt so recht von Herzen. Und das mit gutem Grund: Meyer hat das muntere Kopieren als Ringiers Chef-Journalist selber praktiziert. Schon vor Jahren.

Beispiele? Bitte sehr: In der «Schweizer Illustrierten» vom 17. Januar 1994 hatte sich ihr damaliger Kolumnist Meyer über einen inzwischen vergessen gegangenen russischen Politiker ausgelassen. «Ist Wladimir Wolfowitsch Schirinowski Russlands Hitler?» fragte Meyer und kam über ein paar Umwege zum voraussehbaren Schluss.

Das tönt unter anderem so:

    Schirinowkis Rassismus, der sich vor allem gegen die Asiaten richtet, wurde geprägt durch Jugenderlebnisse in Kasachstan: «Meine Mutter erklärte mir, weshalb wir unter so schlechten Bedingungen lebten: ‹Wir sind keine Kasachen. Wir können hier kaum eine Wohnung bekommen.› Alles gab man den Kasachen.» Auch Hitler entwickelte seinen Rassismus, der sich vor allem gegen die Juden richtete, in der Zeit als junger Mensch in Wien

Dumm nur, dass Meyers Argumente einem hellwachen Journalisten der «Wochenzeitung» bekannt vorkamen. Er blätterte in der deutschen «Zeit» vom 14. Januar nach und fand einen Artikel von Christian Schmidt-Häuer über Schirinowski. Dort heisst es:

    So wie Hitler in Wien der pogrombereite osteuropäische Antisemitismus durch die Poren drang, so lernte Schirinowski im Vielvölkerstaat Kasachstan, dass die Russen die weisse, die europäische Herrenrasse unter südöstlicher Bedrohung waren: «Ich litt seit meiner Kindheit unter nationalem Druck. Meine Mutter erklärte mir, warum wir unter so schlechten Bedingungen lebten: ‹Wir sind keine Kasachen. Wir können hier kaum eine Wohnung bekommen weil man alles den Kasachen gibt.»

Alles nur unschuldiger Zufall, weil Meyer und Schmidt-Häuer das selbe Schirinowski-Interview gelesen und die selben zwingenden Schlüsse daraus gezogen haben? Vielleicht. Lesen wir weiter bei Frank A. Meyer. Im zweiten Textausschnitt geht es um Schirininowskis Kriegspläne:

    Schirinowski will den «Südfeldzug», denn: «Russland braucht (warme) Meeresküsten. Russland muss zum Süden.» Diesen «Südfeldzug» entwirft er als Blitzkrieg: «Mit der Welt wird nichts geschehen, selbst wenn die gesamte türkische Nation zugrunde gehen wird, obwohl ich ihr das nicht wünsche.» Und Schirinowski malt uns seinen Endsieg an die Wand: «Das Erreichen der Küsten des Indischen Ozeans und des Mittelmeeres – das sind die wirklichen Aufgaben zur Rettung der russischen Nation.»

Bei Christian Schmidt-Häuer in der «Zeit» las sich das ein paar Tage vorher so:

    In seinem Buch spricht Schirinowski offen vom «Südfeldzug», den er als Blitzkrieg entwirft und der eine «natürliche Auslese» bringen werde («Mit der Welt wird nichts geschehen, selbst wenn die gesamte türkische Nation zugrunde gehen wird, obwohl ich ihr das nicht wünsche.» Und so weiter bis zum Endsieg: «Das Erreichen der Küsten des Indischen Ozeans und des Mittelmeers – dass sind die wirklichen Aufgaben zur Rettung der russischen Nation.»

Also doch nur Zufall, weil Meyer und Schmidt-Häuer beide das selbe Schirinowski-Interview und das selbe Schirinowski-Buch gelesen haben und beide nicht anders konnten, als zum selben Schluss zu kommen? Untersuchen wir doch den Fall genauer. Im dritten Beispiel geht Meyer bei Schirinowskis Kriegsplänen ins Detail:

    Schirinowski beschreibt seine Phantasterei vom «Südfeldzug» ganz präzise als wirtschaftliche Vision: «In Delhi, Teheran und Bagdad, neue Fluglinien, neue Autostrassen …. Russland wird sich bereichern… .»

    Die gleichermassen präzise wirtschaftliche Vision entwickelte Hitler für seinen «Ostfeldzug»: «Die Schönheit der Krim wird uns erschlossen durch eine Autobahn: der deutsche Süden … Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein… Wir bauen jetzt die grossen Verkehrsstränge an die Südspitze der Krim, zum Kaukasus … Wir werden ein Getreide-Exportland sein für alle in Europa, die auf Getreide angewiesen sind.»

Die Parallelen waren zuvor schon Schmidt-Häuer in der «Zeit» aufgefallen:

    Schirinowski: «… in Delhi, Teheran und Bagdad, neue Fluglinien, neue Autostraßen… Russland wird sich bereichern …»

    Hitler malte seinen imperialen Drang im Führerhauptquartier oft ähnlich lyrisch aus: «Die Schönheit der Krim, uns erschlossen durch eine Autobahn: der deutsche Süden … Was für England Indien war, wird für uns der Ostraum sein …»

Genug verglichen? Aber das Beste kommt erst noch. Meyer bemüht für seine Beweisführung einen weiteren Zeugen:

    Über Adolf Hitler sagte Kurt Tucholsky: «Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.» Das war vor Hitlers Machtergreifung, als er nur Lärm verursachte, noch nicht Leid für Hunderte Millionen.

    Auch Schirinowski verursacht vorerst nur Lärm. Doch sein Lärm ist dem Lärm Hitlers erschreckend ähnlich.»

Die «Zeit» fasst das etwas kürzer:

    Vielleicht trifft hier Tucholskys (einst auf Hitler gemünztes) Wort zu: «Den Mann gibt es gar nicht: er ist nur der Lärm, den er verursacht.»

    Schirinowski scheint niemanden mehr zu fürchten. Ganz gleich, wer der Mann auch ist – der Lärm ist furchtbar, den er verursacht.

Das alles tönt nun nicht gerade so, als ob Frank A. Meyer Schirinowski, Hitler und Tucholsky gelesen, viel und tief nachgedacht und dann geschrieben hätte.

Was soll man dazu sagen? Vielleicht dies:

    So entstehen heute News: durch Nachrichten, die schon vorformuliert sind, bevor der Journalist daraus seinen eigenen Bericht bastelt. So entstehen Storys: durch Geschichten, die schon ein anderer erzählt hat, bevor der Journalist daraus seinen eigenen Text zusammenschustert. So entstehen Porträts von Menschen: durch Informationen, Ondits und Urteile, die als journalistisches Junkfood durch das Netz geistern, bevor ein weiterer Schreiber sie wiederkäut.

Wie recht er doch hat – Frank A. Meyer, im Originalton aus dem Ringier-Jahresbericht hierhin kopiert per Mausklick. Ich nehme nicht für mich in Anspruch, dass ich das besser formulieren könnte. Aber immerhin lege ich offen, woher ich das kopiert habe.

Edgar Schuler ist Redaktor am «Tages-Anzeiger». Was er hier schreibt, ist seine persönliche Meinung.

von Edgar Schuler | Kategorie: Mediensatz

10 Bemerkungen zu «Frank A. Plagiator»

  1. huhu! während frank a. meyer einsicht in sein tun unterstellt werden darf – wie sonst hätte er gewusst, was er kopieren gehen will? – hat dich deine fleissige, investigative recherchierarbeit (schade: warum so wenig links zu den zitierten quellen?) davon abgehalten, ihm eine präzise antwort zu geben. wäre es nicht lustig gewesen, seine gedanken in den fluchtpunkt zu denken? alle weigern sich zum kauen, was andere früher schon gefressen haben. es gäbe nur noch originale! (und niemand, welcher zeitung kaufen wollte?) wer fände dies wohl als erster eher weniger originell?

  2. Bobby California:

    Ich glaub langsam, du bist nicht vom Fach, lieber SMS. Das merkt man nicht nur daran, dass es verdammt schwierig ist, deine Gedankengänge nachzuvollziehen. Was bitte darf Frank A Meyer unterstellt werden, und wieso? Ich habs dreimal gelesen und nicht kapiert… Das macht nichts, aber wenn man nicht vom Fach ist, sollte man den Mund nicht so voll nehmen. Der Punkt ist ja nicht, ob man originell ist. Es gibt jedoch einen gar nicht so feinen Unterschied zwischen Abkupfern und dem Weiterdenken von vorgefundenen Ansätzen. Letzteres tun alle. Man kann das auch auf originelle Weise tun. Weisse Flecken auf der Landkarte und Themen, über die noch gar niemand etwas geschrieben hat, gibt es seit 200 Jahren nicht mehr.

  3. @bobby. from california
    der kandidat hat 100 punkte. und so schweige ich aus traditionell vielOh!sofWie?schem grunde: „si tacuisses, philosophus mansisses

  4. Otto:

    Frank A. Meyer ist die personifizierte Peinlichkeit des Schweizer Journalismus. Nicht nur, dass FAM als Primaballerina des Ringier-Verlags sich eines rechtslastigen Vokabulars bedient (Zitat: FAM bezeichnet BR Blocher als „Führer“ der SVP), nein, nun schmollt er auch noch: Da zeigt ihm Herr Mörgeli lücken- und schonungslos auf, zu welch widerlichen, braunen Sprachschleuder sich Herr Meyer entwickelt hat und dann scheut der Herr Meyer die publizistische Auseinandersetzung und weint sich beim Richter aus. Ich wundere mich schon seit längerer Zeit, warum sich Herr Ringier diesen Hofnarr leistet. Die offenichtliche Nibelungentreue von Herrn Ringier senkt konkret die Auflagenzahlen der von Frank A. Meyer missbrauchten Blätter. Mit einer nie gesehenen Selbstverständlichkeit bedient sich der Herr Meyer der Ringier-Medien, um sein Ego ins für ihn rechte Licht zu rücken. Wie lange müssen wir diese Posse noch ertragen?

  5. Bobby California:

    Peinlich ist er manchmal schon, der Herr Meyer. Aber verglichen mit dem Herr Mörgeli ist er mir doch richtig sympathisch. Der sitzt ja gerade in der rechten Ecke, um anderen einen Nazivorwurf anzuhängen! Es war Zeit, dass mal jemand versucht, ihm das Handwerk zu legen.

  6. Veröffentlichung auf der neuen Ringier-Blog-Plattform durch „Otto den F(r)iesen:

    Methode Meyer

    von Christioph Mörgeli, Weltwoche Nr. 21, 2006-05-25

    Jeder pflegt sein Hobby. Darunter finden sich Klassiker wie Sport treiben oder musizieren Manche mögen es ausgefallener und springen an Gummiseilen in die Tiefe. Noch einmal anders der Ringier-Publizist Frank A. Meyer; laut einem Porträt von Martin Beglinger ging Meyer früher einer etwas seltsamen Freizeitbeschäftigung nach: „Er kaufte Schallplatten von Hitler-Reden und lernte diese auswendig.“ Auswendig lernen heisst immer auch ein Stück weit verinnerlichen. Oder wie es die Franzosen ausdrücken: apprendre par coeur – mit dem Herzen lernen. Von Herzen hasst Meyer seither Manager, die er gerne als „Harvardbürschchen“ und „neue Fürsten“ beschimpft. Das sei ihm unbenommen. Nur steigen in seinem Zorn offenbar die alten Dämpfe wieder hoch, wenn er schreibt: „Die globalisierten Manager schlagen keine Wurzeln. Sie herrschen nicht über eigenen Besitz wie die Patrons (…). Sie sind nur am Rande mit der Gesellschaft und deren Staat verbunden.“ Wurzellos, ausserhalb der Gesellschaft, geldgierig, kein produktives Eigentum – das sind alles antisemitische Stereotype. Die Nationalsozialisten kannten keine „globalisierten Manager“, aber das „globalisierte Judentum“, das sie als „Weltjudentum“ beschworen. Ich habe Meyer vorgeworfen, er scheue sich nicht, seinen Antikapitalismus mit judenfeindlichen Bildern anzureichern. Dafür hat mich der Sonntagsblick-Kolumnist verklagt. Dabei gehört es zur Methode Meyer, seine Gegner mit Nazistischem Vokabular zu verleumden. Christoph Blocher bezeichnete er als „Führer der Bewegung“, „SVP-Führer“ und „Zürcher Führer“. Die SVP als „radikale rechte Führerpartei“ mit „Führerprinzip“, mich als „Propagandaminister“, den Bundesratsanspruch der SVP als „Marsch auf Bern“ – in Anlehnung an den faschistischen „Marsch auf Rom“ von Oktober 1922. Wenn Meyer vor der „Machtergreifung“ durch Manager warnt, greift er in die Nazi-Wortkiste für den 30. Januar 1933. Nun fordert Meyer eine Genugtuungssumme von 10’000 Franken. Ausserdem Soll meine Kolumne (Ausgabe Nr. 14.06) aus allen Datenbanken gelöscht werden. Bleibt das Problem der gedruckten Ausgaben. Will der antifaschistische Klassenkämpfer Meyer alle Exemplare aus Bibliotheken und Archiven räumen, einen Holzstoss entfachen und die Sammlung in die flammen werfen mit den Worten „Ich übergebe dem Feuer…“?

    Kommentar von Otto dem F(r)iesen: Man mag politisch noch so weit von der SVP entfernt sein, aber die Recherche von Prof. Ch. Mörgeli ist präzise und belegt. Da fragt sich der geneigte Leser schon, warum sich Herr Ringier die braune Sprachschleuder Frank A. Meyer weiterhin leistet. Die offensichtliche Nibelungentreue von Herrn Ringier gegenüber Frank A. Meyer lässt die Affäre Borer – in Anbetracht der jüngsten Recherchen von Prof. Ch. Mörgeli – in einem neuen, noch diffuseren Licht erscheinen. Aber dank „Otto dem F(r)iesen“ können sich nun die SonntagsBlick-Leser ein ausgewogenes (Web-)Bild machen…..

  7. Bobby California:

    Von wegen präzise und belegt. Im letzten Jahr sind die Bezüge der Topmanager um 18 Prozent gestiegen. Soll man das nicht kritisieren dürfen, weil die Nazis den Juden Geldgier vorgeworfen haben? Das ist total absurd. Kritik am Abzockertum hat doch nichts zu tun mit Verleumdung einer Bevökerungsgruppe. Herr Mörgeli hat nur eine günstige Gelegenheit gewittert, um Herrn Meyer auf billige Weise eins überzubraten. Hoffentlich wird er dafür gerecht bestraft.

  8. Mani P.:

    «Edgar Schuler ist Redaktor am Tages-Anzeiger.» Am Tages-Anzeiger? Wieso «am»?

  9. Das «am» entwickelt sich allmählich zum Evergreen. Edgar Schulers Erklärung findet sich hier.

  10. Mani P.:

    Wer Redaktor «am» Blatt ist, schreibt auch «im Schwange» oder «placiert». Und das nenn ich widerlich manieriert. Aber sein Text ist cool.

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