Denksport

Die Denker sind los. Wann immer sich heutzutage jemand von Bedeutung oder Unbedeutung in den Medien zu Wort meldet, beginnt er – und auch sie – diese Wortmeldung mit der Formulierung: «Ich denke, …». Egal, worum es sich dreht, am Anfang stehen immer dieselben zwei Worte. Der Kürzestsatz ist zum Stehsatz geworden.

Seien es Spitzenpolitiker oder Spitzensportlerinnen, CEOs, Experten oder Passanten: Beim Siegerinterview wie bei der zufälligen Strassenumfrage kommen lauter Anhänger des gepflegten Denkens oder zumindest des Denksports öffentlich zu Wort. Und sie denken öffentlich. Oder behaupten zumindest: «Ich denke …»

Früher bastelten die Politiker, die um eine originelle oder gar wahre Antwort verlegen waren, meist noch etwas längere Füllselsätze wie beispielsweise: «I dangge für die Froog» oder «Me mues das differenziert aaluege». Diese Floskeln aus dem Wörterfriedhof dienten wohl zum kurzen Nachdenken, was überhaupt zu sagen sei. Davon ist nur noch die Schrumpfform «Ich denke» übrig geblieben.

Zugegeben, oftmals ist man froh um diese Formulierung. Denn dass vor oder während des Redens gedacht worden ist, wird oft aus den folgenden Sätzen überhaupt nicht klar. Die zwei Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Cogito, ergo sum, soll es im Original einst geheissen haben. Heute liesse sich dies wohl am ehesten mit «Ich denke, also sprech ich» übersetzen.

Ich danke.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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