Maulbrüter (14)*: Species Britannicus

Von England lernen heisst, dem Selbstverständnis einer journalistischen Schreibkraft wieder auf die Beine helfen. Hier, in London, lese ich deshalb täglich den «Daily Express». Und warum? Weil er sich im Zeitungskopf dafür rühmt, «the world’s greatest newspaper» zu sein. Und dazu anmerkt: «and proud of it». Der Daily Express ist, das teilt er mir in der ersten Zeile auf Seite 1 mit: «The Paper that stands for real value und gives you real value for money». Die Lektion in positive thinking kostet mich only 35p, today and every weekday.

Doch gestern enttäuschte mich mein Fastfood-Psychotherapeut doch sehr. «Why the Queen must reign over us for all her life», wollte er mir auf Seite 5 erklären. Ein Grund mehr, dachte ich, in ihn 35p, die keine Krankenkasse bezahlen muss, zu investieren. Auf der nämlichen Seite wurde mir indes vom königlichen Korrespondenten lediglich eine Umfrage vorgestellt, aus der hervorgehen soll, dass die Queen in der Woche ihres 80. Geburtstags, denn den feiern wir alsbald, von 57 Prozent der Engländer auf ihrem Alterssitz gutgeheissen wird. Und mehr noch: England ist der Ansicht, HM (Her Majesty) soll nach 54 Jahren an ihrem Platz auch ihr restliches Leben dort bleiben dürfen. Nur 12 Prozent würden HM gerne zugunsten von Charles und Camilla zurücktreten sehen.

Charles nämlich, dazu braucht man keine Umfrage, hat mindestens drei schwerwiegende Charakterfehler. Er hat Diana nicht geliebt, sondern fühlt sich zu Pferden hingezogen, sprich: er liebt Camilla. Und die ist das unpopulärste Mitglied der königlichen Familie überhaupt. HM also, so das Fazit, sei populär – und vor allem gesund – genug, um im Alter von 80 Jahren weiterhin die Verantwortung für ihr Land zu tragen.

Mehr konnte ich für 35p nicht erfahren. Und das schien mir nun doch sehr wenig. Denn die Frage, die ich mir seit je stelle, blieb auch diesmal ohne Antwort. Why ist diese Queen so furchtbar gesund und sieht dazu auch noch so alterslos aus, dass man sie noch immer arbeiten lässt, während wir bereits mit 50 an der Futterkrippe Platz machen sollen?

Ich habe lange nachgedacht und bin auf Folgendes gekommen. HM ist so gesund geblieben, weil sie die Irritationen des täglichen Leben nicht kennt. Sie hat nie gegen einen Warmwasserboiler kämpfen müssen, gegen Schmutzränder jedweder Art und undichte Fenster. Sie hat nie auf ein Taxi gewartet oder in Gatwick oder Manchester Airport auf eine Kamikaze-Maschine von Ryan Air; sie hat an keinem Bank- oder Postschalter je Schlange gestanden – oder vor einem Restaurant, das das Glück hat, im «Time out» empfohlen zu werden.

Doch, was sie wirklich dazu brachte, mit 80 Jahren genauso auszusehen, wie mit 20, hat einen ganz besonderen Grund: HM änderte nie ihre Frisur! Man muss nicht Sigmund Freud oder Vidal Sassoon gelesen haben, um zu wissen, wie exzessive Haarpflege die Gesundheit der weiblichen Psyche belastet. Färben, Bleichen, Strecken, Dauerwellen, «Ist-dieser-Haarschnitt-zu alt/zu jung-für-mich?» – all das macht uns Frauen alt vor unserer Zeit. HM muss sich damit nicht befassen. Sie hat sich vor 60 Jahren für einen Stil entschieden, und den pflegt sie entschieden, bis sie das Zeitliche segnen wird.

Doch ist es ein Zufall, dass der (dienst)älteste Herrscher, der by the way im selben Jahr wie die Queen geboren wurde, dieselbe Strategie anwendet, um jung zu bleiben? Fidel Castro hat in seiner Amtszeit sein Kopf- und Barthaar um kein Jota geändert; genauso wenig wie seine politische Überzeugung. Das muss uns zu denken geben, denke ich.

Man könnte sagen, der hair style der Queen ist das Markenzeichen für die Frau: standhaft, solide und wahr. Andererseits kann man auch behaupten, dass HM dazu gezwungen wurde. Es ist die Briefmarke, isn’t it? Ihr Kopf ist auf der Marke, und deshalb sind Kontinuität und Erkennbarkeit wichtig. Oder soll ein ganzes Volk vor dem Post Office am Kopf kratzen, schimpfend: «Goodness, 32p – ist das nun eine Marke erster oder zweiter Klasse? And who’s that bird?»

Daniele Muscionico ist Journalistin bei der «NZZ» und Trägerin des Zürcher Journalistenpreises 2004.

Siehe auch «Maulbrüter (1)», «Maulbrüter (2)», «Maulbrüter (3)», «Maulbrüter (4)», «Maulbrüter (5)», «Maulbrüter(6)» , «Maulbrüter(7)», «Maulbrüter(8)», «Maulbrüter(9)», «Maulbrüter(10)», «Maulbrüter(11)», «Maulbrüter (12)» und «Maulbrüter (13)».

von Daniele Muscionico | Kategorie: Mediensatz

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