We need Cleans-Man

Die vergangenen Tage wurden – zumindest für einen Teil der (männlichen) Bevölkerung – von einem einzigen Medienthema dominiert. Jürgen Klinsmann, seines Zeichens deutscher Bundestrainer, hat endlich die Entscheidung gefällt: Jens Lehmann, nicht Oli Kahn ist an den Fussball WM 2006 Torhüter Nr. 1 der deutschen Nationalmannschaft. Und dies ausgerechnet schon im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica auf feindlichem Münchner Territorium. Neben solchen historischen Entscheidungen versickern zum Beispiel Hochwassermeldungen im Osten umgehend in den Köpfen der Wessis.

Die ganze Welt blickt neidisch auf Deutschland, auf das Land des grossen Entscheidungsträgers Klinsmann. Endlich, nach Kohl, dem Aussitzer und weiteren zögerlichen Nachfolgern, hat die Nation wieder eine Leaderfigur. Nicht umsonst haben sich auch Herr Schäuble und Frau Merkel um Klinsi bemüht und ihn gegen den Kaiser in Schutz genommen, als seine Jungs auf den Deckel bekamen.

«Lehmann ist um einen Tick besser!» hat Klinsmann gesagt, der als Stürmer oft auch schon einen Tick zu spät gekommen ist. Anzunehmen, dass die US-Amerikaner, sofern sie das deutsche Medienereignis auf ihrer Seite des Grossen Teiches ebenfalls zur Kenntnis genommen haben, Klinsmanns Entscheidung mittragen. Schliesslich hat der deutsche Bundestrainer seinen ersten Wohnsitz in Kalifornien. Und dort, davon sind wir überzeugt, hat er gelernt, wie man grosse Entscheidungen trifft, wie man den Kampf gegen das Böse – «The Evil» –, sei es Saddam Hussein oder Bin Laden (in Klinsis Fall Frankensteins Münchner Monster Oli), aufnimmt.

Anzunehmen ist auch, dass in Kalifornien (sicher auch in Texas) Klinsmanns Name englisch ausgesprochen wird: Cleans-Man. Und damit ist er ja sicher in den Augen der meisten Amerikaner ein Geistesverwandter des Bush-Man, der seinerzeit um einen Tick glücklicher war als sein Herausforderer Kerry.

Auch in England hat Klinsmanns Entscheid eingeschlagen: Schliesslich kennen die Engländer den designierten deutschen Goali Lehmann bestens, spielt er doch im Tor des Londoner Clubs Arsenal. Die Briten sind wohl davon überzeugt, dass sich Cleansman nicht nur deshalb für Lehmann entschieden hat, weil dieser in England spielt und einen Tick besser ist als Kahn, sondern auch darum, weil die Briten einen ausgesprochenen Sinn für Wortspiele haben: Sie werden den Namen des Arsenal-Goalies wohl lustvoll als «Lee-Man» aussprechen, denn auf der Insel weiss ja jedes Kind, dass leeward soviel wie leewärts bedeutet: Lee ist die dem Wind abgewandte Seite eines Schiffes, und Lee-Man ist somit der Mann auf der andern Seite vom Kahn. Was lehrt uns das?

Jürgen, der Entscheidungsfreudige, hat in seinen kalifornischen Wanderjahren einiges gelernt und kann das jetzt in Deutschland brauchen. Das macht Hoffnung. Einmal mehr kommen von drüben vitale Impulse zu uns nach Europa.

Cleansy hat Hoffnung gesät, auch in der Schweiz. Wir möchten doch alle, dass Cleansys Entscheidungsfreude auch in der so entscheidungsschwachen Eidgenossenschaft Schule macht. Schaffen wir die Demokratie ab. Wir brauchen jemanden, der cleane Entscheidungen fällt. Wir brauchen einen Cleansy, der uns vor dem Bösen bewahrt. Cleansy Blocher oder Cleansy Maurer. Oder Cleansy «Little Morning». Wir wollen saubere Entscheidungen und eine Politik, die um einen Tick sauberer ist als das, was bisher in unserm Land praktiziert wurde. Der neue Werbeslogan der SVP ist schon geboren, schliesslich soll ja die englische Sprache schon früh in den Schulen Fuss fassen: «He Sie, Clean sii!»

Sollte Klinsmann scheitern, kann er als Clean(s)-Man in der amerikanischen Regierung aufräumen.

Peter Zeindler ist Schriftsteller und Journalist.

von Peter Zeindler | Kategorie: Mediensatz

2 Bemerkungen zu «We need Cleans-Man»

  1. Entscheidungsfreudig? Na ja! Schliesslich mussten sich Lehmann und Kahn ein paar wenige Monätchen duellieren. Und nur auf Druck von Bayern hat sich Klinsi (in England gern „The Diver“ genannt) so früh entschieden.

  2. Jens:

    Beim Projekt Fussballhelden ist seit Januar 2006 Jens Lehmann gesetzt! Da schneidet das Panini Sammelbilder-Album sehr schlecht ab daneben…

    Ach ja, wenn doch nur die Schweiz auch ein derart nobles Torhüterproblem hätte. Stattdessen haben wir ein anderes…

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