Das Informationsloch

Das war ein ganz besonderer Martinstag. Denn er hatte noch eine besondere Martinsnacht. Durch das berühmte Martinsloch hoch über Elm im Glarnerland schien am 15. März sowohl die Sonne als auch der Mond am gleichen Tag. Ein seltenes Ereignis. Und die Fernsehsendung «10 vor 10» verkaufte uns dies in ihrem gewohnten Stil als Jahrhundertsensation. Wir starrten gebannt und gespannt.

Da sahen wir dann eine verschwommene dunkle Bergsilhouette vor einem dunklen himmlischen Hintergrund. Und irgendwo knapp unter der Krete liess sich ein Loch erahnen, in dem eine matt glimmende Glühlampe auszumachen war, die uns staunenden Zuschauern als Mond vorgestellt wurde. Fernsehbilder von grobem Schrot und Korn. Und ein paar fröhliche Menschen schilderten uns in einer Umfrage begeistert, wie wunderbar doch dieses Schauspiel sei. Sie hätten’s uns auch am Radio erzählen können. Der Effekt wäre derselbe gewesen

Es gibt Dinge, die kann man am Fernsehen nicht zeigen. Da wird das Fernsehen zum Versehen. Wenn’s um News geht beispielsweise, sind nur ein Staatsempfang oder ein Sportevent (neudeutsch für Veranstaltung) wirklich fernsehtauglich. Da weiss man von vorneherein und ganz genau, wann und wo das Ereignis stattfindet. Bei Aktualitäten ohne Ankündigung hingegen filmt der Kameramensch rauchende Trümmer, und der Reportermensch erzählt dazu die traurige Geschichte im Stil einer Märlitante.

Das klassische Theater gebrauchte dafür den Begriff Teichoskopie, einen meiner Lieblingsausdrücke aus dem Fremdwörter-Duden. Er bezeichnet den Kunstgriff, den Schauspieler auf der Bühne in die Kulisse blicken und die tumultuöse Schlacht schildern zu lassen, die dort angeblich gerade tobe. Und mit normalen Theaterensembles nicht darstellbar ist. Die Fantasie des Publikums übernimmt dann eben die Hauptrolle.

In der finsteren Nacht erhellen Bilder genauso wenig. Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte. Aber nur, wenn man darauf etwas sieht. Sonst übernimmt auch bei der Sensation im vertiefenden Fernsehnachrichtenmagazin, beim Bericht über den Mond im Martinsloch, die Fantasie des Publikums die Hauptrolle. Das ist ja auch schon etwas.

2058 soll es wieder so weit sein. Wir können’s kaum erwarten.

Martin Hauzenberger ist Journalist und Liedermacher.

von Martin Hauzenberger | Kategorie: Mediensatz

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