Vom Bilderverstehen

«Man kann mit Bildern noch mehr manipulieren als mit Worten», sagte – es liegt schon einige Zeit zurück – der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble in einem Gespräch mit der «Süddeutschen Zeitung». Und fügte hinzu: «Fotos haben ein höheres Mass an Glaubwürdigkeit, obwohl sie auch manipulieren und die Wahrheit verzerren können.» Es ist in der Tat erstaunlich, wie sehr wir Fotografien vertrauen, obwohl wir doch alle wissen, wie leicht sie gefälscht werden können.

Und natürlich wissen wir auch um die Problematik des Auswählens und des Weglassens. Und trotzdem ist unser Vertrauen in Fotos, darauf, dass sie wahrheitsgetreu abbilden, was sich dem Kamera-Objektiv darbietet, weitgehend ungebrochen.

Anders als Reporter, die in Kriegszeiten häufig an bessere Informationen gelangen, wenn sie nicht zuvorderst mit dabei sind, müssen Fotografen an der Front mittun, um zu Bildern des Kampfgeschehens zu kommen. Ein Fotoreporter ist per Definition ein Augenzeuge, und Augenzeugen geniessen nun mal erhöhte Glaubwürdigkeit.

Eine nicht ganz unproblematische Praxis, denn wie sagt doch das russische Sprichwort so treffend: «Er lügt wie ein Augenzeuge.» Auch ist Augenzeugen-Irrtum in den USA der wichtigste Grund für unrechtmässige Gefängnisstrafen, wie uns die amerikanischen Rechtsanwälte Barry Scheck und Peter Neufeld sagen.

Trotzdem: Dem Augenzeugen haftet das Flair des Dabeigewesenseins, des Authentischen an, und Solches ist dem Hörensagen zu Recht immer noch weit überlegen. Und zudem: Wir vertrauen bei Fotos eben nicht nur dem Fotografen, sondern mindestens so stark der Kamera. Mit «Zeugen sind keine Kameras» hat der Zürcher «Tages-Anzeiger», einen Flugzeugabsturz kommentierend, dieses Phänomen einmal treffend auf den Punkt gebracht.

Der Fotograf wählt aus, die Kamera bildet ab und der Kopf beziehungsweise das Gehirn des Betrachters macht ein Bild daraus. Sehen wir also alle immer etwas anderes? So viele Bilder wie es Köpfe gibt? Keine Verbindlichkeiten, nur kulturelle Diversitäten? Sieht der Chinese den Eiffelturm anders als der Sizilianer?

Als gesichert mag gelten, dass eine japanische Kamera das Matterhorn dergestalt abzubilden vermag, dass ein Zermatter ein Foto dieses Hornes klar identifizieren wird. Genauso wenig steht in Zweifel, dass ein amerikanischer Kodak-Film einen Tempel in Bangkok so abbilden wird, dass er sowohl für Thais als auch für Amerikaner als derselbe erkennbar ist.

Physiognomische Gründe, in einem Foto von einem Haus etwas anderes zu sehen als ein Foto von einem Haus, gibt es nicht, wohl aber kulturelle, sprich ideologische. Das berühmte Bild vom Pekinger Tiananmen-Platz, auf welchem sich ein Protestierender einem Panzer in den Weg stellt, ist in der westlichen Welt – zumindest laut der westlichen Presse – als heroischer Akt für Demokratie und für die Freiheit des Individuums interpretiert worden, im Osten hingegen (dies die offizielle staatliche Lesart) als bewundernswerte Zurückhaltung seitens des Panzerkommandeurs betrachtet worden, dem es doch ein Leichtes gewesen wäre, den protestierenden Mann über den Haufen zu fahren.

Als «Westler» werde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit zu der im Westen vorherrschenden Lesart «David gegen Goliath» tendieren. Damit ist indes noch nicht gesagt, dass mich das Bild emotional auch erreicht. Bin ich zum Beispiel ein Demokratie-Aktivist, so werde ich die Aufnahme wohl anders wahrnehmen als, sagen wir, der Bewohner eines demokratischen Landes, der ohne grosse Begeisterung – und als Folge der unablässigen Absichtserklärungen von Politikern illusionslos geworden – den Gang zur Urne unter die Füsse nimmt.

Hängt also das, was ich in einem Bild sehe, davon ab, welcher Kultur ich angehöre? Sicher auch, aber nicht nur. Es hängt auch davon ab, ob man Frau oder Mann, gross oder klein, dick oder dünn ist, was man für Vorlieben und Abneigungen hat und in welcher Stimmung man sich gerade befindet.

Doch vor allem hängt es davon ab, was man in einem Bild sehen will.

Hans Durrer (www.hansdurrer.com) ist freier Journalist mit Schwerpunkt Fotografie und Medien.

von Hans Durrer | Kategorie: Mediensatz

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